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    Have A Nice Day
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Have A Nice Day

    Die chinesische Antwort auf "Fargo"!

    Von Christoph Petersen
    Ausgemergelte Hunde, heruntergekommene Häuser, zerrissene Poster, ständiger Smog – wenn nach diesen ersten Impressionen einer südchinesischen Stadt zum ersten Mal der Titel „Have A Nice Day“ eingeblendet wird, dann ist das schon nach diesen wenigen Sekunden Spielzeit der reinste Hohn. (Ironischerweise hat Regisseur Jian Liu, der Erschaffer dieser hoffnungserdrückenden Beton-Wüste, in den 90er Jahren selbst chinesische Landschaftsmalerei studiert.) Und wenn der Titel nach 75 Minuten zu Beginn des Abspanns noch ein zweites Mal auf der Leinwand erscheint, dann ist er an verbittertem Zynismus kaum noch zu überbieten - „Have A Nice Day“ ist eine schwarzhumorige Abrechnung mit einer abgefuckten, moralisch verendeten „schönen neuen Welt“: so etwas wie die chinesische Antwort auf „Fargo“ – nur noch viel aussichtsloser. Und in großflächig-minimalistischen Animationsbildern, die diese düstere Weltsicht noch unterstreichen.  

    Wie sehr die Menschen sich mühten, nachdem sich einige Hunderttausend von ihnen auf einem kleinen Raum angesammelt hatten, die Erde, auf der sie sich drängten, zu verunstalten, wie sehr sie den Boden mit Steinen zurammten, damit nichts darauf wüchse, wie eifrig sie ihn von jedem hervorbrechenden Gräschen reinigten, wie sehr sie mit Steinkohlen, mit Erdöl die Luft verpesteten, wie immer sie die Bäume beschnitten, alle Tiere und Vögel verjagten - der Frühling war Frühling, sogar in der Stadt.




    „Have A Nice Day“ beginnt mit einer Einblendung dieses Zitats aus Leo Tolstois „Auferstehung“ – und so hält man die folgenden 75 Minuten Ausschau nach einem ersten Anzeichen dieses widerständigen Frühlings, aber das Warten bleibt ein vergebliches: Der Fahrer Xiao Zheng hat seinem Boss eine Million Yuan geklaut, um seiner Freundin nach einer missglückten Schönheitsoperation eine Reparatur in Korea bezahlen zu können. Aber da hat er die Rechnung ohne seine Mitmenschen gemacht – denn bei der Aussicht auf eine solche Summe (etwa 129.000 Euro) fliegt bei jedem von ihnen die Moral über Bord. Nach und nach jagen immer mehr Parteien - vom kalten Auftragsmörder bis zur frustrierten Imbissverkäuferin - der Geldtasche nach. Dabei scheint von vorneherein ausgeschlossen, dass einer von ihnen am Ende mit der Beute glücklich und zufrieden bis ans Ende seiner Tage leben könnte - denn dazu müssten die Figuren ja Träume, Wünsche oder Pläne haben, aber die entlarvt Regisseur und Drehbuchautor Jian in „Have A Nice Day“ erbarmungslos als bloße Hirngespinste.

    Einer der Männer will das Geld gar nicht verprassen, sondern sich sehr genau überlegen, wie er damit ein Start-up gründen kann und wie sein weiteres Leben aussehen soll – bevor er mit seinem Hammer auf einen Polizei-Blitzer einschlägt und sich mit dem folgenden Stromschlag selbst ausknockt. Auch der religiöse Glaube ist nur noch purer Opportunismus: „Wer glaubst du, würde in einem Kampf zwischen Gott und Buddha gewinnen? Ich will nämlich an den Stärkeren von beiden glauben.“ Wobei das mit den klassischen Göttern sowieso längst passé zu sein scheint, immerhin werden in diesem allzu realen Animations-Albtraum inzwischen selbst Allerweltsfloskeln wie „Wir alle haben einen Traum“ oder „Folge deinem Herzen“ konsequent dem Gott-Ersatz Steve Jobs zugeschrieben. Der einzige echte Hoffnungsschimmer für die nächste Generation scheint eine Flucht in den Westen – deshalb schickt der Bohnenstange genannte Auftragskiller seine Tochter auch auf ein arschteures College in den USA. Aber auch mit diesem Traum scheint es nicht weit her zu sein, schließlich hören wir einmal kurz einen Redenschnipsel im Autoradio: „…einen Anruf von Ministerin Clinton bekommen. […] ich habe ihr und ihrer Familie gratuliert zu einer sehr, sehr engagiert geführten Kampagne. Ich finde, sie hat sehr engagiert gekämpft.“

    Fazit: Anspruchsvolle Animationskunst - bis zum Erbrechen fatalistisch, aber das auf eine pointierte, philosophische und nie selbstzweckhafte Weise.

    Wir haben den Film im Rahmen der Berlinale 2017 gesehen, wo „Have A Nice Day“ als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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