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Die Göttliche Ordnung
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Die Göttliche Ordnung
Von
Vor dem Zubettgehen wird bei der Schweizer Mittelstandsfamilie Ruckstuhl von der großen weiten Welt geträumt. Mit zugehaltenen Augen lässt Hausfrau Nora den Zufall entscheiden, welchen Ort auf dem Leuchtglobus ihr Finger in wenigen Sekunden antippen wird – und über genau jene Gegend auf der Erde erzählt sie dann ihren beiden Söhnen etwas. Dieses Mal „landen“ die drei jedoch mitten auf dem Pazifischen Ozean, was die Sache etwas schwierig macht. Also sinniert Nora über die vielen Fische, die von so schönen Dingen wie Luft oder Wärme gar nichts mitbekämen. Mit dieser Szene nimmt Regisseurin Petra Volpe („Traumland“) schon früh symbolisch Bezug auf das zentrale Thema ihrer in den 1970er Jahren angesiedelten dramatischen Komödie „Die göttliche Ordnung“: die Unterdrückung und erst noch mühsam zu erkämpfende Emanzipation der Frau. Weite Teile des durchaus vergnüglichen Films sind dabei ebenso holzschnittartig geraten wie die Meeres-Allegorie selbst (schließlich können Fische außerhalb des Wassers praktisch gar nicht überleben, an der Ausübung des Wahlrechts hingegen ist noch keine Frau gestorben) – und zudem verpasst Volpe auch den Verweis auf die anhaltende Aktualität der Materie.
 
Die brave, eher unscheinbare Nora (Marie Leuenberger, „Schubert In Love“) lebt mit ihrem Ehemann Hans (Max Simonischek, „Der Verdingbub“), ihren zwei Söhnen sowie ihrem Schwiegervater Gottfried (Peter Freiburghaus) in der ländlichen Schweiz zusammen unter einem Dach. Ihr Alltag ist geprägt von Tätigkeiten wie Waschen, Putzen und Kochen, doch bald entdeckt Nora eine Stellenanzeige für einen Bürojob, um den sie sich bewerben möchte. Hans ist damit gar nicht einverstanden, aber als Frau benötigt Nora nach dem Gesetz in zahlreichen Angelegenheiten – wie auch hier – die Zustimmung des Gatten. Nun beginnt sie, innerhalb ihrer Gemeinde für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts einzutreten und bewirbt insbesondere das Frauenwahlrecht, über das eine landesweite Abstimmung bevorsteht. Zwar schart die langsam über sich hinaus wachsende Nora immer mehr Verbündete um sich, stößt aber auch auf hartnäckigen Widerstand…




„Das Private ist politisch“ lautet die bekannte Parole der sogenannten zweiten Welle der Frauenbewegung aus den 1970er Jahren. Was damit gemeint ist, wird in „Die göttliche Ordnung“ unmissverständlich deutlich, sobald Nora ihrem Mann ihre beruflichen Ambitionen offenbart – diesem nämlich scheint es ganz gelegen zu kommen, dass seine Frau den gesamten Tag von sozialen Kontakten isoliert in der Wohnung verbringt, denn so trifft sie wenigstens keine anderen Männer, mit denen sie ihn betrügen könnte. Und dabei hat er als Familienoberhaupt sogar das geltende Recht auf seiner Seite. Es sind in „Die göttliche Ordnung“ aber durchaus nicht nur die Frauen, die unter den überkommenen Geschlechterrollen leiden. So ist Hans‘ Bruder Werner (Nicholas Ofczarek, „Jesus liebt mich“) todunglücklich als Erbe und Oberhaupt des familiären Bauernhofs. Wenn er allerdings seine milde rebellische Teenager-Tochter Hanna („Tiger Girl“-Star Ella Rumpf als Abziehbild der aufmüpfigen Jugendlichen mit Minirock und Rockerfreund) ins Erziehungsheim schickt, ohne überhaupt ernsthaft mit seiner Frau Theresa (Rachel Braunschweig) zu reden, dann ist dies wiederum so plakativ inszeniert, dass es allzu leicht fällt, sich von seinem Verhalten zu distanzieren.   

Nora jedenfalls erklärt dem Status quo der Geschlechterverhältnisse ziemlich spontan den Krieg und wandelt sich etwas plötzlich vom Heimchen zur  Kämpferin in engen Jeans und mit neuem Haarschnitt. Dabei ist das Frauenwahlrecht nur ein Ziel, es natürlich um weitaus mehr: Weil ihnen bislang in wichtigen Lebensbereichen die Entscheidungen schlichtweg abgenommen wurden, begannen viele Frauen zur Handlungszeit erstmals, sich überhaupt mit ihren jahrelang unterdrückten Bedürfnissen oder auch der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen, was Regisseurin Petra Volpe auch in einem lockeren Tonfall herausarbeitet - allerdings fungieren auf diesem Weg vor allem die gegnerischen Nebenfiguren überwiegend als reine Stichwortgeber. Das reicht vom verstockt-konservativen Schwiegervater bis zur verdrossenen Unternehmerin Charlotte Wipf (Therese Affolter, „Stammheim“), die sich zur Wortführerin der Nein-Sager aufschwingt. Dass sich eine Frau so vehement gegen ihre Geschlechtsgenossinnen stellt, hat etwas Irritierendes, denn so recht nachvollziehbar wird es nicht. Die komplexeren strukturellen Aspekte der Thematik kommen im Film insgesamt zu kurz und damit fehlt auch die klare Linie in die trotz allem längst noch nicht rosige Gegenwart. Regisseurin Volpe setzt vielmehr auf einen versöhnlichen Ausgang und auf einen optimistischen, wenn auch hübsch ironischen Schlusspunkt – was zum größtenteils eher harmlosen Humor von „Die göttliche Ordnung“ passt.

Fazit: Sie streikt, er schmeißt den Haushalt - Petra Volpes unterhaltsame Emanzipationskomödie hat das Herz am rechten Fleck, fällt aber recht schematisch und sehr zahm aus.

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Kommentare

  • Tara L.

    Anstatt die 'Haare in der Suppe' zu finden, sollten wir doch lieber mal schauen, was der Film mit einem/ mit den Menschen im Publikum macht. Was ist die Vision dahinter? Selbst wenn die Geschichte in der Vergangenheit spielt, ist sie hoch aktuell: erstens: wie sieht es in anderen Ländern aus? Tiefstes Mittelalter! Die haben aufzuholen! Zweitens: obwohl wir die Gesetze schon zum Recht der Frauen haben, sind die Muster in Kopf bei den meisten noch nicht frei. Also der Film ist absolut sehenswert, verdient 5 Punkte und ist ein MUSS für jede Frau und jeden Mann!

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