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Beach Bum
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Beach Bum

Der kleine Bruder vom weiter einzig wahren Dude

Von Carsten Baumgardt
Er hat sich lange Zeit gelassen. Stattliche sechseinhalb Jahre nach der Premiere seines ebenso umstrittenen wie genialen Acid-Trips „Spring Breakers“ bringt Indie-Ikone Harmony Korine („Trash Humpers“) endlich einen neuen Film an den Start: In der satirischen Komödie „Beach Bum“ kifft, kokst und säuft sich Oscarpreisträger Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“, „Interstellar“) als reiches, aber verlottertes Schriftsteller-Genie durch den Tag. Wie bei Korine üblich, spielt die Handlung, die sowieso erst nach der Hälfte überhaupt gewisse Strukturen erkennen lässt, nur eine sehr untergeordnete Rolle. Stattdessen erweist sich „Beach Bum“ vielmehr als eine Art Nummernrevue in farbenprächtiger Digital-Optik und mit einem hervorragenden Soundtrack. Trotz des stimmigen Rahmens erweist sich aber ausgerechnet die destruktive Hauptfigur als Problem, denn zu der kann man als Zuschauer nur schwer eine Verbindung aufbauen.

Am liebsten lungert Moondog (Matthew McConaughey) in seinem kleinen Haus auf den Florida Keys herum und lässt es sich gut gehen. Betäubungsmittel jeder Art, Frauen (gern auch ältere), das ganze Programm. Und weil der Mittvierziger den ganzen Tag lang Marihuana-Tüten wegqualmt, ist Moondog immer relaxt. Ab und zu schippert er nach Hause zu seiner steinreichen Frau Minnie (Isla Fisher), die in einem palastartigen Anwesen in Miami residiert. Die beiden führen eine offene Beziehung, deswegen stört sich Moondog nicht daran, dass Minnie sich bei Bedarf Hausfreund Lingerie (Snoop Dogg) ins Bett holt. Minnie wiederrum hält ihren geliebten Mann für ein Genie, das eben seine Freiheiten braucht. Moondog ist ein gefeierter Poet und Schriftsteller, doch ein neues Buch ist derzeit nicht in Sicht. Doch als Minnie bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt, hinterlässt sie in ihrem Testament die Bedingung, dass Moondog sich das Erbe mit ihrer gemeinsamen Tochter Heather (Stefania LaVie Owen) nur unter einer Voraussetzung teilen darf: Er muss einen neuen Roman veröffentlichen…

Nur echt mit Gummipuppe: Matthew McConaughey ist der Beach Bum!


Seinen Durchbruch feierte Harmony Korine mit dem Drehbuch zu Larry Clarks radikalem Teenager-Skandalfilm „Kids“ (1995). Die Werke des eigenwilligen Filmemachers, der Arthouse-Legenden wie Jean-Luc Godard („Außer Atem“), John Cassavetes („Gloria“), Werner Herzog („Aguirre, der Zorn Gottes“) und Andrei Tarkovski („Stalker“) zu seinen Vorbildern zählt, prägen dabei seit jeher wiederkehrende Motive: Schwarzer Humor und allerlei Absurditäten jeder Art gehören dazu, aber auch Themen wie verdorbene Kindheiten, geistige Dysfunktionen und strukturelle Armut. Die meisten davon finden nun auch in „Beach Bum“ Widerhall, nur das mit der Armut kehrt Korine dieses Mal ins exakte Gegenteil um: Denn hier protzen die Figuren mit ihrem Reichtum, dass es nur so kracht. Diese Neureichen-Attitüde ist natürlich ein gefundenes Fressen für Korine, der sie dann auch sogleich genüsslich aufs Korn nimmt.

Erzählerisch kommt „Beach Bum“ allerdings nur schwer in Gang. Die erste Hälfte des Films besteht mehr oder weniger nur aus den Figuren. Man hängt mit ihnen im Kino ab. Moondog dröhnt sich alles rein, was er in die Finger bekommt, vögelt mal hier, mal da, trägt gern Frauenkleider (Achtung, lustig!) und wird allerorten als Über-Schriftsteller angehimmelt. Hier schlägt Korines subversive Ader voll durch, denn Moondog bleibt trotz seines poetischen und musischen Talents ein krasser Außenseiter innerhalb des Systems der Reichen und Schönen. Mit seinen zottelig-ungepflegten Haaren und dem Gammlerlook passt er optisch besser zu seinen obdachlosen Freunden, mit denen er in einer Szene nach seinem Rauswurf aus dem Paradies in seine Villa fährt und in einem sinnlosen Akt der Zerstörung alles kurz und klein schlägt.

Moondog ist kein Dude Lebowski


Während der Plot auf der Stelle tritt, wirft Korine seinem Publikum vornehmlich skurrile Idee und Kuriositäten entgegen, etwa wenn der unangepasste Moondog bekifft durch seine Welt schwebt, seinen drögen Schwiegersohn beleidigt, Passanten aus Spaß ins Wasser schmeißt und später im Rausch einen Rentner in seinem Rolli verprügelt, um das ausgedörrte Portemonnaie wieder aufzufüllen. An dieser mindestens ambivalenten Figur werden sich die Geister scheiden. Denn Moondog ist definitiv kein neuer Dude! Er ist nicht einmal halb so cool, obwohl sich Matthew McConaughey (mit angeklebten Extensions) größte Mühe gibt, in die Fußstapfen von Jeff Bridges in „The Big Lebowski“ zu treten.

Die Episodenhaftigkeit des Films unterstreichen auch die zahlreichen Gastauftritte von Hollywood-Prominenz wie Zac Efron (als Rehab-Insasse), Jonah Hill (als schmieriger Agent Moondogs) oder Martin Lawrence, der als Delphin-verrückter Freizeit-Kapitän in einer bizarren Splatter-Episode das verrückteste Cameo hat und hier acht Jahre nach „Big Mamas Haus 3“ sein Kinocomeback feiert.

Auch modisch voll auf der Höhe: Kiffer-Poet Moondog!


Während „Beach Bum“ nur wenig erzählerische Substanz zu bieten hat, ist die Komödie visuell und akustisch eine echte Wucht. Kein Wunder, Kameramann ist wieder Benoit Debie („Enter The Void“), der diesmal zwar nicht ganz so einen unwiderstehlichen Bildersturm wie in „Spring Breakers“ entfacht, aber stilistisch oft ähnlich coole Einstellungen liefert. Und eine atmosphärisch magische Sequenz hat „Beach Bum“ auch, wenn eine Party in The Cures himmlisches „Just Like Heaven“ zu grandiosen Bildern im nächtlichen Farbenrausch übergeht.

Überhaupt ist der superbe Soundtrack zwischen The Cure, Country von Jimmy Buffett (der mit Snoop Dog noch ein aktuelles Stück beisteuert) oder Folk von Gerry Rafferty und Gordon Lightfoot superrelaxt-stimmungsvoll. Was „Beach Bum“ gerade im Vergleich mit seinem Vorgänger jedoch fehlt, ist die aggressive Angriffslust. In der FILMSTARTS-Kritik wird „Spring Breakers“ beschrieben als „flackerndes Party-Biest – eine knalllaute, sperrige, schräge und abgefahrene Satire und ein Bilderrausch an der Grenze zum Epilepsie-Anfall“. Das Aufregende fehlt „Beach Bum“ allerdings, zu oft plätschert er einfach nur mit einigen netten Gags und Gemeinheiten gespickt dahin. Die Spitzen gegen die übersättigte Gesellschaft wirken auch eher müde und abgegriffen. „Ich will einfach nur Spaß haben“, rechtfertigt Moondog sich an einer Stelle des Films. Das ist okay, aber Korine hatte auch schon mal mehr zu sagen.

Fazit: Harmony Korines „Beach Bum“ ist eine eigenwillig-verspielte satirische Komödie, die allerdings mehr durch ihre exzellente Optik und ihre bizarren Details als durch tatsächlich treffende Spitzen oder eine starke Geschichte überzeugt.

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