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    Unersetzlich
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Unersetzlich
    Von Antje Wessels
    Regisseurin Stephanie Laing („Veep“) weiß, was zu einer erfolgreichen Romanze gehört. Mit postkartentauglichen Bildern, einem gefälligen Soundtrack und zwei sympathischen Hauptdarstellern bietet sie in ihrer Netflix-Produktion „Unersetzlich“ viele bewährte Zutaten. Zudem ist auch ihre Prämisse „Todkranker junger Mensch kämpft um seine große Liebe“ seit dem Hit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ besonders in Mode, aber ihre irgendwo zwischen „Ich und Earl und das Mädchen“, „Ein ganzes halbes Jahr“ und besagtem „Das Schicksal ist ein mieser Vertreter“ verortete Variante gerät trotzdem nicht austauschbar. Sie besticht vielmehr mit besonderem Feingefühl, was sie vom Gros der Genrekonkurrenz abhebt.

    Abbie (Gugu Mbatha-Raw) und Sam (Michiel Huisman) sind schon seit Kindertagen ein Paar. Erst kürzlich haben sich die beiden verlobt und sehen einer rosigen Zukunft entgegen. Sogar Nachwuchs steht ins Haus. Doch als das Paar zum ersten Mal bei der Frauenärztin vorstellig wird, zerplatzt ihr Traum vom Familienglück: Das vermeintliche Baby ist in Wirklichkeit ein gefährlicher Krebs-Tumor und Abbie stehen zermürbende Chemotherapien und eine Operation bevor. Bald muss sie der Tatsache ins Auge blicken, dass sie nur noch kurze Zeit zu leben hat. Und so versucht die junge Frau nicht bloß, eine Nachfolge-Freundin für Sam zu finden, sondern macht ihm auch Pläne für all die Dinge, die sie nicht mehr für ihn erledigen kann. Als die ersten Behandlungen gut anschlagen, vergessen Abbie und Sam die Krankheit schon fast, aber die harte Realität bleibt: Abbie wird sterben.


    In der allerersten Szene konfrontiert uns Regisseurin Stephanie Laing ohne Umschweife mit dem Ausgang der Geschichte: Sam steht am Grab von Abbie, die aus dem Off davon erzählt, wie es ist, ihren Verlobten alleine auf der Welt zurückgelassen zu haben. Damit nimmt uns die Filmemacherin erst einmal jede Hoffnung auf ein Happy End. Und auch in der dann folgenden Erzählung des davor Geschehenen kommt es schon nach zehn Handlungsminuten zur niederschmetternden Krebsdiagnose – und dennoch hat „Unersetzlich“ einen eher hoffnungsvollen Grundton. Die Filmemacherin konzentriert sich nämlich ganz auf den liebevollen Zusammenhalt zwischen dem absoluten Traumpaar Abbie und Sam, das sich auch im Angesicht dieses Schicksalsschlags nicht unterkriegen lässt. Gugu Mbatha-Raw („The Cloverfield Paradox“) und Michiel Huisman („Game of Thrones“) verkörpern ihre als unerschütterlich lebensfroh angelegten Figuren mit viel Herzblut, ihre mentale Stärke und ihr Kampfgeist geben dem Film seinen optimistischen Pulsschlag.

    Die Gefahren von Verklärung und Verharmlosung umgeht Laing mit einer ebenso sensiblen wie stilsicheren Inszenierung weitgehend - die Unberechenbarkeit der Krankheit und der Ernst der Lage werden nicht unter den Teppich gekehrt. Stellvertretend dafür sei nur ein Moment genannt, in dem Abbie und Sam versuchen, unbeschwert die Zeit miteinander zu genießen, sich küssen und glaubhaft glücklich sind, ehe die junge Frau im nächsten Moment die ganze Bandbreite an Nebenwirkungen zu spüren bekommt, die eine Chemotherapie mit sich bringt. Dazu kommen Szenen wie Abbies Versuch, sich aufgrund ihres bevorstehenden Todes von ihrer Fitnessstudio-Mitgliedschaft abzumelden, die bissig, komisch und tragisch zugleich sind – Gefühle, die in diesem Film ohnehin immer nah beieinanderliegen.

    Weniger vielschichtig fällt dagegen die Gestaltung der Nebenfiguren aus, so hätte die Selbsthilfegruppe im Krankenhaus, die vorwiegend aus gleichermaßen spleenigen wie zynischen Charakteren besteht, insgesamt etwas mehr Bodenhaftung vertragen können. Die unter anderem von Kate McKinnon („Ghostbusters“), Christopher Walken („Wer ist Daddy?“) und Brian Tyree Henry („Atlanta“) Mitglieder der Gruppe gehen auffällig und einseitig unbekümmert mit dem Krebs um. So fehlt „Unersetzlich“ ein wenig der intensive Blick auf jene Menschen, die an der Situation zu zerbrechen drohen. Eine herzzerreißende Szene wie jene, in der ein sterbender Vater Weihnachtsvideoclips für seine Kinder aufnimmt und nicht die nötige Stärke findet, bleibt eine Ausnahme. Und auch in den nebenbei eingestreuten medizinischen Fakten, mit denen hier Aufklärung darüber geleistet wird, was Krebs in Patienten und Angehörigen auslöst, werden mit einer positiven Grundhaltung präsentiert, wo immer es geht: „Unersetzlich“ ist ein Mutmacher-Film.

    Fazit: „Unersetzlich“ ist eine berührende Tragikomödie über ein Paar, das sich mit dem bevorstehenden Tod der Frau auseinandersetzen muss. Regisseurin Stephanie Laing findet dabei eine tröstliche Mischung aus hoffnungsvoll-komischen und melancholisch-tragischen Momenten.
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