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Blood Simple - Eine mörderische Nacht
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Blood Simple - Eine mörderische Nacht
Von Christian Roman
„Join us for a magnificent film: Blood Simple – forever young, forever young!”, säuselt Mortimer Young mit rauchiger Stimme und zieht genüsslich an seiner Pfeife. Auch wenn der Filmhistoriker im Prolog nur erfunden ist, so jung und innovativ wie das Erstlingswerk des kongenialen Brudergespanns Joel und Ethan Coen aus dem Jahr 1984 wirken heute nur noch wenige Produktionen: „Blood Simple“ erscheint nach mehr als 20 Jahren nun endlich als Director’s Cut auf DVD. Der moderne Noir-Thriller um Betrug, Mord und eine riskante Liebschaft glänzt mit skurrilen Charakteren und einer ausgefeilten Geschichte. „Blood Simple“ – ein Klassiker der Kinogeschichte, mit dem die Coens früh ihren unverwechselbaren Stil prägten.

Seit jeher widmen Joel und Ethan Coen ihre Werke einem bestimmten US-Bundesstaat. In diesem Fall: Texas. Auch ihr Spielfilmdebüt ist irgendwo in der Einöde des Lone-Star-Staates verortet. Vor Jahren hat die attraktive Abby (Francis McDormand) hier den reichen Barbesitzer Julian Marty (Dan Hedaya) kennen gelernt und geheiratet. Doch die Ehe ist für sie längst zur Qual geworden. Marty, ein von Natur aus misstrauischer Kerl, fürchtet um die Treue seiner Frau und lässt sie deshalb von dem zwielichtigen Privatdetektiv Visser (M. Emmet Walsh) beschatten. Der liefert anschauliche Beweise: Ausgerechnet einer von Martys Angestellten, der Barkeeper Ray (John Getz), treibt es mit der Frau seines Chefs. Natürlich kann und will Marty das nicht auf sich sitzen lassen. Für 10.000 Dollar heuert er den Detektiv ein weiteres Mal an. Diesmal soll Visser statt mit einer Kamera mit einem Revolver bewaffnet in Rays Appartement einbrechen und das Pärchen im Schlaf ermorden. Doch Visser hat eigene Pläne. Reichlich Tote gibt es – in typisch grotesker Coen-Manier – natürlich trotzdem…

Die Namen Joel und Ethan Coen dürften spätestens seit ihrem Oscar-prämierten Krimi-Drama No Country For Old Men aus dem Jahr 2007 bis zum letzten Kinogänger vorgedrungen sein. Nur ein Jahr später legten die Brüder mit der Screwball-Komödie Burn After Reading ein schwarzhumoriges Pfund nach. Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Beständigkeit die beiden Independent-Filmer ihre Spuren auf dem kurzlebigen Pflaster Hollywoods hinterlassen. Seit fast 25 Jahren zaubern sie einen sehenswerten Film nach dem anderen aus dem Hut. Lediglich Ein (un)möglicher Härtefall und Ladykillers stehen im direkten Vergleich mit Geniestreichen wie Miller’s Crossing, Fargo und The Big Lebowski etwas zurück. Wenn die Brüder Filme machen, ist die Arbeitsteilung meist gleich: Joel fungiert als Regisseur, sein jüngerer Bruder Ethan produziert. Gemeinsam schreiben sie das Drehbuch. Während sie am Skript zu ihrem Erstling „Blood Simple“ feilten, schlug sich der junge Joel Coen noch als Schnitt-Assistent mit Low-Budget-Horrorfilmen (etwa Sam Raimis Tanz der Teufel) herum. Keiner der beiden hatte damals mit dem Erfolg von „Blood Simple“ gerechnet, aber die Kritiker lobten das Debüt in den höchsten Tönen und die Brüder wurden mit Auszeichnungen überschüttet.

Grund für den einschlagenden Erfolg war damals wie heute die eigenwillige Handschrift der Coens. Die Fülle an Zitaten und Anspielungen auf klassische Genre-Vertreter sucht ihresgleichen. Am stärksten punktet „Blood Simple“ allerdings mit seiner komplexen Geschichte. Jede Handlung zieht ungeahnte und stellenweise schier unglaubliche Konsequenzen nach sich. Als Betrachter hat man aber trotzdem stets das Gefühl, dass die Morde und tragischen Verwechslungen exakt so ablaufen mussten, wie es gerade zu sehen war. Trotz der grotesken Wendungen ergibt alles einen Sinn. Das liegt unter anderem daran, dass der Zuschauer den Protagonisten immer ein Stück voraus ist. Anstatt wie genreüblich das Geschehen nur aus der Perspektive der Figuren zu verfolgen, ist das Publikum stets mit einem Quäntchen mehr Wissen gesegnet. So ergeben sich fortwährend Situationen, in denen man Abby, Ray und die übrigen Verdächtigen ohrfeigen möchte, weil die Lösung des Konfliktes eigentlich so nahe liegt. Ein brillanter Streich der Coens, da diese Erzählweise eine beklemmende emotionale Nähe zu den Hauptpersonen generiert. Die sind allesamt - typisch Coen eben - äußerst skurril gezeichnet. Etwa der Klischee-Texaner und spätere Auftragsmörder Visser, der mehr Spuren am Tatort hinterlässt als beseitigt. Oder Ray, der mit einer Leiche sein gesamtes Auto besudelt und diese dann in einem halben Meter Tiefe ausgerechnet auf einem Acker verscharrt. Wie lange mag es wohl dauern, bis die da jemand findet?

Die Figuren haben die Coens durch die Bank weg erstklassig besetzt. Allen voran glänzt die damals 27-jährige Frances McDormand (Almost Famous, Wonder Boys) als untreue Ehefrau Abby in ihrem Spielfilmdebüt. Ursprünglich war Holly Hunter für diese Rolle vorgesehen. Aber dann schlug Hunter den Coens vor, doch ihre damalige Mitbewohnerin zu engagieren. So lernte McDormand die Brüder kennen und den älteren der beiden sogar lieben, denn noch im selben Jahr gaben sich McDormand und Joel Coen das Ja-Wort. Seitdem stand sie wiederholt für Produktionen der Coen-Brüder vor der Kamera. Die besten Kritiken und ganz nebenbei auch noch ein Oscar als beste Hauptdarstellerin wurden ihr dabei für die Darstellung der schwangeren Polizistin Marge in Fargo zu Teil. An ihrer Seite liefern John Getz (Zodiac, Die Fliege) als ihr Liebhaber Ray und Dan Hedaya („Lebe lieber ungewöhnlich“, „Der Club der Teufelinnen“) in der Rolle des eifersüchtigen Ehemanns Marty durchweg überzeugende Vorstellungen ab. Besonders überzeichnet, aber gerade deshalb so komisch ist M. Emmet Walsh (Verrückte Weihnachten, „Snowdogs“) als klischeehafter Texaner und abgebrühter Mörder.

Für die Kamera in „Blood Simple“ war Barry Sonnenfeld verantwortlich. Sonnenfeld, der später bei Erfolgen wie Men In Black und Get Shorty selbst Regie führte, gelang es hier, die düstere Atmosphäre eines Noir-Thrillers einzufangen. Häufig ist die gesamte Szenerie in ein kühles Blau getaucht. Außerdem tauchen bereits in „Blood Simple“ typische Motive der späteren Coen-Filme auf: Etwa Ventilatoren, die in Zeitlupe ihre hypnotischen Kreise ziehen. Oder (lange vor David Lynchs Lost Highway) vorbeihuschende Mittelstreifen, die im Scheinwerferlicht die Fahrbahn teilen. Diesen Motiven stehen gelegentlich stark verspielte Kamerafahrten gegenüber. So gleitet das Objektiv etwa einen Schanktisch entlang, bewegt sich unaufhörlich auf einen Betrunkenen zu, der auf diesem seinen Rausch ausschläft, schwenkt vor dem drohenden Zusammenstoß nach oben, sinkt hinter dem Weggetretenen wieder herab und setzt seinen Weg unbeirrt fort. Eine so augenzwinkernde Inszenierung ist Geschmackssache, aber eben auch ein unverwechselbares Markenzeichen der Coens,

Die überarbeitete Fassung von „Blood Simple“ brachten die Coens bereits im Jahr 2000 in die amerikanischen Kinos. Erst 2008 erscheint die Fassung auch hierzulande auf DVD. Ungewöhnlicher Weise enthält der Film jedoch kaum neue Szenen und ist sogar um vier Minuten gekürzt. Warum also ein Director’s Cut? Abzocke? Keineswegs. Zwar wurde an der Dramaturgie des Originals tatsächlich kaum etwas geändert, nur hier und da sind neue Musikstücke eingefügt. Allerdings lässt die digitale Bearbeitung des Originalmaterials von 1984 das Fehlen von Zusatzinhalten schnell vergessen. Nachdem die Tonspur mit Hilfe eines speziellen, von George Lucas entwickelten Verfahrens komplett gereinigt und digitalisiert wurde, tönen Score und Dialoge nun in Dolby-Surround aus den Heimkinoboxen – eine immense Verbesserung im Vergleich zur alten Mono-Spur.

Fazit: Es ist annähernd 25 Jahre her, dass Joel und Ethan Coen mit ihrem grandiosen Spielfilmdebüt „Blood Simple“ eine überaus spannende Variante des klassischen Film Noirs ablieferten. Der „Director´s Cut“ ihres Erstlingswerk erscheint nun endlich auch hierzulande auf DVD und hat nach zweieinhalb Dekaden nicht im Geringsten an Attraktivität verloren. Im Gegenteil: Digital überarbeitet und noch um einiges düsterer als all ihre folgenden Filme, überzeugt „Blood Simple“ selbst heute noch auf die typisch Coen’sche Art mit seiner komplexen Geschichte und einer skurrilen Charakterzeichnung. Für Coen-Fans eh ein Muss, sollten hier auch all diejenigen zuschlagen, die mit dem Werk Brüder aus Minneapolis noch nicht so vertraut sind.
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