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    The Merciless
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    The Merciless
    Von Michael Meyns

    Ein gewisser Nihilismus ist den asiatischen Genrefilmen, die in diesem Jahr auf dem Filmfestival in Cannes präsentiert werden (passenderweise oft in Mitternachtsvorstellungen), ganz sicher nicht abzusprechen. Nach Takashi Miikes „Blade Of The Immortal“ und Jeong Byeong-gils „The Villainess“ entpuppt sich nun auch Byun Sung-hyuns „The Merciless“ als schonungslos-blutiger Action-Exzess, der seine Protagonisten zerschunden und müde zurücklasst (solange sie überhaupt bis zum Abspann durchhalten): ein fast schon übertrieben kompliziert und verschachtelt erzählter Film voller Zeitsprünge und Verrat, in dem Byun Sung-hyun Anspielungen auf die halbe Gangsterfilmgeschichte unterbringt. Der Regisseur bemüht sich zwar zuweilen allzu sehr um Coolness, bietet insgesamt aber absolut solide und kurzweilige Genrekost.

    Im Gefängnis hat sich Jo Hyun-su (Yim Si-wan) den Respekt des Gangsters Han Jae-ho (Sol Kyung-gu) erarbeitet – und am Tag seiner Entlassung zahlt sich das auch gleich aus: Han nimmt ihn stilgemäß im roten Cabrio und mit einer willigen Blondine auf der Rückbank in Empfang. Dann geht es direkt zu Hans Boss Chairman Ko, der sein Geld vor allem mit Drogenschmuggel verdient. Allerdings will Han seinen Chef loswerden und den Laden dann selbst übernehmen. Ebenfalls auf Ko abgesehen hat es die ehrgeizige Polizistin Cheon (Jeon Hye-jin), die schon seit Jahren daran arbeitet, einen Doppelagenten ganz oben in der Führung des Schmuggelrings zu platzieren: Ihr Spitzel ist dabei niemand anderer als Jo, der sich überhaupt nur hat einsperren lassen, um sich hinter Gittern den Respekt der Gangster zu verdienen. Allerdings stellt sich irgendwann ernsthaft die Frage, ob Jo nicht vielleicht ein wenig zu viel Vergnügen daran findet, auf der falschen Seite des Gesetzes zu stehen…

    Wer sich von „The Merciless“ an die legendäre Hong Kong-Trilogie „Infernal Affairs“ erinnert fühlt, der liegt ebenso richtig wie jemand, der beim Schauen an Michael Manns Klassiker „Heat“, an die Filme von Quentin Tarantino oder ganz allgemein an klassische Gefängnisdramen denken muss. Sogar ein Motiv aus Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ gibt es zu entdecken – Byun Sung-hyun hat die Filmgeschichte offenbar ganz besonders gründlich studiert. Zuvor hatte der Regisseur mit „The Beat Goes On“ und „Whatcha Wearin‘“ lediglich zwei Komödien gedreht, die nicht erahnen ließen, mit welcher konsequenten Härte er sich hier in die Unterwelt stürzen würde. Aber (meist sehr trockener) Humor ist in „The Merciless“ auch zu finden, vor allem in den komplizierten bis regelrecht absurden Volten, die das Drehbuch gefühlt im Minutentakt schlägt. Byun springt munter in der Zeit hin und her, breitet in Rückblenden die Hintergründe seiner Figuren aus, nur um etwas später mit einer noch etwas weiter zurückliegenden Rückblende wieder alles auf den Kopf zu stellen.

    Mindestens ein wenig krampfhaft wirkt das Bemühen schon, die Schraube immer noch ein wenig weiterzudrehen, nicht nur einen doppelten Boden zu haben, sondern gleich einen dreifachen, vierfachen, fünffachen… Immer wieder werden Loyalitäten in Frage gestellt und die vermeintlichen Motivationen der Figuren mit neuen Informationen untergraben. Kein Wunder also, dass vor allem Han von ewigem Misstrauen geleitet ist: Er vertraut niemandem, hinterfragt alles und tötet lieber einen mutmaßlichen Gegner zu viel als zu wenig. Diese Haltung hat ihn zwar am Leben erhalten, aber sie hat ihn auch müde gemacht. Während der junge Jo noch voller Elan an die Arbeit geht und nur in einzelnen Momenten Zweifel an seiner Doppelrolle bekommt, ist sein Gangster-Ziehvater Han schon zu lange im Geschäft, um sich noch irgendwelchen Illusionen hingeben zu können.

    Mehr als angedeutet werden solche existenzialistischen Fragen allerdings nicht, die emotionale Tiefe der besseren asiatischen Gangsterfilme erreicht „The Merciless“ nie, dafür haftet Byun Sung-hyun zu sehr an der hochglänzenden Oberfläche. Er findet glatte Bilder, egal ob er in moderner Architektur oder in verfallenen Fabrikgebäuden dreht, er drapiert schöne Frauen im Hintergrund und in Maßanzüge steckende Männer im Vordergrund. Besonders die Hauptdarsteller Sol Kyung-gu („Cold Eyes“, „No Mercy“) und Yim Si-wan (nicht nur ein Schauspieler, sondern in Korea auch ein berühmter Popstar) machen dabei eine charismatische Figur und ergehen sich in einem ebenso gnadenlosen wie gnadenlos-verschachtelten Katz-und-Maus-Spiel, das letztendlich zwar nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als eine souveräne Genrevariation bietet.

    Fazit: Besonders originell ist Byun Sung-hyuns mit ordentlich trockenem Humor angereicherter Action-Reißer „The Merciless“ zwar nicht, aber dafür zitiert sich der Regisseur hier ebenso stilsicher wie wendungs- und temporeich durch die Gangsterfilmgeschichte.

    Wir haben „The Merciless“ im Rahmen der 70. Filmfestspiele in Cannes 2017 gesehen, wo er außer Konkurrenz als Midnight Movie gezeigt wird.

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