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    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
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    Der Segen und Fluch von "Get Out"

    Von Christoph Petersen
    Der zweite Film ist immer der schwerste. Diese alte Hollywoodweisheit gilt natürlich erst recht, wenn ein Regiedebüt dermaßen einschlägt wie 2017 „Get Out“. Nicht nur hat der Film bei einem läppischen Budget von gerade einmal 4,5 Millionen Dollar weltweit mehr als 250 Millionen in die Kinokassen gespült, er wurde auch mit Kritikerlob regelrecht überhäuft: 98 Prozent positive Wertungen auf Rotten Tomatoes und 4,5 Sterne von uns. Am Ende standen zudem vier Oscarnominierungen, darunter die als Bester Film. Und den Academy Award für das Beste Originaldrehbuch konnte der auf Genre-Regisseur umgeschulte TV-Komiker Jordan Peele („Key And Peele“, „Keanu“) sogar gewinnen – ein absolutes Novum für eine Horror-Satire!

    Kein Wunder also, dass Peeles nächster Schocker „Wir“ nun zu den meisterwarteten Kinostarts des Jahres zählt – zumal der faszinierend-verstörende erste Trailer auch noch eingeschlagen ist wie eine Bombe. Der fertige Film offenbart dabei vor allem zwei Dinge: Jordan Peele ist keine Eintagsfliege! Auch sein zweiter Film sieht einfach unfassbar gut aus und ist vollgestopft mit starken inszenatorischen Einfällen. Zugleich merkt man „Wir“ aber auch an, mit welchem Erwartungsdruck (nicht nur von außen, sondern auch von ihm selbst) Peele beim Schreiben des Skripts gerungen haben muss: In „Wir“ strebt er erneut nach den ganz, ganz großen Ideen, aber im Gegensatz zum perfekt durchkomponierten „Get Out“ ergänzen sich der zentrale Genre-Plot und das buchstäblich unter der Erde verborgene gesellschaftskritische Fundament diesmal nur bedingt.

    Angst!


    Nachdem sie dort als junges Mädchen (Madison Curry) im Jahr 1986 eine verstörende Erfahrung in einem Spiegelkabinett gemacht hat, kehrt Adelaide Wilson (Lupita Nyong'o) gemeinsam mit ihrem Ehemann Gabe (Winston Duke) sowie ihren Kindern Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) mehr als 30 Jahre später für einen Sommerurlaub in das kalifornische Küstenstädtchen Santa Cruz zurück. Während sie dort schon am ersten Tag am Strand ein ungutes Gefühl hat, scheinen sich am Abend Adelaides finstersten Albträume zu bewahrheiten: Vor dem Haus stehen plötzlich vier unheimliche Gestalten, die sich auf den zweiten Blick als nahezu identische Doppelgänger ihrer eigenen Familie in roten Uniformen entpuppen...

    Bei „Get Out“ kommt die Satire noch vor dem Horror – und so ist der Film auch eher clever, bissig und überraschend als im klassischen Sinne gruselig. Mit „Wir“ beweist Jordan Peele seinen Kritikern nun, dass er auch wahren Horror beherrscht: Vor allem in den 20 Minuten nach dem Treffen der Wilsons mit ihren Doppelgängern reiht sich ein alptraumhafter Moment an den nächsten. Der verstörende Höhepunkt: Die intensive Doppelgängerinnen-Darstellung von Oscarpreisträgerin Lupita Nyong'o („12 Years A Slave“) inklusive gequält-herausgepresster Stimme, die klingt, als seien ihre Stimmbänder über Jahre hinweg in Salzsäure eingelegt gewesen. In diesem verqueren Home-Invasion-Szenario, in dem es nach und nach jedes der vier Familienmitglieder mit seinem Doppelgänger aufnehmen muss, bricht Peele dem von außen hereindrängenden Schrecken mit seiner vermeintlich simplen, aber ungemein präzisen und effektiven Inszenierung Bahn. Mit Erfolg.

    Ein schwerwiegender Twist


    Allerdings wird dieses Schreckensniveau anschließend nicht konsequent durchgehalten. Sobald Peele die enge Limitierung des Szenarios aufgibt, die wahre Dimension des Doppelgänger-Problems andeutet und die Wilsons das Haus einer befreundeten Familie (u. a. Elisabeth Moss, Tim Heidecker) erreichen, funktioniert „Wir“ dramaturgisch plötzlich wie ein klassischer Zombiefilm – und der Spannungspegel sinkt. Stattdessen zaubert Peele im wahrsten Sinne des Wortes eine ganze Heerschaar von Kaninchen aus dem Hut – und präsentiert einen Twist, der zwar überraschend ist, aber in seinen abgründig-tragischen Implikationen zugleich derart massiv, dass er den persönlichen Überlebenskampf der Wilsons mühelos zur Seite wischt. Die Wendung wiegt eigentlich zu schwer für einen Film, der vor allem in seinen räumlich und thematisch eng begrenzten Szenen begeistert.

    Aber wie gesagt: Nach einem Volltreffer wie „Get Out“ fällt es sicherlich schwer, beim nächsten Mal nicht sofort wieder einen Homerun landen zu wollen – und so legt Peele wirklich alles, was er hat, in seinen zweiten Schlag: Nachdem gleich zu Beginn in einer Einblendung die riesigen Tunnelsysteme unter den USA erwähnt werden, von denen in vielen Fällen niemand den wahren Zweck kennt, würzt Peele seine an eine XXL-„Twilight Zone“-Episode erinnernde Geschichte im weiteren Verlauf noch mit Anspielungen auf eine humanistische Protestaktion in den Achtzigern, verschiedene Verschwörungstheorien wie der Steuerung der Bevölkerung durch Fluoride im Trinkwasser, Zaubertricks, Bibelverse und popkulturelle Phänomene jeglicher Couleur von Michael Jacksons „Thriller“ bis hin zu Steven Spielbergs „Der weiße Hai“. Das ist durchaus faszinierend, aber die Antwort auf die Frage, was vieles davon eigentlich soll, bleibt am Ende allein dem Zuschauer überlassen. Genauso wie der Sinn der kryptischen Erwiderung der Adelaide-Doppelgängerin auf die Frage, wer sie eigentlich seien: „Amerikaner!

    Besuch von der Doppelgänger-Familie.


    Über jeden Zweifel erhaben ist hingegen die Inszenierung und dabei speziell die Kameraarbeit von Mike Gioulakis („It Follows“, „Glass“): Schon die eröffnende Rückblende, die auf einem Rummel im Jahr 1986 spielt, sieht schlichtweg phänomenal gut aus. Zudem veranstaltet Peele von Beginn an ein sich durch den ganzen Film ziehendes Mysterium rund um die Farbe Rot (kandierter Apfel, Erdbeeren, die Anzüge der Doppelgänger), das einen ästhetisch sofort in seinen Bann zieht. In der folgenden Strandsequenz gelingt es ihm sogar mitten unter der gleißenden kalifornischen Sonne, eine grandios-unheilvolle Atmosphäre heraufzubeschwören, wie es die allermeisten Filmemacher – wenn überhaupt - nur mit der Hilfe der Dunkelheit vermögen. Als Regisseur ist Peele nach seinem revolutionären Debüt „Get Out“ weiter gereift, als Drehbuchautor hat er sich mit „Wir“ hingegen ein Stück weit übernommen.

    Fazit: Jordan Peele festigt seinen Status als einer der aufregendsten Horror-Regisseure unserer Zeit, selbst wenn in „Wir“ am Schluss längst nicht alle in den Ring geworfenen Ideen so stimmig zusammenkommen wie noch in „Get Out“.

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    Kommentare

    • Micheal Knight
      Hoher Unterhaltungswert, filmästhetisch ansprechend und gespickt mit beachtlichen Schauspielleistungen. Für einen Filmabend mit (männlichen) Freunden taugt *Wir*allemal. Auch mal ein netter Twist, das die Opfer der Homeinvasion nicht hilflos, sondern (größtenteils) clever und schlagkräftig agieren. Für mich hat der Mix aus Comedy und Grusel-/ Psychohorror funktioniert. Der Film kommt frisch daher, ohne ein Meisterwerk oder annähernd so verstörend wie z. B. Funny Games zu sein. Dafür eröffnet die Auflösung (wie in der Kritik richtig beschrieben) zu viele neue (durchaus interessante) Handlungsebenen, die mich mit zu vielen offenen Fragen zurück gelassen haben. Stilistisch wie inszenatorisch mit Nichten Stangenware.
    • Larry Lapinsky
      Ich war bei Wir ziemlich hin- und hergerissen, da auch ich vom Trailer her was völlig anderes erwartet hatte. Letzten Endes ist die sich ab dem 1. Twist (Haus der befreundeten weißen Familie bei Nacht) entwickelnde Story sowas von hanebüchen, dass man sie wohl wie bei bestimmten Arthouse-Filmen eher metaphorisch betrachten muss, spätestens, als es im letzten Drittel unter die Erde geht. Und auf der Ebene bleiben halt bis zum Schluss Fragen, was das alles soll. Andererseits ist der Film tatsächlich fantastisch photographiert und inszeniert, die schauspielerischen Leistungen sind klasse und die Atmosphäre ist bis zum Schluss beklemmend, und TROTZ der gewissen Abgedrehtheit der Handlung am Ende bleibt der Film bis zum Schluss spannend. 3-3,5 Sterne.
    • fabi
      Der Film ist wirklich nicht gut gelungen. Er ist auch ganz Anders als ich mir das vorgestellt habe, wie ich den Trailer zum Ersten Mal sah.Dachte die Familie hat irgendein Verbrechen begonnen, und sieht in ihren Doppelgängern ihre zukünftigen Selbst, die in Gefängniskleidung dann Terror machen....Statt dessen ......... naja, der Anfang ist ok, aber der Rest ist dann nur 2 von 5 * wert.Die Story hätte wirklich komplett Anders werden müssen. Außerdem wirken die Doppelgänger später im Film eher wie hilfsbedürftige, zurückgebliebene Menschen die Einen eher leid tun als bedrohlich wirken, und wenn du so über einen Horrorfilm denkst, dann ist er schlecht...
    • Hans H.
      Ich fand den Film richtig schlecht ! Wollte ich nur kurz loswerden ....
    • FilmFan
      Von Anfang bis Ende ne langweilige Grütze.
    • Michael K.
      Ach so.. nein, diese Details kann ich auch nicht erklären :-). Ich meinte nur die grundlegende Motivation der Doppelgänger. Wie schon bei Get Out finde ich die Bezüge zu realen Dingen mehr oder weniger unklar.
    • Bruce Wayne
      Ok, kannst du mir die Motivation und den damit verbundenen Plan der Doppelgänger in einem Satz beschreiben ohne das es lächerlich wirkt? Hier mal mein Versuch: Doppelgänger wollen Händchen halten nachdem sie ihre Originale abgemurkst haben um...naja, um...gute Frage. Dazu die komplett unnötigen Regeln. Wenn sich das Original bewegt, dann muss der Doppelgänger die Bewegung nachahmen...außer wenn das Drehbuch sagt muss nicht. Egal wie man es auch dreht, diese Regeln waren unnötig und bleiben einfach sinnlos, wenn man sie nicht richtig nutzt. Ich bin immer für künstlerisches Kino, aber in diesem Fall wirkte es alles sehr erzwungen und unstimmig.
    • Michael K.
      Lupita Nyongo fand ich auch sehr gut in diesem Film. Aber die Schauspielerleistung fällt bei solchen Filmen (Thriller mit Mystery-Einschlag) oft zu wenig auf bzw. zu wenig ins Gewicht.
    • Michael K.
      Da sieht man wieder, wie unterschiedlich verschiedene Leute Filme aufnehmen. Ich fand einerseits die 'Gesellschaftskritik' (oder was Peele darunter versteht?) weder im hochgejubelten 'Get Out' noch hier gelungen, andererseits finde ich beide Filme atmosphärisch sehr stimmungsvoll und sehr originell. Bei 'Wir' trifft das allerdings besonders auf den wirklich (meiner Ansicht nach..) spektakulären und faszinierenden Schlussakt zu, den ich so kaum vorhersehbar finde. Nicht chaotisch konzipiert, sondern echtes künstlerisches großes Kino, das für die Längen der ersten beiden 'Drittel' wirklich entschädigt. Dass 'Regeln' eben nicht starr gelten, macht nach meinem Geschmack oft gute Thriller erst aus, aber es muss eben spannend und stimmig sein. Die Motivation der Doppelgänger ist recht klar, meine ich (will aber hier nicht zu viel spoilern).. Sehe also fast jeden Punkt anders :-)! 3,5 - 4
    • Henrik
      (Spoiler) Ich mochte den Film wirklich gerne und fand ihn auch enorm spannend und atmosphärisch. Das Experiment, dass da stattgefunden haben soll, hinterlässt aber Fragezeichen. Der Versuch lief schon (war sogar schon eingestellt) als Adelaide noch ein kleines Mädchen war. Was ist das für ein Experiment, dass die beiden Kinder von Adelaide anscheinend völlig synchron in beiden Welten gezeugt(?) und geboren worden sind? Soll das allein durch den Marionetteneffekt passiert sein? 🤔
    • Micox
      Vorhersehbar..?! Bitte..? Also dann solltest Du Filme machen.. Wirst definitiv erfolgreich und vermögend..Ich fand ihn absolut genial.. Keine Sekunde Langeweile.. Und einfach nur politisch unkorrekt geil.. Viele Elemente wie Tränen, Lachen usw super.. Auch der Twist mit der Freundin und sowieso handwerklich perfekt inszeniert.. Humor gabs auch.. Also weiß nicht was Du daran auszusetzen hast..
    • Hans H.
      Was findest du denn daran genial ? Dass eine Sekte schwarze Menschen umoperiert (der Witz des Jahres) und das bis dato keinem irgendwie aufgefallen ist ? Der Film ist gut inszeniert, keine Frage, aber die Hypnose ist wirklich ein billiges Mittel. Das gabs schon beim genialen Oldboy, aber das hat noch irgendwie funktioniert. Bei Get Out kommt quasi kaum Spannung auf, weil das ganze auch irgendwie vorhersehbar ist. Ist meine Meinung.
    • Bruce Wayne
      Kein Problem, ich danke ebenfalls für die konstruktive Diskussion :) Dafür sind diese Foren hier ja da.
    • Bruce Wayne
      Sehe ich auch so. Ein wirklich guter Film, mit einem innovativen Konzept und toller Inszenierung.
    • Tyrantino
      Mein Gott wie erfrischend genial und verstörend it follows einfach war. Dieser Film verdient die Aufmerksamkeit die get out zu Gute kam viel mehr.
    • Tyrantino
      Ich hab mich beim gucken auch schwer getan und war froh als er vorbei war. Aber im Nachhinein musste ich so lange über den twist nachdenken und wie gut das alles in den Film eingebaut wurde. Auf einmal wurde mir klar warum sich die Leute so komisch verhalten haben. Also man kann sagen ich hätte mehr Spaß nach dem Film als während dem Film. 😁 Übrigens danke für die nette Diskussion auch wenn wir unterschiedliche Meinungen haben.
    • Bruce Wayne
      Ich persönlich konnte auch nicht wirklich etwas mit ihm als Protagonisten anfangen. Als er am Ende dieses ganze Massaker durchführt, fühlte ich mich sehr irritiert, da dies nicht zu der Figur passte die vorher etabliert wurde. Ich hatte auch noch andere Probleme mit dem Film, wie bsp. das entrückte Pacing an manchen Stellen, und generell der lange Leerlauf im Mittelteil. Deshalb sehe ich Get Out bis heute nur als solide an.
    • Tyrantino
      Vielleicht lag es auch daran jedenfalls ging er mir als Hauptcharakter irgendwie auf die Nerven und ich konnte nicht richtig mit ihm mitfiebern. Da aber die eigentliche Story auch ohne ihn funktionierte bzw der Twist, ist das nur nebensache und ich sage immer noch Get out ist ein sehr guter Film. Nur halt mehr wegen seiner Idee und weniger wegen seiner Machart.
    • Bruce Wayne
      Nein, das waren echte Tränen. Kann man ziemlich deutlich auch an seiner restlichen Mimik erkennen. Mein Problem war einfach die Figur selbst.
    • Tyrantino
      Naja 1. Bekommt man das mit entsprechenden augentropfen hin und 2. Ist blass vielleicht falsch gewählt. Vielleicht eher in Mimik und schauspielerischem talent limitiert.
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