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    Der schwarze Diamant
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der schwarze Diamant

    So gut war (ein Film mit) Adam Sandler noch nie!

    Von Jan Felix Wuttig
    Willst du mit einem Punkt oder mit verschissenen 30 Punkten gewinnen? Willst du nicht zu den Leuten sagen: ‚Fickt euch dafür, dass ihr nicht an mich geglaubt habt?‘


    Mit diesen Worten offenbart der Juwelier Howard Ratner nicht nur seine eigene Lebensphilosophie, sondern auch den Kitt, der den neuen Film von Benny und Josh Safdie („Good Time“) im Innersten zusammenhält: Mit „Der schwarze Diamant“, der in den USA gerade am Indie-Box-Office absahnt, aber bei uns in Deutschland trotzdem direkt bei Netflix erscheint, haben die New Yorker Regie-Brüder einen Film wie eine Zelluloid gewordene Panikattacke geschaffen. An jeder Ecke und in einem atemlosen Tempo wird über Gewinn und Verlust verhandelt, als würde jeder einzelne Dollar über Leben und Tod entscheiden. Meisterhaft verbinden sie dabei adrenalingeladene und urkomische Szenen, während sie im selben Moment Adam Sandler („Jack und Jill“, „Murder Mystery“) die Bühne für die beste Leistung seiner Karriere bieten.

    Howard Ratner treibt durch Manhattan - immer auf der Suche nach dem nächsten Deal.


    Howard Ratner (Adam Sandler) ist nicht einfach nur einer der vielen Juweliere im Diamond District von Manhattan. Stattdessen saugt er die treibende Atmosphäre dieser von Deals geprägten Welt ein wie ein Süchtiger, während er seine gesamte Existenz nach ihrem rapiden Pulsschlag ausrichtet. Egal ob am Telefon, in seinem Geschäft oder gleich direkt auf der Straße, sein ganzer Tagesablauf ist ein einziges Feilschen und Schachern um Beträge, für die er notfalls auch den Schmuck seiner Geschäftspartner verpfändet oder wahnwitzig risikoreiche Sportwetten abschließt. Er lebt eben für den nächsten großen Coup …

    … und der soll die Versteigerung eines wertvollen schwarzen Opals werden, den er auf nicht ganz koschere Weise aus den Diamantminen Äthiopiens in die USA hat einschmuggeln lassen. Howard schätzt den Wert des Steins auf mehr als eine Million Dollar – die er gut gebrauchen könnte, denn er schuldet dem gewaltbereiten Kredithai Arno (Eric Bogosian) eine Menge Zaster. Als sich der Basketballstar Kevin Garnett (spielt sich selbst) für den Opal interessiert, verleiht Howard ihn unter der Bedingung, ihn am nächsten Tag zurückzuerhalten. Aber es kommt, wie es kommen muss: Am nächsten Tag ist der Stein plötzlich unauffindbar und ohne das Geld rücken Howard schon bald einige von Arno entsendete, grobschlächtige Bodyguards auf die Pelle.

    Atemlos durch New York


    Die Safdie-Brüdern setzen Howards Trieb, in wirklich jeder Situation um des Feilschens Willen zu feilschen, mit rasanter Taktung in Szene: Wie schon Robert Pattinson in „Good Time“ ist auch Adam Sandler hier ständig in Bewegung, hetzt von einem halsbrecherischen Deal zum nächsten und haut gerade erst mühsam erbeutetes Geld gleich für einen möglichen noch größeren Gewinn sofort wieder auf den Kopf. Die Welt, die das Regieduo hier innerhalb ihres geliebten New Yorks mit absoluter Meisterschaft kreiert, ist derart vollgestopft mit hastenden Menschen, atemlosen Gesprächen und übereinander stolpernden Entwicklungen, dass es einem die Nerven zu zerreißen droht. Handlungen finden selten einen Abschluss, sondern kollidieren eher mit neuen Entwicklungen, die die Handlung unbarmherzig vorantreiben und den Zuschauer nicht zur Ruhe kommen lassen.

    Dabei werden selbst eigentlich komplett widersprüchliche Stimmungen virtuos miteinander verbunden: Howard findet sich etwa als braver Vater beim Theaterauftritt seiner Tochter ein, nur um kurz darauf von seinen rabiaten Schuldnern über einen Parkplatz gehetzt und verprügelt zu werden, um schließlich nackt im Kofferraum seines eigenen Autos zu landen. Erzwungenermaßen muss er seine genervte Noch-Ehefrau Dinah (Idina Menzel) daraufhin per Handy aus der Aufführung zitieren und sie bitten, seinen Wagen zu öffnen, dem er daraufhin vor den Augen der angewiderten Gattin in seiner ganzen nackten Glorie entsteigt.

    Die Luxus-Variante eines Kinderspielzeugs: ein Furby mit 100 Karat!

    In solchen Szenen kommt Adam Sandlers herausragender Schauspielleistung eine Schlüsselrolle zu. Mit seinem fast grenzdebil fiebrigen Blick, seinem verwaschenen Redefluss und dem süffisanten Grinsen kauft man ihm die Rolle des gierigen Adrenalinjunkies sofort ab. Die angestammte Rolle als gutmütiger Kindskopf führt er zu ungekanntem Glanz als zwischen Verzweiflung und Hoffnung changierendes Stehaufmännchen, das nicht nur gegen wütende Kunden und Geschäftspartner, sondern auch gegen gezogene Waffen, fliegende Fäuste und eine gescheiterte Ehe anfeilscht. Sandler zuzusehen, ist ein absoluter Hochgenuss, da können selbst seine bisherigen Karriere-Höchstpunkt-Leistungen in „Punch-Drunk Love“ und „The Meyerowitz Stories“ nicht mithalten.

    Handwerkliche Brillanz auf allen Ebenen


    Die atemlose Atmosphäre, durch die sich Sandlers Figur hier hindurchhangelt, entspringt zugleich auch einem beispiellos virtuosen Umgang mit Schnitt, Kamera, Soundtrack und vor allem Sounddesign: Die Kamera scheint oft fast schon unangenehm nah an den Figuren zu kleben, während dem nach Halt suchenden Zuschauer ein orientierender Blick auf die Umgebung durch Bewegungen oder Gegenstände verdeckt wird. Die so beim Publikum ausgelöste Anspannung wird durch die brillante elektronische Klanguntermalung des Experimental-Künstlers Oneohtrix Point Never, die den Bildern einen wummernden Puls verleiht oder sie mit anmutigen Synthesizer-Klangteppichen unterlegt, nur noch zusätzlich unterstrichen.

    Der Schnitt verbindet Szenen bisweilen zu einem schreiend komischen Ganzen, etwa wenn die mit „Blade Runner“-artiger Musik unterlegte Fahrt durch das himmlisch schöne Innere eines Edelsteins ausgerechnet in den glitschigen Bildern einer Darmspiegelung mündet. Das brillante Sounddesign füllt den Film mit einem Fluss an Geräuschen, die mal als Grundrauschen plätschernd und dann wie ein reißender Strom krachend mit den Dialogen um die Aufmerksamkeit des Zuschauers buhlen. Das New York der Safdie-Brüder ist eine Symphonie aus unablässigem Klimpern, Stöhnen, Schnaufen, Knattern, halb abgerissenen Sätzen und dem geballten Lärm der Straße. Leider wird die zum eigenständigen Akteur erhobene Akustik des Films hierzulande wohl nur von Netflix-Kunden mit einer High-End-Surround-Anlage so genossen werden können, wie sie eigentlich von den Machern intendiert gewesen ist.

    Fazit: In dem auch handwerklich herausragenden „Der schwarze Diamant“ verbinden die Safdie-Brüder dank eines grandiosen Schnitts und eines noch grandioseren Sounddesigns nahtlos Stimmungen, während der rasende Plot den Zuschauer in seinen Sessel presst und sich Adam Sandler so virtuos windet wie ein elektrisierter Aal. Ein wunderschönes, niederschmetterndes, mit seiner Rasanz Schnappatmung verursachendes (Kino-)Juwel, auch wenn wir ihn in Deutschland leider nur auf Netflix zu sehen bekommen.

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