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    The Souvenir
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Souvenir

    Ganz nah dran und doch weit weg

    Von Dennis Meischen
    The Souvenir“ heißt ein Gemälde von Jean-Honoré Fragonard, welches die beiden Hauptfiguren im gleichnamigen Film von Joanna Hogg („Exhibition“) als gleichzeitig „verliebt, traurig und entschlossen“ beschreiben. Die vielen verschiedenen Facetten des titelgebenden Gemäldes hat dann auch das von Martin Scorsese produzierte Drama. Denn „The Souvenir“ ist autobiografisch und besteht aus Bruchstücken. Es ist ein Rückblick, ein Film über Kunstverständnis und über eine toxische Beziehung. „The Souvenir“ ist eine fast schon alltägliche Charakter- und Beziehungsstudie, aber gleichzeitig auch künstlich genug gehalten, um ein abstraktes Projekt zu sein. Selbstbetrug und das Ausnutzen anderer sind genauso Thema wie das Verschwimmen von Wahrheit und Inszenierung. Unterstützt von herausragenden Schauspielleistungen zieht die Regisseurin so den Zuschauer teilweise brutal nah in ihr intensives Beziehungsdrama, hält ihn dann aber auch wieder auf Distanz.

    Die zurückhaltende Filmstudentin Julie (Honor Swinton-Byrne) versucht mittels eines Filmprojekts über die sozialen Probleme einer Arbeiterstadt, ihrer gut betuchten Gesellschaftsblase zu entkommen. Dann trifft sie auf den älteren Anthony (Tom Burke), ein moderner, weltmännischer Felix Krull und Möchtegern-Lord-Byron, der angeblich im Außenministerium arbeitet. Julie ist von Anthonys Auftreten fasziniert, sie schätzt seine Andersartigkeit, sein Verständnis von Kunst und Film. Er lädt sie in teure Restaurants und auf Reisen ein, unterstützt vordergründig ihr Schaffen. Doch er zieht auch bei ihr ein, macht sich bald nicht nur in ihrer Wohnung breit, sondern leiht sich immer wieder Geld, das sich Julie selbst bei ihrer Mutter (Tilda Swinton) borgen muss. Dann bestiehlt er sie sogar. Denn Anthony ist drogensüchtig…

    Julie ist beeindruckt von dem so weltmännisch agierenden Anthony.


    Anthony ist ein Betrüger, doch Hogg erzählt viel mehr von ihrem eigenen Selbstbetrug. Denn Julie, das Alter Ego der Filmemacherin, weiß schon sehr früh von Anthonys Drogenproblem, verschließt jedoch lange die Augen davor. Doch nicht nur in dieser Hinsicht belügt sie sich. Ihr Interesse an den sozialen Missständen ist Heuchelei, es ist vielmehr der viktorianische Dandy Anthony und seine (vermeintliche) Welt, die sie anziehen. Als sie Anthonys Vater, einen wirklichen Arbeiter, kennenlernt, weiß sie nichts mit ihm anzufangen. Sie nutzt die tief schmerzende Beziehung zu Anthony schließlich, um ein Filmprojekt zu entwickeln, das ihr und ihren Erfahrungen wirklich entspricht, das „echt“ ist und nicht aufgesetzt wirkt - so wie es ihrer beider Kunstverständnis entspricht. Eine Inszenierung bleibt es aber schlussendlich trotzdem.

    Diese Brüche verdeutlich Hogg erzählerisch und visuell. „The Souvenir“ ist eine Rückblende an Ereignisse, welche die Regisseurin nach eigener Auskunft selbst während ihrer Zeit auf der Filmschule erlebt hat. Aber wie es mit über 30 Jahre alten Erinnerungen so ist, sind diese natürlich verschwommen, unvollständig, ergänzt - und eben in diesem speziellen Fall auch noch von der Filmemacherin ganz bewusst inszeniert. Heißt: Auch wenn der Kern der Geschichte schon irgendwie stimmen wird, ist bei einem Spielfilm natürlich die Verpackung wichtig. Dazu gehört der dokumentarisch anmutende Stil, die Kostüme, der Soundtrack und die brillante Ausstattung, mit der sie den Zuschauer zurück in die 80er zieht. So überspielt sie direkt viele Unschärfen, glaubt man doch wirklich dabei zu sein.

    Künstlerische Distanz


    Während sie auf der einen Seite uns Zuschauer so nah heranholt, schafft sie aber auch immer wieder Distanz – nicht nur durch das immer wieder ausgesprochen grobkörnige Bild. Einzelne Szenen sind bewusst überinszeniert – wenn Hogg zum Beispiel Julies Wohnung in Szene setzt und dabei immer wieder die Kamera eine räumliche Trennung zwischen den beiden Protagonisten herstellen lässt. Auch die mit dunkler Musik unterlegten Sexszenen und Landschaftsaufnahmen bei Gewitter tragen eher zu den unwirklichen Zügen des Ganzen bei. Hogg wechselt zwischen alltäglich-echten und künstlich-inszenierten Elementen hin und her, sodass sich der Zuschauer unweigerlich fragt, wo denn nun wirklich der Kern der Wahrheit liegt.

    Das Konzept der Regisseurin geht vor allem auf, wenn nur Julie und Anthony im Mittelpunkt stehen. Newcomerin Honor Swinton-Byrne erinnert nicht nur optisch an ihre berühmte Mutter Tilda Swinton, sondern hat scheinbar auch deren Talent. Sie spielt Julie so ergreifend und nachvollziehbar, als hätte sie nie etwas anderes getan. Auch Tom Burke („Strike“) setzt als übereitler Bohème, der hinter der Biest-Fassade doch nur allzu menschlich ist, Glanzpunkte. Doch immer, wenn sich „The Souvenir“ von der Beziehung im Zentrum entfernt, ist das Drama schnell ziemlich langatmig. Das endlose Palaver an der Filmschule ist nervend, streckt die dünne Handlung unnötig auf fast zwei Stunden. Im schlimmsten Fall zerstört es sogar das (durchaus voyeuristische) Mitfühlen mit Julie und Anthony. Doch am Ende setzt sich dieses dann doch durch, geht sogar so weit, dass der Zuschauer beim Ausgang dann fast erleichtert ist. Auch wenn alles nur inszeniert ist – irgendwie.

    Fazit: Eine intensive, brillant gespielte Charakter- und Beziehungsstudie über Selbstbetrug und Inszenierung, bei der etwas weniger mehr gewesen wäre.

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