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Vivarium
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Vivarium

Ausbruch aus dem Hamsterrad

Von Michael Meyns
Was, wenn die Welt nur ein Traum ist? Oder ein Albtraum? In dem die Menschen keinen freien Willen besitzen, sondern von Algorithmen gesteuert durch ihr Leben taumeln, bestimmt von den immer gleichen Träumen, den immer gleichen Mustern folgend? Dieses nicht unbedingt neue Thema des fantastischen Kinos exerziert Lorcan Finnegan („Without Name“) in seinem zweiten Langfilm „Vivarium“ auf eigenwillige Weise durch: Jesse Eisenberg und Imogen Poots spielen darin ein Paar, das in einer surrealen Reihenhaussiedlung gefangen ist. Das klingt nicht nur so wie eine Folge von „Twilight Zone“ oder „Black Mirror“, sondern fühlt sich oft auch genauso an.

Gemma (Imogen Poots) ist Lehrerin in einem Vorschulkindergarten, wo sie ihre Sprösslinge auf den Ernst des Lebens vorbereitet. Ihr Freund Tom (Jesse Eisenberg) arbeitet als Gärtner. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Haus gerät das Paar an den höchst merkwürdigen Makler Martin (Jonathan Aris), der sie in eine Reihenhaussiedlung namens Yonder – was mit „Drüben“ oder auch „Jenseits“ übersetzt werden kann – bringt. Hier sieht ein Haus aus wie das andere, hier ist nichts dem Zufall überlassen, von hier gibt es keinen Ausweg. Bei der Besichtigung des Hauses Nr. 9 verschwindet Martin plötzlich. Tom und Gemma gelingt es jedoch nicht, die Siedlung allein wieder zu verlassen. Notgedrungen bleiben sie in ihrem neuen Haus. Vor der Tür finden sie regelmäßig Kisten mit Proviant und eines Tages plötzlich ein Baby. Dazu die Aufforderung: „Zieht das Kind auf und werdet erlöst.

Eigentlich die perfekte Kleinfamilie...


Der Begriff „Vivarium“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Behälter für lebende Tiere“. In diesem Fall sind damit wohl Tom und Gemma gemeint, für die der Traum vom Eigenheim in einem metaphorischen Gefängnis endet. Steril und unwirklich mutet das zweigeschossige, mintfarbene Haus an, in dem im Schlafzimmer ein Bild des Schlafzimmers hängt. Auch die Wolken sehen aus, wie man sich Wolken eben halt vorstellt: flauschig, weiß, fast wie gemalt. Wenn man hier an den französischen Surrealisten René Magritte denkt, liegt man damit sicher nicht völlig falsch. Denn so wie Magritte in einem seiner Kunstwerke einst unter das Bild einer Pfeife den Satz schrieb, dass dies keine Pfeife sei, um damit den Charakter einer Abbildung zu hinterfragen, so ist auch die Realität von Tom und Gemma womöglich nur ein Abbild der Realität.

Zumindest ist es keine Realität, die auch nur im Entferntesten lebenswert erscheint, auch wenn es dem Paar eigentlich an nichts mangelt. Gut, das Essen schmeckt nach nichts und im Fernsehen sind nur merkwürdige Farbstrukturen zu sehen, aber spätestens mit dem Auftauchen des Kindes ist die Kleinfamilie eigentlich komplett. Doch reicht es einem Menschen aus, nicht mehr zu sein als Erfüllungsgehilfe irgendwelcher Algorithmen, die Bedürfnisse und Begierden steuern?

Im Haus hängt ein Bild des Hauses.


Im etwas langgeratenen Mittelteil bewegen sich Tom und Gemma zwischen Verweigerung und Akzeptanz. Sie versuchen sich notgedrungen mit ihrer Situation zu arrangieren, wollen aber dennoch auch immer wieder aus ihr herausbrechen. Nach dem furiosen ersten Akt, in dem die surreale Situation langsam etabliert wird, verliert Lorcan Finnegans Film ein Stück weit seinen Drive und tritt zu lange auf der Stelle. Ein Problem, das er mit etlichen Folgen von Fernsehserien wie „Black Mirror“ oder „Twilight Zone“ teilt, die nach dem Etablieren ihrer abgefahrenen Ideen auch oft Probleme haben, aus der spannenden Grundsituation heraus auch eine interessante Geschichte zu entwickeln.

Erst zum Ende hin erreicht „Vivarium“ wieder große Klasse. Hier gelingt es Finnegan, ein überraschendes Finale zu finden, das die bis dorthin oft nur angedeuteten Themen noch einmal auf den Punkt bringt und den Bogen zum Anfang zurück findet. Hier könnte die Geschichte gleich wieder von vorne beginnen, nur eben mit anderem Figurenpersonal, aber im Prinzip auf die exakt gleiche, vorhersehbare und unendlich wiederholbare Weise. Das Leben als endloses Hamsterrad: Sicherlich keine besonders rosige Welt, die Finnegan da zeichnet, doch wie sagte Gemma doch anfangs zu einem kleinen Mädchen, das ein totes Vogeljunges bedauerte: „Das ist die Natur, so ist das eben!

Fazit: Abgesehen vom hängenden Mittelteil erweist sich „Vivarium“ als ein hervorragend gefilmtes, surreales Verwirrspiel, in dem die Menschen nur Spielball höherer Mächte und banaler Algorithmen zu sein scheinen.

Wir haben „Vivarium“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er in der Sektion Semaine de la Critique gezeigt wurde.

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