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Green Book - Eine besondere Freundschaft
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Green Book - Eine besondere Freundschaft

Oldschool, aber richtig gut gemacht

Von
Schon mal was vom Green Book gehört? Ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert, als in den Vereinigten Staaten vielerorts noch strikte Rassentrennung herrschte. Heutzutage unvorstellbar, aber damals war „The Negro Motorist Green Book“, so die offizielle Bezeichnung, für Schwarze ein hilfreicher Reiseführer, um auf ihrer Fahrt durch den Amerikanischen Süden Hotels, Restaurants, Tankstellen und sogar Ärzte zu finden, die sie nicht wegen ihrer Hautfarbe vor der Tür stehen lassen. Insofern war das Green Book eine wichtige Überlebenshilfe, um sich nicht ständig einer Erniedrigung nach der anderen aussetzen zu müssen.

Nun erinnert der Film „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ an jene Zeit und erzählt die wahre Geschichte des schwarzen Pianisten Don Shirley (1927 – 2013), der sich 1962 von dem Italoamerikaner Tony Lip (1930 – 2013) für eine zweimonatige Konzerttournee in die Südstaaten chauffieren ließ – und trotz seines Status als Bühnenstar ebenfalls auf das grüne Heftchen angewiesen war. Das klingt nach einer brisanten Abrechnung mit der Rassendiskriminierung, funktioniert tatsächlich aber vor allem als beherzte Buddy-Komödie. Das ist sicherlich Comedy-Spezialist Peter Farrelly („Verrückt nach Mary“) zu verdanken, der hier erstmals ohne seinen Bruder Bobby einen Kinofilm inszeniert. Gekonnt hält er die Balance zwischen Kritik und Komik, um sein Publikum auf eine emotionale, berührend und immer wieder humorvolle Reise mitzunehmen.

Alles fängt damit an, dass der nicht gerade helle Türsteher Tony Lip (Viggo Mortensen) seinen Job in einem New Yorker Nachtclub verliert. Das Angebot, einen Schwarzen in den Süden zu chauffieren, dem er auch noch die Koffer hinterhertragen soll, lehnt Tony voller Stolz ab. Zumindest bis der finanzielle Druck wächst und seine Frau Dolores (Linda Cardellini) ihn an seine Verantwortung für die Familie erinnert. Tony beißt in den sauren Apfel und begleitet den Starpianisten Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) auf dessen Konzertreise als Fahrer eines türkisfarbenen Cadillacs. Nur langsam nähern sich die beiden grundverschiedenen Männer an und plaudern auf den Fahrten über Menschen, Moral und Musik. Immer tiefer dringen sie in den Süden vor und schließlich muss Tony zum ersten Mal nach dem Green Book greifen. Eine Demütigung für den gebildeten Dr. Shirley, der in Kansas schließlich allein eine Bar aufsucht und dort prompt Prügel von einer Horde Rednecks bezieht...


Das Drehbuch stammt von Nick Vallelonga, dem Sohn des vor fünf Jahren verstorbenen Tony Lip. Vallelonga schrieb das Skript noch unter dem Titel „Lover Letters To Dolores“, um seiner Mama zu huldigen. Peter Farrelly, der erst später dazukam, war mit dem Titel jedoch gar nicht einverstanden: „Mir schoss sofort durch den Kopf, einen Film mit diesem Titel würde sich kein Mann freiwillig anschauen.“ Erst durch ein altes Video mit Tony Lip, der den Begriff Green Book darin eher beiläufig erwähnt, stieß man auf den jetzigen Filmtitel. Und „Green Book“ bringt den Kern der Geschichte tatsächlich viel besser auf den Punkt, selbst wenn Farrelly die erste Filmhälfte zunächst einmal dazu nutzt, seine beiden so gegensätzlichen Protagonisten einzuführen.

Leicht macht es sich Farrelly dabei übrigens nicht, denn weder Viggo Mortensen, der unvergessene Aragorn aus „Der Herr der Ringe“, noch Marsershala Ali, Oscar-Preisträger für seine Nebenrolle in „Moonlight“, kommen anfangs sonderlich sympathisch rüber. Ali lässt als kultivierter Schwarzer erst einmal volle Kanne seine intellektuelle Arroganz gegenüber dem einfachen Tony heraushängen: Als er Tony das erste Mal in seinem prächtigen Apartment über der Carnegie Hall empfängt, sitzt er buchstäblich auf einen Thron und blickt auf Tony herunter. Ein vertauschtes und damit herrliches Bild. Mortensen, der sich für seine Rolle als Tony Lip eine unübersehbare Wampe zugelegt hat, wird nicht nur als rabiater Rausschmeißer eingeführt, sondern in einer äußerst einprägsamen Szene zugleich auch als Rassist: Nachdem seine Frau zwei schwarzen Handwerkern Wasser gereicht hat, schmeißt Toni die Gläser anschließend in einem vermeintlich unbeobachteten Moment kommentarlos in den Mülleimer.

Eine Szene, die über den alltäglichen und selbstverständlichen Rassismus jener Zeit viel aussagt. Damit hat es Mortensen erst einmal ganz schön schwer, überhaupt noch Sympathiepunkte beim Publikum zu sammeln. Wenn er dann auch noch alles in sich hineinstopft, was er an Essbaren finden kann, ist man von diesem schmierigen Typen sogar regelrecht angewidert. Aber aus dem Saulus muss ein Paulus werden, womit sich „Green Book“ ganz klar an die Vorgaben klassischer Raodmovies hält. Die äußere Reise ist zugleich auch eine innere. Am Ende wächst einem dieser dumpfe Tony sogar richtig ans Herz, wenn er sich etwa von Shirley dabei helfen lässt, schönere Formulierungen für die Briefe an seine Frau zu finden (daher auch der ursprüngliche Titel „Love Letters To Dolores“). Aber auch die Figur des Don Shirley erfährt eine Wandlung vom stoischen Snob, der bewusst Abstand von der schwarzen Populärkultur hält, um möglichst keinem der gängigen Klischees zu entsprechen, hin zum auch mal ausgelassenen Normalo, wenn er auf der Reise etwa zum ersten Mal in seinem Leben an den knusprigen Keulen von Kentucky Fried Chicken knabbert.

Das sind die Momente, die im Film auch leicht ins Klamaukige hätten abgleiten können. Schließlich hat Peter Farrelly zusammen mit seinem Bruder Bobby ja schon mehrere absolut ungehemmte Buddy-Komödien wie „Dumm und dümmer“ oder „Unzertrennlich“ gedreht. Aber er weiß sich zusammenzureißen und knöpft sich dann in der zweiten Filmhälfte umso kraftvoller den Alltagsrassismus in den Sechzigern vor. Sobald Don und Tony zu Kumpels geworden sind und den Süden passieren, wird der Ton deutlich düsterer. Da ist einem eher nach Weinen zumute, wenn beide in Mississippi im Knast landen, weil es die Polizisten für unmöglich halten, dass ein Weißer einen Schwarzen chauffiert. Wie vor den Kopf gestoßen fühlt man sich als Zuschauer auch, wenn der gefeierte Pianist in einem Hotelrestaurant zwar für die weißen Oberen Zehntausend auftreten soll, aber in demselben Saal nicht selbst speisen darf. Da ist die Kurve zurück zum berührende Wohlfühl-Happy-End schon eine ziemlich scharfe. Aber es ist ja eine wahre Geschichte und weitestgehend tatsächlich so geschehen – und gerade das macht Hoffnung.

Fazit: Peter Farrelly drückt die richtigen Knöpfe, um seinem Publikum ebenso berührende wie kurzweilige Oldschool-Wohlfühlkino-Unterhaltung zu bieten. Dabei sind es vor allem die Stars Marhershala Ali und Viggo Mortensen, die mit ihrem sympathischen Spiel zu Hoffnungsträgern in einer Welt werden, wo Freundschaft zwischen Schwarzen und Weißen auch 50 Jahre später noch keine Selbstverständlichkeit ist.
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