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Vorhang auf für Cyrano
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Vorhang auf für Cyrano

Das französische "Shakespeare In Love"

Von Antje Wessels
Dass der Schriftsteller Cyrano de Bergerac, der von 1619 bis 1655 in Frankreich gelebt hat, auch heute noch so berühmt ist, hat er in erster Linie seinem Kollegen Edmond Rostand zu verdanken, der im Jahr 1897 das Versdrama „Cyrano de Bergerac“ über ihn geschrieben hat: In dem Stück geht es um den titelgebenden Poeten mit der großen Nase, der für seinen tumben Freund Christian romantische Gedichte an dessen Cousine Roxanne verfasst, obwohl er eigentlich selbst ein Auge auf sie geworfen hat. Die junge Frau verliebt sich in die Lyrik, nicht ahnend, dass diese gar nicht vom schönen Christian, sondern vom entstellten Cyrano stammt. Der Rest ist Geschichte – und die dauert noch bis heute an, schließlich erlebt „Cyrano de Bergerac“ dank moderner Adaptionen wie „Das schönste Mädchen der Welt“ oder „Sierra Burgess Is A Loser“ gerade sowas wie eine kleine Kino-Renaissance. Zudem ist „Cyrano de Bergerac“ noch immer das meistaufgeführte Theaterstück Frankreichs, mal ganz abgesehen von den zahlreichen Interpretationen als Musical, Oper, Film oder Ballett.

Bei „Vorhang auf für Cyrano“ handelt es sich nun allerdings nicht um eine weitere Neuinterpretation des klassischen Stoffes. Stattdessen erzählt der vornehmlich als Schauspieler tätige Alexis Michalik („Van Gogh – An der Schwelle zur Unendlichkeit“) in seinem Langfilmdebüt als Regisseur und Drehbuchautor von der Entstehung des Klassikers und rückt dafür in erster Linie den Autor Edmond Rostand (im Original heißt der Film deshalb auch schlicht „Edmond“) in den Mittelpunkt. Dabei lässt er den Inhalt des Dramas und die Geschichte seiner Entstehung geschickt ineinander überfließen. Das ist zwar historisch nicht immer korrekt, aber dafür mitreißend, emotional und ziemlich lustig.

Die Entstehung eines Klassikers...


Im Paris des Jahres 1897 gilt der aufstrebende Bühnenautor Edmond Rostand (großartig: Thomas Solivérès) als ein potenzielles Genie. Aber obwohl er sich bei Kritikern einen Namen gemacht hat, bleibt der ganz große Erfolg bisher aus. Obwohl Edmond langsam die Liebe am Schreiben abhandenzukommen droht, muss ja trotzdem irgendwie Geld verdient werden. Das Blatt scheint sich erst zu wenden, als Edmond den berühmten Komödianten Constant Coquelin (Olivier Gourmet) kennenlernt. Dieser glaubt an den Autor und verlangt, eine Rolle in seinem neuen Stück zu spielen – einem Stück, das Edmond aber noch gar nicht geschrieben hat. Aus der Not heraus entwickelt Edmond spontan ein paar Verse, die bei Coquelin sofort auf großen Anklang stoßen. So inspiriert ihn das wahre Leben plötzlich zu einer Geschichte über einen entstellten Dichter, der seinem gutaussehenden Freund Verse für eine schöne Frau zuschustert. Sein Name: Cyrano de Bergerac...

Auf den Spuren von "Shakespeare In Love"


Als eine seiner Hauptinspirationsquellen für „Vorhang auf für Cyrano“ nennt Alexis Michalik den Oscar-Gewinner „Shakespeare in Love“, in dem die Entstehungsgeschichte von „Romeo und Julia“ als teilweise auf historischen Fakten basierendes, teilweise fiktionales Romantikdrama verhandelt wird. Für Michalik gibt es mit „Cyrano de Bergerac“ nur ein einziges französisches Werk, das es mit der Popularität des Shakespeare-Klassikers aufnehmen kann – und so fungiert dann auch die umjubelte Weltpremiere am 28. Dezember 1897 am Pariser Théâtre de la Porte Saint als ultimatives Happy End.

Aber damit das auch so richtig wirken kann, konzentriert sich der Film bis dahin erst einmal auf all die unheilvollen Vorboten, die auf allesmögliche hindeuten, aber ganz sicher nicht darauf, dass „Cyrano de Bergerac“ einmal zu einem Welterfolg wird. Von Fehlentscheidungen bei der Besetzung über Streitereien unter den Teammitgliedern und einem kurzfristigen Aufführungsverbot bis hin zu einer defekten Falltür auf der Bühne muss sich die Crew, allen voran der die Proben beaufsichtigende Edmond Rostand, mit etlichen Hindernissen herumschlagen, ehe es schließlich zu den verdienten Standing Ovations kommt.

Olivier Gourmet ist der Bühnen-Cyrano.


Michalik inszeniert den mit Fallstricken und Zufällen gespickten Weg in Richtung Erfolg als beschwingte Hinter-den-Kulissen-Komödie, die größtenteils auch von jeder beliebigen Theateraufführung handeln könnte und nur wenige dramatische Töne anschlägt, etwa wenn Edmonds Ehe zunehmend unter der Probenarbeit leidet. Hin und wieder übernimmt Michalik aber auch Szenen aus „Cyrano de Bergerac“, die er dann in der filmischen Realität ihre Entsprechung finden lässt: Auf die Idee für das zentrale Liebesdilemma kommt Edmond beispielsweise dadurch, dass er eines Nachts tatsächlich für einen gutaussehenden, aber tumben Kumpel Liebesreime aus dem Ärmel schütteln soll. Auch einige der Figuren aus dem Versdrama besitzen ein offensichtliches Pendant in der im Film gezeigten Entstehungsgeschichte.

Eine Liebeserklärung an das Theater


„Vorhang auf für Cyrano“ ist dabei nicht bloß die Entstehungsgeschichte eines Theaterklassikers, sondern auch eine Liebeserklärung an das Theater selbst. Das Theatergebäude, in dem ein großer Teil des Films spielt, sowie die kleinen verwinkelten Gassen des schillernden Vergnügungsviertels Montmartre bilden die optimale Kulisse für „Vorhang auf für Cyrano“, in dem nicht nur Edmond Rostand, sondern auch damalige Literaten wie Feydeau, Courteline, Sarah Bernhardt und Coquelin kurz mal vorbeischauen. Es fallen im Jahr 1897 aber auch schon immer wieder Sätze darüber, dass der Stummfilm langsam auf dem Vormarsch sei. Ein weiterer Grund, weshalb der Erfolg von „Cyrano de Bergerac“ als „neuer französischer Theaterblockbuster“ zum damaligen Zeitpunkt so wichtig war.

Fazit: „Vorhang auf für Cyrano“ erzählt die ebenso unterhaltsame wie charmante Entstehungsgeschichte des französischen Welterfolges „Cyrano de Bergerac“ - eingebettet in eine mitreißende Liebeserklärung an die Kraft des Theaters und die Seine-Metropole Paris.

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