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Photograph
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Photograph

Indien kann auch leise

Von Lars-Christian Daniels
Mit seinem vielbeachteten Langfilmdebüt „Lunchbox“ eroberte der indische Filmemacher Ritesh Batra die Herzen des internationalen Publikums im Sturm: In seiner charmanten Liebeskomödie erzählt der Regisseur und Drehbuchautor von einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen einer hervorragend kochenden Hausfrau und einem wildfremden Büroangestellten, der versehentlich das eigentlich dem Ehemann zugedachten Mittagessen an seinen Arbeitsplatz in Mumbai geliefert bekommt. In seinem vierten Langfilm „Photograph“ entführt Batra die Zuschauer nun erneut in seine Heimatstadt und schafft dabei eine ähnliche Ausgangslage: Diesmal laufen sich ein hartnäckiger Touristenfotograf und eine introvertierte Wirtschaftsschülerin im Herzen der 18-Millionen-Einwohner-Metropole zufällig über den Weg und beginnen danach, sich häufiger zu treffen. Nach der Netflix-Produktion „Unsere Seelen bei Nacht“ und der Literaturverfilmung „Vom Ende einer Geschichte“ kehrt Batra damit zurück zu seinen Wurzeln – und liefert erneut eine warmherzige und sympathische Romanze, die als angenehm leiser Gegenentwurf zum klassischen Bollywood-Kino daherkommt und fast beiläufig die Zweiklassengesellschaft im Schwellenland Indien veranschaulicht.

Der Fotograf Rafi (Nawazuddin Siddiqui) träumt wie so viele Menschen in Mumbai von einem besseren Leben: Tag für Tag steht er mit seiner Kamera bewaffnet am Gateway Of India, um Touristen abzulichten und sich die Rupien für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch Rafi, der sich nach Feierabend eine spärlich eingerichtete Wohnung mit anderen Junggesellen teilt, arbeitet nicht nur für den eigenen Geldbeutel: Einen Großteil seiner Einkünfte schickt er an die Familie in seiner Heimat auf dem Land, um die hohen Schulden seines Vaters zu begleichen. Eines Tages knipst Rafi die hübsche Wirtschaftsschülerin Miloni (Sanya Malhotra) und bekommt die junge Frau danach nicht mehr aus dem Kopf – was auch daran liegt, dass Miloni das Gesicht eines großen Werbeplakats ist, das in Mumbai an vielen Straßenecken hängt. Als sich die beiden ein paar Tage später ein zweites Mal begegnen, bittet Rafi Miloni um einen Gefallen: Seine Großmutter Dadi (Farrukh Jaffar), die ihren Enkel dringend unter die Haube bringen will, hat sich für einen Besuch angekündigt – und Miloni soll für eine Zeit lang so tun, als wäre sie Rafis Lebensgefährtin…

In der großartigen „Die Simpsons“-Episode „Hochzeit auf Indisch“ von 1997 gerät der dauerschuftende Kwik-E-Mart-Verkäufer Apu Nahasapeemapetilon in Bedrängnis: Seine in Indien lebende Mutter, die die Heirat von Apu und seiner späteren Gattin Manjula schon vor vielen Jahren festgelegt hat, kommt überraschend zu Besuch nach Springfield – der Workaholic hat aber (noch) gar keine Lust darauf, sein Junggesellendasein aufzugeben und auf Drängen seiner Mutter eine Frau zu heiraten, die er zuletzt im Kindesalter gesehen hat. Ob Regisseur und Drehbuchautor Ritesh Batra die spaßige Folge aus der neunten Staffel der US-Zeichentrickserie inspiriert hat, ist nicht überliefert, doch seine Geschichte schlägt zunächst einen ganz ähnlichen Kurs ein: Während bei den „Simpsons“ Homers Frau Marge der angereisten Mutter als vermeintliche Lebensgefährtin präsentiert wird, ist es in „Photograph“ die junge Miloni, die die störrische Großmutter Dadi (köstlich: Farrukh Jaffar, „Was werden die Leute sagen“) hinters Licht führen soll. Die Basis für ein amüsantes Verwirrspiel ist damit gelegt – doch lässt sich Dadi ebenso wenig täuschen wie ihr Zeichentrickpendant und stiehlt mit ihrer herrisch-dominanten, aber doch liebenswerten Art anfangs jede Szene, in der sie zu sehen ist.

„Photograph“ ist aber keiner dieser (auch im Hollywood-Kino häufig zu findenden) Filme, die pausenlos Gags aus dem fortgeschrittenen Alter einer Figur generieren und bis zum Schluss nur auf leicht verdiente Lacher abzielen: Im Mittelteil der Geschichte rückt die knuffige Dadi zunehmend in den Hintergrund, weil Batra gekonnt die ungleichen Lebensumstände von Rafi und Milona herausarbeitet und sich auf deren ungewöhnliche Beziehung zueinander konzentriert. Dabei prallen im Herzen von Mumbai zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite der mit allen Wassern gewaschene Rafi, der am Gateway Of India täglich Touristen anquatscht und seine eigene Großmutter belügt, auf der anderen Seite die in behüteten Verhältnissen aufwachsende Miloni, die auf Wunsch ihrer Eltern die Universität besuchen soll – obwohl sie sich eigentlich nach einem ruhigen Leben fernab der Metropolen sehnt, in die heutzutage nicht nur nicht nur im bevölkerungsreichsten Land der Welt so viele Menschen ziehen, weil dort besser bezahlte Jobs und eine moderne Infrastruktur winken.

Batra lässt seine beiden Hauptfiguren diese Diskrepanz jedoch selten verbalisieren – wenn die schüchterne Miloni Abend für Abend gedankenverloren mit traurigem Blick am Schreibtisch sitzt und schon nach ihrem ersten Straßensnack Magenprobleme bekommt, sind aber auch gar keine weiteren Worte nötig. Dieser zurückgenommene Erzählstil, der über weite Strecken auch „Lunchbox“ kennzeichnete, ist ebenso charakteristisch für „Photograph“, weil der Filmemacher seine Botschaften zwischen den Zeilen transportiert und statt entlarvender Dialoge lieber auf leise Töne, fast beiläufig eingeflochtene One-Liner und präzise Beobachtungen setzt. Die Trennung zwischen Indiens Ober- und Unterschicht wird für den Zuschauer dennoch konkret greifbar, wenn Dadi bei ihrem pausenlosen Gemecker über ihren noch unverheirateten Enkel auch dessen dunklen Teint thematisiert, die Haushälterin in Milonis Familie wortlos ihre Schlafmatte auf dem Fußboden ausrollt oder Rafi mit einer unbedachten Äußerung einen allzu redseligen Taxifahrer verletzt, der sich in seiner Ehre als Navigator durch den Verkehrsdschungel gekränkt fühlt.

Ein wirklich mitreißender Film ist „Photograph“ unter dem Strich aber nicht geworden, weil sich das ganz große Gefühlskino nicht einstellen will und Batra an einigen Stellschrauben der Handlung den Faktor Zufall etwas überstrapaziert. Dafür überzeugt sein Film aber als feinfühlige Kreuzung aus bittersüßer Romanze und humorvoll angehauchtem Großstadtporträt, das Indiens Alltag ähnlich scharf ablichtet wie die Bilder aus Rafis Sofortbildkamera – und zugleich noch riesige Neugier darauf weckt, wie wohl die „Campa Cola“ schmeckt, die durch die übermächtige Brausekonkurrenz aus den USA nach der Jahrtausendwende vom indischen Markt verschwunden ist. Zwischen hupenden Rollerfahrern, dampfenden Garküchen und quietschbunt ausgestatteten Einkaufsläden löst sich „Photograph“ von den ausgetretenen Pfaden des Genres und überzeugt als sympathischer Gegenentwurf zum kitschigen Bollywood-Kino oder Hollywoodschnulzen nach Schema F – ein dramaturgischer Ansatz, der in der letzten Filmszene sogar noch ironisch aufgegriffen wird.

Fazit: Mit der Rückkehr nach Mumbai knüpft der indische Filmemacher Ritesh Batra erfolgreich an sein vielgelobtes Debüt „Lunchbox“ an – „Photograph“ ist eine präzise beobachtete Kreuzung aus feinfühliger Romanze und sozialkritischem Großstadtporträt.

Wir haben „Photograph“ im Rahmen der Berlinale 2019 gesehen, wo der Film als „Berlinale Special Gala“ gezeigt wurde.
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