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Tatort: Borowski und das Haus der Geister
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Tatort: Borowski und das Haus der Geister
Von
Eine der spannendsten „Tatort“-Folgen aller Zeiten kam ausgerechnet aus einer Stadt, die in der Vergangenheit nur selten mit guten Krimis überzeugte: Im Januar 2012 hatte der Saarländische Rundfunk im Rahmen einer medialen Schlammschlacht gerade erst seine beiden Hauptdarsteller Maximilian Brückner und Gregor Weber vor die Tür gesetzt, als deren düsterer Saarbrücker „Tatort: Verschleppt“ im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Ihr letzter gemeinsamer Fall, in dem unter anderem Motive aus Gore Verbinskis meisterhaftem Horror-Remake „Ring“ verarbeitet wurden, fiel dermaßen gruselig aus, dass viele Zuschauer nicht bis zum Ende durchhielten. Sechs Jahre später wilderte mit dem Hessischen Rundfunk erneut ein Sender im Horror-Genre, landete mit seinem unfreiwillig komischen „Tatort: Fürchte dich“ aber einen kolossalen Fehlschlag. 2018 ist nun der NDR an der Reihe: In Elmar Fischers „Tatort: Borowski und das Haus der Geister“ ermittelt der Kieler Kommissar in einem Spukhaus und wird dabei erstmalig von einer neuen Kollegin unterstützt. Deren Debüt ist unter dem Strich aber eine der schwächsten Kieler „Tatort“-Folgen seit Jahren, weil vieles Stückwerk bleibt und die Geschichte selten spannend, dafür aber ziemlich vorhersehbar ausfällt.

Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) wird mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert: Vier Jahre nach dem Verschwinden von Heike Voigt, der Ehefrau seines damaligen Freundes Frank Voigt (Thomas Loibl), bittet ihn dessen Tochter Grete (Emma Mathilde Floßmann) um Hilfe. Frank wurde des Mordes an seiner Gattin verdächtigt, aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Borowski soll den Fall neu aufrollen und besucht die Voigts daher in ihrer Villa auf dem Land, in der auch Gretes Schwester Sinja (Mercedes Müller), ihr gleichaltriger Freund Chris (Alex Peil) und Franks neue Lebensgefährtin Anna (Karoline Schuch) wohnen. Vor Ort streitet Grete jedoch ab, den Brief an ihren Patenonkel Borowski geschrieben zu haben – und Anna bittet den Kommissar in einem unbeobachteten Moment darum, doch bitte über Nacht zu bleiben. Im Haus soll der Geist der verschwundenen Heike spuken – und nach einem nächtlichen Vorfall registriert auch Borowski, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Weil der Kommissar allerdings befangen ist, bekommt er von seinem Chef Roland Schladitz (Thomas Kügel) eine neue Partnerin zur Seite gestellt: Die junge Mila Sahin (Almila Bagriacik) ist Spezialistin für operative Fallanalysen und gerade erst aus Berlin ins Kieler Polizeipräsidium gewechselt...

Sechs Jahre lang ging Axel Milberg („Hannah Arendt“) im „Tatort“ aus dem hohen Norden gemeinsam mit Sibel Kekilli („Gegen die Wand“) auf Täterfang – 2017 stieg die Schauspielerin allerdings aus und kritisierte in einem Interview die mangelhafte Weiterentwicklung ihrer Figur Sarah Brandt. Mit der Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert), die bereits 2009 den Dienst quittiert hatte und im „Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ 2015 ein einmaliges Comeback feierte, hatte Borowski bereits eine andere Partnerin verschlissen und bekommt vom NDR bei seinem dritten Anlauf nun ein 28-jähriges Energiebündel zur Seite gestellt: Mila Sahin (Almila Bagriacik, „4 Blocks“) unterzieht die riesige Boxbirne in ihrem neuen Büro schon in ihrer ersten Szene einer Belastungsprobe und drückt auch in der Folge ordentlich aufs Tempo. Ihre dynamische Gangart und das unerschütterliche Selbstbewusstsein, mit dem sie vor allem der Generation Y als Identifikationsfigur dienen dürfte, wirken zu Beginn allerdings sehr überzeichnet und werden erst im Schlussdrittel des Films auf ein weniger anstrengendes Maß zurückgeschraubt. Ansonsten ist Sahin Brandt – nicht zuletzt wegen ihrer Affinität zum Digitalen – gar nicht so unähnlich, so dass sich an der Figurenkonstellation im Kieler „Tatort“ auf den ersten Blick nicht viel ändert.

Auch der Mut zu ausgefallenen Geschichten ist für den Fadenkreuzkrimi von der Förde typisch, doch birgt das Drehbuch von Marco Wiersch („Der Fall Barschel“) einige Schwächen: Die Antwort auf die Frage, wer Heike Voigt ermordet und die Sache erfolgreich vertuscht hat, fällt selbst für weniger krimierprobte Zuschauer ziemlich vorhersehbar aus. Beim Blick auf die Figuren hingegen erscheint manches nicht stimmig: Dass Borowski vom Jähzorn seines einstigen Schwarms nicht das Geringste geahnt haben will, wirkt sehr unglaubwürdig und sein blindes Vertrauen zu Neuling Sahin gerade bei einem solch persönlichen Fall überhastet. Über sein verschlossenes Patenkind, das die Filmemacher als anfängliche Schlüsselfigur allzu schnell wieder fallen lassen, erfahren wir wenig – Gretes blau gefärbte Haare, ihre Wollmütze und der Punk-Stil ihrer Klamotten müssen schon reichen, um sie auch im Geiste von ihrer trendy gekleideten (und deutlich unsympathischeren) Schwester Sinja zu trennen. Dreh- und Angelpunkt des Films ist allerdings Stiefmutter Anna (stark: Karoline Schuch, früher auch als Tochter von Freddy Schenk im Kölner „Tatort“ zu sehen), die von schrecklichen Visionen gepeinigt wird: Hier legen die Filmemacher mit einem gemeinsamen Ausflug in den Wald ein deutlich solideres Fundament für die weitere Charakterzeichnung.

Rein ästhetisch weiß der zweite „Tatort“-Ausflug ins Horror-Genre binnen elf Monaten ebenfalls zu überzeugen, wirklich mitzureißen vermag er aber nur selten: Dem von Regisseur Elmar Fischer („Offroad“) solide inszenierten nächtlichen Grusel fehlt die Durchschlagskraft, denn für elektrisierende Schockmomente ist der Sendeplatz der falsche und für eine Geistergeschichte, bei der man die vermeintliche Übersinnlichkeit als gegeben hinnehmen könnte, ist die Handlung tagsüber viel zu sehr in der Realität geerdet. Als Borowski die Voigts irgendwann zum Gläserrücken bittet („Wir rufen dich, großer Geist!“) droht die Handlung sogar ins Lächerliche abzudriften – hier bekommen die Filmemacher gerade noch die Kurve und konzentrieren sich in der Folge wieder auf das, was diesen Krimi überhaupt sehenswert macht: das Offenlegen der innerfamiliären Spannungen und die Aufklärung des tragischen Vorfalls, der Borowski erst auf den Plan gerufen hat. Auch im Hinblick auf die Figurenentwicklung ist dieser Kieler „Tatort“ interessant: Nach fast 15 Dienstjahren dürfen wir endlich Borowskis Ex-Frau Gabrielle (Heike Trinker, „Verbotene Liebe“) kennenlernen – ein netter Handlungsschlenker, der die Geschichte aber letztlich kaum voranbringt.

Fazit: Elmar Fischers „Tatort: Borowski und das Haus der Geister“ ist weder Fisch noch Fleisch – als Genremix aus Horrorkrimi und Ehedrama fehlt es ihm an Spannung, Tiefgang und Durchschlagskraft.

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