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    The Rhythm Section - Zeit der Rache
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    The Rhythm Section - Zeit der Rache

    Eine furiose One-Woman-Show

    Von Karin Jirsak
    Der Originaltitel mag den ersten Eindruck erwecken, aber nein: Bei „The Rhythm Section“ handelt es sich nicht etwa um eine Musikdoku, sondern wie der deutsche Untertitel „Zeit der Rache“ schon stärker herausstellt um einen Agententhriller. Mit der Rhythmus-Sektion sind demnach auch nicht Schlagzeug und Bass gemeint, sondern Herz und Atmung, sozusagen die Rhythmusabteilung des Körpers. Diese muss hier eine traumatisierte junge Frau in Einklang bringen, um ihr Ziel zu erreichen: den perfekten Schuss zu platzieren, um die Mörder ihrer Familie zu rächen. Verkörpert wird die von Wut und Trauer getriebene Protagonistin mit schonungslosem Einsatz von Blake Lively („Gossip Girl“). In ungewohnt androgynem Look legt das California Glamour Girl in Reed Moranos rasantem, erzählerisch aber nicht ganz ausgegorenen Thrillerdrama „The Rhythm Section – Zeit der Rache“ eine furiose One-Woman-Show hin.

    Drei Jahre, nachdem ihre Familie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, erfährt die drogenabhängige Prostituierte Stephanie Patrick (Blake Lively) in einem Bordell in London von einem Journalisten (Raza Jaffrey), dass der Crash kein tragischer Unfall, sondern Folge eines Terroranschlags war. Diese Information reißt Stephanie aus ihrer lethargischen Verzweiflung: Wild entschlossen, die Täter selbst zur Rechenschaft zu ziehen, reist sie nach Schottland und nimmt dort Kontakt zu Ian Boyd (Jude Law) auf. Der ehemalige MI6-Agent arbeitet für eine Organisation namens Magenta House, die Terroristen liquidiert. Stephanie verlangt von Boyd, sie zur Agentin auszubilden. Ein steiniger Weg, der sie bald auch mit ihrem Gewissen in Konflikt bringt.

    Stephanie wird zur Killerin ausgebildet.


    Wenn ein Agententhriller den Anspruch hat, auch Drama zu sein, kommt er oft an den Punkt, an dem er das Thema der moralischen Grenzen verhandelt, und so ist es auch hier: Stephanie hat zwar nichts zu verlieren, ist aber alles andere als eiskalt. Gefühle wie Reue und Schuld kennt die Protagonistin, wie wir schon in der ersten Szene erfahren: Bevor sie erkennt, dass ihre Familie durch einen Anschlag getötet wurde, hadert sie bereits mit diesen Gefühlen, das erzählt uns Regisseurin Reed Morano („The Handmaids Tale“) in fragmentarischen Rückblenden.

    Eigentlich hätte Stephanie nämlich mit an Bord der Maschine sein sollen, mit der ihre Eltern und Geschwister in den Tod stürzten, doch aufgrund eines Streits versäumte sie den Flug. Ironischerweise will sie diese Schuldgefühle nun hinter sich lassen, indem die junge Frau sich zur Killerin ausbilden lässt. Doch funktioniert Rache als Schlüssel zur Überwindung von Verlust und Trauma? – In „The Ryhthm Seection“ gibt es auf diese Frage eine eindeutige Antwort, womit es sich die Macher dann doch vielleicht etwas zu einfach machen.

    Eine starke Blake Lively …


    In einer Schlüsselszene erlebt Stephanie einen kritischen Moment, der sie mit ihrem Gewissen konfrontiert und der einen eigentlich eklatanten Konflikt mit sich bringt. Dieser wird aber dramaturgisch kaum herausgearbeitet, und die daraus folgende Konsequenz wird der zuvor gezeigten Vielschichtigkeit der Figur nicht gerecht. Da hätte man gerade mit den darstellerischen Fähigkeiten von Blake Lively („The Town – Stadt ohne Gnade“), die sie hier fraglos unter Beweis stellt, sehr viel mehr an Tiefenschärfe rausholen können.

    Die Kalifornierin überzeugt performativ auf ganzer Linie – ohne ihre blonde Signature-Mähne (und zeitweise sogar mit „Nikita“-Gedächtnisfrisur), dafür mit absoluter Coolness, zwingender physischer und emotionaler Präsenz und schonungslos saftiger Action, bei der sich Lively am Set auch eine Handverletzung zuzog, was zum zwischenzeitlichen Abbruch des gesamten Drehs führte. Das verzögerte den Film so massiv, dass der von den Machern der „James Bond“-Reihe produzierte Thriller rund ein Jahr verspätet in die US-Kinos kam, wo so floppte, dass ein ursprünglich anvisiertes Franchise nicht mehr zur Debatte steht.

    Ungewohnter Look für Superstar Blake Lively.


    Livelys männliche Counterparts fallen gegen die starke Protagonistin ziemlich ab. Vor allem Jude Law („Sherlock Holmes“) bleibt blass, was auch an der schematischen und austauschbaren Klischee-Figur liegt, die ihm das Drehbuch zugedacht hat. Irgendwo zwischen knallhartem Drill Instructor und wohlmeinendem Jedi-Meister (nur ohne die großen Weisheiten) wird sein Charakter einfach nicht greifbar. Zudem verhält er sich teilweise so unschlüssig, dass man die Figur eigentlich kaum ernst nehmen kann: Warum lässt sich ein Profi wie Boyd auf den Deal ein, einen heruntergekommenen Junkie wie Stephanie auszubilden? Die Erklärung ist so platt, dass es schon fast wehtut.

    Auch die „Rocky“-hafte, mit an „Braveheart“ gemahnendem Score unterlegte Oldschool-Trainingssequenz in den schottischen Highlands, bei der wir im Zeitraffer Stephanies Wandlung vom unfitten Crackhead zur durchtrainierten Antiheldin erleben, ist zwar sehr unterhaltsam, aber von Grund auf wenig plausibel. Flach und unglaubwürdig fällt auch der zweite männliche Gegenpart aus, ein weiterer mysteriöser Kontaktmann namens Mark Serra, der in der zweiten Hälfte des Films an Stephanies Seite tritt. Diese von Sterling K. Brown („Waves“) gespielte Rolle wird ebenfalls kaum ausformuliert, was dann auch zum sang- und klanglosen Verpuffen des (eigentlich eh überflüssigen) finalen Twists führt.

    … und tolle Bilder reißen es raus


    Mehr Raffinesse als die Erzählung versprühen die in schön dreckigen, mit rasanten Schnitten arrangierten Settings von London über Schottland bis Marokko. Das Action-Herzstück des Films bildet eine krachende Verfolgungsjagd durch die engen und belebten Gassen Tangiers – exzellent gefilmt von Sean Bobbitt („12 Years A Slave“), der mit der Kamera Stephanie stets im Fokus behält und dem getriebenen Rhythmus ihrer Schritte immer dicht genug auf den Fersen bleibt. Die „Rhythm Section“ hat ihren Job jedenfalls sehr gut gemacht in dieser Adaption des gleichnamigen Bestsellers (der inzwischen drei Fortsetzungen zählt) von Mark Burnell, der auch das Drehbuch schrieb. Alles andere ist die große Blake Lively-Show, und die ist als solche schon ziemlich mitreißend.

    Fazit: Unterhaltsamer Agententhriller irgendwo zwischen Luc Bessons „Nikita“ und „Rocky“. Die erzählerischen Schwächen werden lässig überspielt von Blake Lively, die mit dieser emotionalen und physischen Tour de Force ihre männlichen Counterparts komplett an die Wand spielt – und sich als facettenreiches Tough Girl womöglich auch für höhere (Agenten-)Aufgaben empfiehlt...

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