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Blind & Hässlich
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Blind & Hässlich
Von
Neben Los Angeles (die Duplass-Brüder, „Cyrus“) und New York (die Safdie-Brüder, „Good Time“) hat auch Berlin sein eigenes Brüderpaar, das die lokale Independent-Szene maßgeblich vorantreibt: Nachdem Jakob Lass‘ größtenteils improvisierter „Love Steaks“ zumindest für Mumblecore-Verhältnisse zum Megahit avancierte und 2014 sogar als Bester Film für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde, gab es für sein ähnlich energiegeladenes Nachfolgeprojekt „Tiger Girl“ nicht nur mehr Budget, sondern auch eine Beteiligung von Constantin Film und einen größeren Kinostart. Jakobs jüngerer Bruder Tom Lass hatte hingegen nicht so viel Glück: Sein grandioser zweiter Film „Kaptn Oskar“ (4,5 Sterne von FILMSTARTS, aktuell auf Netflix) hat zwar in der Festivalszene mächtig eingeschlagen, ist dann beim Kinostart aber unverdientermaßen völlig abgesoffen. Für seinen auf dem Filmfest München mit dem FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichneten Nachfolger „Blind & Hässlich“ hat Tom Lass trotzdem Das kleine Fernsehspiel des ZDF als Geldgeber gewonnen. Das ist natürlich erfreulich, verlangt dem Filmemacher aber auch Kompromisse ab, die er zuvor nicht eingehen musste – schließlich war das Budget hier gleich 100 Mal (!) höher als bei seinen bisherigen, quasi budgetlosen Filmen.

Soziale Interaktionen sind nicht so das Ding von Ferdi (Tom Lass), der von seiner Mutter einst neben statt in einer Babyklappe abgelegt wurde. Nach etlichen erfolglosen Therapien streunt er durch den Wald, isst Regenwürmer und schleicht sich an Bäuerinnen heran, um sie leise-schüchtern zu fragen, ob sie nicht mit ihm gehen wollen. Kein Wunder also, dass er von ein paar Landwirten verprügelt und an die Polizei übergeben wird. In seiner neuen betreuten Wohngruppe lebt sich Ferdi nur langsam ein und eine Freundin hat er auch immer noch nicht. Aber dann begegnet ihm auf der Straße Jona (Naomi Achternbusch), die gerade mit ihrem Blindenhund spazieren geht. Weil Jona ihn nicht sehen kann, fühlt sich Ferdi in ihrer Gesellschaft sicherer als bei anderen Frauen. Allerdings hat Jona ein Geheimnis, das die brüchige Beziehung auf eine harte Probe stellen könnte: Sie kann in Wahrheit nämlich sehr wohl sehen und stellt sich nur blind, um nach dem Schmeißen des Abis und der anschließenden Flucht von zu Hause ein Zimmer im Wohnheim ihrer tatsächlich blinden Cousine Cecile (Clara Schramm) zu bekommen...


Die Filme von Tom Lass haben immer etwas Träumerisch-Fließendes an sich. Trotz des vermeintlich bodenständigen Mumblecore-Looks scheint in ihnen jederzeit alles möglich zu sein: Wenn Jona in ihrer hilflosen Verzweiflung nach Ferdis Verschwinden zwei Polizisten im Dienst (Axel Ranisch, Karin Hanczewski) ein Bier anbietet, dann nehmen die das gegen jede Erwartung tatsächlich an. Und als sie in Ermangelung passenderer Worte zwei Hundetrainer (Jakob Lass, Lana Cooper) bittet, den Blindenhund ihrer Cousine „zu reparieren“, dann erwidern die ganz trocken, dass man da durchaus schon ein Vorderbein austauschen könne, dann aber nicht sichergestellt sei, ob es auch farblich zum Rest des Hundes passt. Solche oft abrupten Wechsel zwischen nüchternen, absurden und atmosphärisch-impressionistischen Momenten haben sicher auch damit zu tun, dass Lass seine Schauspieler als Regisseur sehr viel improvisierten lässt (für „Blind & Gefährlich“ musste er zwar für die Senderredaktion ein Treatment schreiben, aber das hat er seinen Darstellern nicht verraten). So eröffnet er seinem Film und seinen Figuren Möglichkeitsreservoire, die manchmal faszinieren, manchmal verunsichern, manchmal sogar verstören, aber immer aufregend sind.

Die Geschichte von „Blind & Hässlich“ könnte man sich durchaus auch als Plot einer typischen Hollywood-RomCom vorstellen. Aber dort hätten sich die Drehbuchautoren vermutlich schon bei dem Versuch, die grundsätzliche Prämisse zu etablieren, voll einen abgebrochen. Bei Tom Lass entfaltet sich die vertrackte Konstellation hingegen mit einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit – wenn eh alles möglich ist, dann doch erst recht so ein Blindenirrtum. Auch anschließend gibt es keinen Platz für Klischees – erst recht nicht über Sozialphobiker: Ferdis Probleme werden nicht wie etwa in „Besser geht’s nicht“ verniedlicht, stattdessen porträtiert Tom Lass seine Figur mit einem ebenso trockenhumorigen wie einfühlsamen Sinn für das Absurde. Aber wo an dem 78 Minuten kurzen „Kaptn Oskar“ vor allem auch das ins weit offene Nichts ausrollende Ende begeistert, gerät der 22 Minuten längere „Blind & Hässlich“ im plötzlich plotlastigen Schlussdrittel immer wieder ins Stocken (außerdem gibt es mit dem von Dimitri Stapfer verkörperten Discobetreiber-Arschloch Björn eine prominente Figur, die zum Film kaum mehr beizutragen hat als das bloße Vorantreiben der Story). Tom Lass‘ einzigartig fließender Erzählstil eignet sich nun mal nur sehr bedingt zum Abspulen eines klassischen Plots. Aber ohne Abspulen eines klassischen Plots gibt es in der Regel eben auch keine Fernsehgelder.

Fazit: Eine aufregend andere romantische Außenseiterkomödie, der bei allen Qualitäten gerade auf der Zielgeraden weniger Plotfesseln gutgetan hätten.
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