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Tatort: Déjà-vu
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Tatort: Déjà-vu
Von Lars-Christian Daniels
Beim „Tatort“ aus Dresden und beim federführenden MDR muss es in den vergangenen Wochen hinter den Kulissen gehörig geknirscht haben: Im Dezember 2017 warf Hauptdarstellerin Alwara Höfels („Keinohrhasen“) nach gerade einmal vier ausgestrahlten Folgen überraschend das Handtuch und gab als Grund für ihren Ausstieg aus der Krimireihe „unterschiedliche Auffassungen zum Arbeitsprozess“ und einen „fehlenden künstlerischen Konsens“ an. Wenige Tage später zog auch Autor Ralf Husmann („Stromberg“) nach, der drei der vier Drehbücher geschrieben hatte: „Ich hatte den Eindruck, dass es inzwischen in Richtung eines ganz konventionellen Krimis geht. Ich wollte einen Mittelweg finden zwischen dem Tatort in Münster und dem in Weimar“, begründete Husmann seinen Rückzug – und liegt mit dieser Einschätzung goldrichtig. Doch Dustin Looses „Tatort: Déjà-vu“, bei dem der Autor zum zweiten Mal anderen Schreibern das Feld überlassen hat, ist nicht nur der konventionellste, sondern zugleich der mit Abstand stärkste „Tatort“ aus dem Elbflorenz – ein spannendes und mitreißendes Krimidrama, das trotz kleinerer Schönheitsfehler erstklassig unterhält.

Ganz Dresden steht unter Schock. Am Elbufer wird die Leiche des neunjährigen Rico Krüger (Joel Simon) gefunden, der ertränkt und sexuell missbraucht wurde. Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) ist von dem Fall emotional besonders betroffen: Drei Jahre zuvor hatte er das Verschwinden des gleichaltrigen Jakob Nemec nicht aufklären können – dessen Eltern Matej (Jörg Witte) und Julia (Anna Grisebach) haben ihm den Misserfolg nie verziehen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Taten? Die Hauptkommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) müssen Ricos unter Schock stehende Eltern Stefan (Jörg Malchow) und Sandra Krüger (Franziska Hartmann) vernehmen – finden aber nicht die heiße Spur, die die Lokalpresse und die besorgten Bürger Dresdens vehement einfordern. Ins Visier der Ermittlerinnen gerät schließlich ein guter Freund der Eltern: Die Schulaufsichtsmitarbeiterin Jennifer Wolf (Alice Dwyer) weist die Ermittlerinnen auf die mutmaßlich pädophile Vergangenheit des Schwimmtrainers Micha Siebert (Niels Bruno Schmidt) hin, der Rico und andere Jungen trainiert hatte. Doch auch ihr Freund René Zernitz (Benjamin Lillie) ist Wolf in den vergangenen Jahren irgendwie fremd geworden...

Die Drehbuchautoren Mark Monheim („About A Girl“) und Stephan Wagner („Der Fall Jakob von Metzler“), der zuletzt die Bücher zu den Berliner Fällen „Tatort: Ätzend“ und „Tatort: Gegen den Kopf“ geschrieben hat, scheinen sich anfangs nicht ganz entscheiden zu können: Wollen sie einen klassischen Whodunit konstruieren oder eigentlich von der fiebrigen Jagd auf einen dem Publikum von Beginn an bekannten Triebtäter erzählen? Spätestens als die einzige falsche Fährte des Films nach einer Dreiviertelstunde ins Leere läuft und nur noch ein Verdächtiger übrig bleibt, ist das Rätselraten beendet – und wäre aufgrund zweier einleitender, überdeutlicher Hinweise auf den Täter ohnehin nie ein wirklich kniffliges geworden. In der Folge werden dann Erinnerungen an die Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ (bzw. an das gelungene TV-Remake mit Joachim Król oder die noch radikalere US-Variante „Das Versprechen“ mit Jack Nicholson) wach, in der eine ganz ähnliche Geschichte erzählt wird: Nach dem Mord an einem Kind fordern die aufgebrachte Bevölkerung und die kritische Boulevardpresse schnelle Ermittlungsergebnisse und nehmen das Gesetz nach deren Ausbleiben einfach selbst in die Hand.

Anders als im Schwarz-Weiß-Klassiker mit Heinz Rühmann erfahren wir im „Tatort: Déjà-vu“ aber auch eine ganze Menge über den Täter – weniger über seine Psyche, als vielmehr über seinen Alltag und sein Umfeld, sodass das spontane Profiling der Ermittler etwas überhastet wirkt. Neben seinem Beruf, dem hier eine besondere Bedeutung zukommt, beleuchten die Filmemacher besonders das von unausgesprochenen Gefühlen und verdrängtem Misstrauen geprägte Beziehungsleben – und zeichnen in diesen Szenen gekonnt das Porträt eines keineswegs abstoßenden, sondern menschlich wirkenden Pädophilen, der seine Perversion vor der Öffentlichkeit geheim hält und schon rein optisch so gar nicht dem häufig bemühten Stereotyp vom schmierigen Einzelgänger entspricht. All das wird von Studenten-Oscar-Gewinner Dustin Loose (für „Erledigung einer Sache“) souverän und unaufdringlich in Szene gesetzt: Der jüngste „Tatort“-Regisseur aller Zeiten verzichtet auf inszenatorische Fingerübungen, was seinen zweiten Langfilm nach „Rolltreppe abwärts“ zwar zu einem ästhetisch konventionellen, dadurch aber nicht weniger packenden Krimidrama macht, das sich gerade durch seine Bodenständigkeit von den zahlreichen (und oft missglückten) „Tatort“-Experimenten der vergangenen Monate abhebt.

Auch im Präsidium wirkt diesmal trotz der überreizten Stimmung vieles runder erzählt als in den ersten vier Folgen aus Sachsen: Der schüchterne und hoffnungslos in Sieland verschossene IT-Kollege Ingo Mommsen (Leon Ullrich) untermauert nach seinem sympathischen Auftritt im vorigen Dresdner „Tatort: Auge um Auge“ mit unbeholfenen Komplimenten (und neuer „Frisur“) seinen Status als heimlicher Publikumsliebling, während Schnabels Wutausbrüche diesmal aus den ausbleibenden Ermittlungserfolgen resultieren und sein ermüdendes Hadern mit Fortschritt, Technik und Politik erfreulicherweise (fast) komplett ausgeklammert wird. Kleinere Logiklöcher schleichen sich ins Drehbuch aber ebenso ein wie vereinzelte Klischees: Journalisten werden in bester „Tatort“-Tradition mal wieder als sensationslüsterne Schmierfinken skizziert – und (vermeintlich) pädophile Schwimmtrainer kennen die Stammzuschauer unter anderem aus dem Saarbrücker „Tatort: Adams Alptraum“ oder dem Kölner „Tatort: Verdammt“. Dennoch könnte sich der einleitend erwähnte Ausstieg von Ralf Husmann für den Krimi aus Dresden sogar als Gewinn entpuppen: Seine eigenwillige Kombination aus Krimi und Komödie hat nie wirklich funktioniert – und im „Tatort: Déjà-vu“ zeigt sich eindrucksvoll, das im vorhandenen Team großes Potenzial schlummert.

Fazit: Dustin Looses spannender „Tatort: Déjà-vu“ ist der mit Abstand beste Krimi des noch jungen Teams aus Dresden.
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