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Drei Zinnen
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Drei Zinnen
Von
Jan Zabeils Regiedebüt „Der Fluss war einst ein Mensch“ von 2011 entstand ohne festes Drehbuch in der Wildnis Botswanas, die einzelnen Szenen wurden vom Regisseur und seinem Hauptdarsteller Alexander Fehling („Goethe!“) größtenteils gemeinsam vor Ort improvisiert. So eine enge Zusammenarbeit verbindet und so greift Zabeil in seinem neuen Film, dem Outdoor-Familiendrama „Drei Zinnen“, erneut auf den phänomenalen Fehling zurück. Dieses Mal stellt er ihm zwei ähnlich begabte Darsteller zur Seite und präsentiert sich in seinem zweiten Spielfilm als faszinierender Filmautor mit ausgeprägtem eigenen Profil und wiederkehrenden Lieblingsthemen.

Vor zwei Jahren hat sich Lea (Bérénice Bejo, Oscar-Nominierung für „The Artist“) vom Vater ihres Sohnes getrennt und ist seitdem mit dem Architekten Aaron (Alexander Fehling) glücklich. Auch der achtjährige Tristan (Arian Montgomery) scheint sich mit seinem „Stiefvater“ zu arrangieren, aber als die kleine Familie im Urlaub zu einer einsam gelegenen Holzhütte am Rande Südtirols fährt, begehrt der Junge auf. Während seine Mutter versucht, aus der etwas verfahrenen Situation das Beste zu machen, werden die Spannungen zwischen Tristan und Aaron immer stärker und spitzen sich schließlich dramatisch zu…

Bei einem der Hiking-Ausflüge der „Jungs“ erklärt Aaron den kleinen Tristan, dass die „Drei Zinnen“, eines der beliebtesten Fotomotive der Alpen und Wahrzeichen der Dolomiten, sein Lieblingsberg sei. Der Knabe merkt an, dass das ja eigentlich drei Berge seien: „Papa, Mama, Kind“. Er deutet damit an, worum es in dem Film im Wesentlichen geht, nämlich um ein etwas anderes Beziehungsdreieck mit ödipalen Untertönen. Dazu passt, dass die verbale Kommunikation über ein trilinguales Mischmasch aus Französisch (vor allem Lea), Deutsch (man lebt eigentlich in Berlin) und Englisch (die Sprache von Tristans Vater George, der im Film gesichts- und stimmlos bleibt und nur durch Tristans bis zu dreimal täglich klingelndes Handy präsent bleibt) erfolgt. Schon die Wahl der Sprache selbst kann hier zum Druck- oder Lockmittel werden.

Die unterschiedlichen sprachlichen Vorlieben der Figuren unterstreichen ihre ausgeprägte Individualität und sie haben entsprechend auch allesamt sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Familiengemeinschaft. Tristan, ein anhängliches und oft anstrengendes Kind, hofft immer noch, dass Mama und Papa sich wieder vertragen, probiert aber zwischendurch auch aus, wie es so ist, wenn er Aaron „Papa“ nennt und wie der darauf reagiert. In der kleinen Hütte macht seine Anwesenheit ein Sexualleben der Erwachsenen zudem nahezu unmöglich, und an einem „Geschwisterlein“ ist Tristan auch überhaupt nicht interessiert.

Aaron ist eigentlich ein Vorzeigevater: Er bringt Tristan das Schwimmen bei und spielt mit ihm zusammen Orgel (die einzige „Filmmusik“), er ist vielfach begabt und gibt sich redlich Mühe, aber er berichtet seiner Freundin auch von den manchmal ambivalenten Gefühlen, die ihn beschäftigen. In den meisten anderen Filmen wäre die Mutter von solch einem perfekten Ersatzvater wohl ziemlich begeistert, doch Lea legt Wert darauf, dass Tristan nicht „verwirrt“ werden soll, denn er habe nur „einen Papa“. Fast wie ein Mantra wiederholt sie, dass dies eben die Situation sei, die man auch nicht ändern könne. Ihre Haltung ist in ihrer Starrheit schwer nachvollziehbar und sie irritiert auch Aaron. Sie ist dabei nur eins der Elemente, die zu immer deutlicheren Rissen im ohnehin komplizierten Familiengefüge führen.

Ganz allmählich entwickelt „Drei Zinnen“ dabei eine bedrohliche Atmosphäre, die gegen Ende ähnlich wie Darren Aronofskys „mother!“ fast Horrorfilm-Niveau erreicht und schließlich ins Metaphorische abdriftet: So wird der unbedachte Einsatz einer Mausefalle (eine nicht eben überzeugend eingefädelte Situation) ebenso unheimlich wie mehrdeutig in Szene gesetzt, Träume von Riesen und Rippen führen in märchenhafte oder biblische Gefilde und die beeindruckende Kulisse der schneebedeckten Alpengipfel wird nicht nur zu einigen atemberaubenden Landschaftsaufnahmen genutzt (der indirekte Sonnenaufgang!), sondern auch zu einer deutlichen Mythisierung der Natur, die bereits in „Der Fluss war einst ein Mensch“ zum zentralen Motiv wurde.

Diese Überhöhungen wirken ebenso wie die ausgefeilten Dialoge zuweilen arg bedeutungsschwanger und auch das symbolisch aufgeladene, überaus dramatische Ende ist zwiespältig. Aber letztlich treibt Jan Zabeil seine reizvolle familiäre Versuchsanordnung damit nur auf die Spitze und das ist durchgehend spannend. Zudem sind die stark geforderten Schauspieler toll und neben der hervorragenden Kameraarbeit trägt auch das Tondesign viel zur knisternden Atmosphäre bei (etwa wenn Tristan auf einer knarzenden Schaukel sitzt).

Fazit: Der selbstbewusst inszenierte und hervorragend gespielte „Drei Zinnen“ ist ein ebenso herausforderndes wie sehenswertes Familiendrama vor beeindruckender Naturkulisse.
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