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    Joker
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Joker

    Eine vertane Chance

    Von Christoph Petersen
    Dass es DC und Warner Bros. bisher nicht gelungen ist, ein eigenes Kinouniversum nach dem Vorbild von Disney und Marvel aufzubauen, hat natürlich auch seine guten Seiten. Denn wäre das ständig stotternde DCEU genauso eine nimmermüde Gelddruckmaschine wie das MCU, dann hätten die Verantwortlichen für einen so völlig aus dem Rahmen fallenden Konkurrenz-Film wie „Joker“ bestimmt kein grünes Licht gegeben. Das Risiko wäre einfach viel zu groß, dass er die Marke beschädigt - und die Gelegenheitszuschauer nicht verstehen, warum es plötzlich zwei Joker parallel im Kino zu sehen gibt. Leider ist die Freude über die Existenz eines Films wie „Joker“ aber größer als die Freude über „Joker“ selbst. „Hangover“-Mastermind Todd Phillips hat sich an einen New-Hollywood-Retro-Comicfilm gewagt – und dann doch nur eine schwache Kopie von zwei der Meisterwerke seines Beinahe-Produzenten Martin Scorsese abgeliefert, die dem Joker, einem der großartigsten, faszinierendsten und abgründigsten Comic-Bösewichte überhaupt, zudem auch noch mit platter Küchenpsychologie zu Leibe rückt.

    Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) ist ein Verlierer, wie er im Buche steht. Während er sich daheim um seine kranke Mutter Penny (Frances Conroy) kümmert, wirbelt er im Auftrag einer Clown-Agentur Werbeschilder für Schlussverkäufe auf der Straße herum, mit denen er dann am Ende doch nur von Jugendbanden in den engen Gassen von Gotham City verprügelt wird. Aber dann bekommt Arthur, der sieben Psychopharmaka gleichzeitig schluckt, von seinem Kollegen Randall (Glenn Fleshler) einen Revolver geschenkt, der kurz darauf auch schon zum Einsatz kommt: Arthur knallt als Clown maskiert drei übergriffige Yuppie-Arschlöcher in der U-Bahn ab – und startet so unbeabsichtigt eine Anti-Establishment-Bewegung. Zugleich verfolgt Arthur auch seine Stand-up-Karriere weiter – und zwar mit so unglaublich wenig Erfolg, dass er als unlustigster Komiker aller Zeiten in das Visier des Late-Night-Moderators Murray Franklin (Robert De Niro) gerät...

    TV-Moderator Murray Franklin entdeckt den Joker.


    Martin Scorsese ist zwar wegen anderer Verpflichtungen dann doch nicht als Produzent mit an Bord gekommen, aber es liegt natürlich auf der Hand, warum man ihn überhaupt gefragt hat, obwohl der „GoodFellas“-Regisseur ja eigentlich nicht die offensichtlichste Wahl für einen Comic-Blockbuster zu sein scheint: „Joker“ ist schließlich ein Quasi-Mash-Up aus dem titelgebenden „Batman“-Bösewicht sowie den Scorsese-Meisterwerken „Taxi Driver“ (in dem Robert De Niro am zunehmenden Schmutz und Wahnsinn der Stadt zerbricht und schließlich Amok läuft) und „The King Of Comedy“ (in dem Robert De Niro an seinen unrealistischen Stand-up-Ambitionen zerbricht und schließlich Amok läuft). Da macht auch niemand ein Geheimnis draus. Es zu leugnen würde ja ohnehin keinen Sinn ergeben, schließlich wurden zum Teil ganze Handlungsstränge nahezu eins zu eins aus den beiden Klassikern übernommen. Fast jede Szene aus „Joker“ lässt sich direkt einem der Vorbilder zuordnen (und eine Prise „Hexenkessel“ ist auch noch drin).

    Aber um es mal gleich zu Beginn auf den Punkt zu bringen: Todd Phillips ist nun mal kein Martin Scorsese! Zwar reproduziert er gemeinsam mit seinem Kameramann Lawrence Sher („Godzilla 2“) kompetent den körnig-rauen Look des Siebzigerjahre-Scorsese, aber darüber hinaus liefert er mit seinem „Joker“ nur eine zwar unglaublich düstere, aber weitestgehend seelen- und ideenlose Kopie. Wenn Arthur gleich in der ersten Szene zusammengetreten wird, läuft ihm nicht das Blut aus dem Mund, sondern das Wasser aus der zu seinem Clowns-Kostüm gehörenden Ansteck-Spritzblume. Das ist zugleich das letzte Mal, dass „Joker“ sein Publikum wirklich überrascht. Abgesehen davon kommt alles genau so, wie man es von Anfang an erwartet – nur der emotionale Einschlag fällt enttäuschend gedämpft aus.

    Das beste Mittel gegen Super-Ratten? Super-Katzen!


    In Gotham City, das hier sogar noch mehr als sonst wie Scorseses auch filmische Heimatstadt New York aussieht, streikt seit Längerem die Müllabfuhr, die Nachrichten berichten bereits von Super-Ratten. Aber im Gegensatz zu den Scorsese-Vorbildern bleibt das Brodeln auf den Straßen der Stadt in „Joker“ bloße Behauptung. Im Plot selbst wird es zwar (über-)deutlich ausformuliert, etwa wenn Arthurs Sozialarbeiterin ihm erklärt, dass sie ihn wegen neuerlicher Budgetstreichungen in Zukunft nicht mehr unterstützen könne und von denen da oben sich ohnehin niemand für jemanden wie ihn interessieren würde. Aber man spürt es nicht. Phillips gelingt es einfach nicht, die fiebrige, kurz vor der Explosion stehende Atmosphäre der Stadt auch im Kinosaal hochkochen zu lassen (das ist DC zuletzt in der ersten Viertelstunde von „Batman v Superman“ noch sehr viel besser gelungen).

    „Joker“ lässt einen in Anbetracht all der angestauten Wut erstaunlich kalt – und daran kann auch eine plötzliche, ultrabrutale Gewaltspitze nichts ändern. Zumal eben auch die Zeichnung der Hauptfigur erschreckend platt gerät. „Taxi Driver“ Travis Bickle ist eben auch deshalb einer der legendärsten Anti-Helden der Filmgeschichte, weil Scorsese und sein Autor Paul Schrader den Mut hatten, immer wieder psychologische Leerstellen und Brüche zuzulassen. Nicht so aber Phillips und sein Co-Autor Scott Silver („The Fighter“): An dem erratischen, (selbst-)zerstörerischen Verhalten von Arthur Fleck wird wirklich ALLES erklärt – und wenn nach zwei Dritteln noch ein paar kleine Punkte offen sind, dann latscht Arthur eben selbst in eine psychiatrische Klinik und liest dort in einer Akte einfach nach, warum er so ist, wie er ist.

    Alles, was ihr noch nie über den Joker wissen wolltet.


    Dass es sich bei Arthur Fleck aber eben nicht um einen austickenden Jedermann handelt, sondern in „Joker“ eine Origin Story für einen der großartigsten Bösewichte aller Zeiten erzählt wird, macht die Sache nur noch schlimmer: Statt Geheimnis und Mysterium bleibt hier am Ende nur jede Menge Küchenpsychologie. Selbst die Herkunft seines Namens wird erklärt – und die Auflösung ist nur minimal besser als der Passkontrollen-Nonsens in „Solo: A Star Wars Story“. Arthur Fleck wäre wahrscheinlich eine vollkommen platte Figur, wenn er nicht von dem dreifach oscarnominierten Joaquin Phoenix (für „Gladiator“, „Walk The Line“ und „The Master“) verkörpert werden würde.

    Joaquin Phoenix gibt – mit seinem offenbar speziell für die Rolle erneut ungesund ausgemergelten Körper – auch diesmal wieder buchstäblich alles. Aber als getriebener Antiheld haben wir ihn eben auch erst im vergangenen Jahr im sehr viel besseren „A Beautiful Day“ gesehen – und als „Joker“ hat er dieser Performance abseits vom Clowns-Make-up und einem wahrhaft verstörenden falschen Lachen leider nicht allzu viel hinzuzufügen. Trotzdem ist es ein großes Glück, dass Phoenix hier für die erste große Blockbuster-Hauptrolle seiner Karriere zugesagt hat - ohne seine zugleich tragische und erratische Energie würde „Joker“ vermutlich gar nicht mehr funktionieren.

    Thomas Wayne = Hillary Clinton


    Abseits der Scorsese-Anleihen gibt es auch eine Reihe von Verbindungen zum „Batman“-Universum, die über die Titelfigur hinausreichen. Aber auch die dürften kaum einen Comic-Fan großartig hinter dem Ofen hervorlocken – gerade der Einbau der legendären Theatergassen-Szene ist fast schon gelangweilt offensichtlich. Alles an den Auftritten von Thomas Wayne (Brett Cullen) und seinem Sohn Bruce (Dante Pereira-Olson) wirkt wie eine Pflichtübung – mit einer Ausnahme: Wenn Thomas Wayne die rebellierenden Aufständigen nach den U-Bahn-Morden als „Clowns“ bezeichnet, ist das eine klare Anspielung auf Hillary Clinton, die Trumps Wählerschaft einst als „Deplorables“ bezeichnete und ihnen damit nur eine noch stärkere gemeinsame Identität gestiftet hat. Weiter ausgelotet wird dieser Ansatz jedoch nicht.

    Ähnlich verschwendet wird auch der Auftritt von Robert De Niro, der natürlich vor allem dabei ist, weil er in beiden großen Vorbildern selbst die Hauptrolle gespielt hat. Hier übernimmt er als Late-Show-Moderator nun quasi den Part seines „The King Of Comedy“-Gegenspielers Jerry Lewis – und liefert dabei eine ziemlich nichtssagende Performance. Aber seine Figur arbeitet eben auch für einen Sender mit dem ach so kreativen Namen „NCB“ (statt dem tatsächlich in New York ansässigen NBC). Das ist allgemein das Niveau der Zitate und Anspielungen in „Joker“. Immerhin kann man sich von den regelmäßigen Einsätzen hipper Retromucke wachrütteln (und womöglich sogar mitreißen) lassen – zumindest wenn sie einen nicht zu sehr an einen Tarantino für Arme erinnern.

    Fazit: Der Retro-Look ist kompetent umgesetzt und ein sichtlich ausgemergelter Joaquin Phoenix gibt mal wieder alles – und trotzdem entpuppt sich dieser „Joker“ als ziemliche Niete. Dass sich ein großes Hollywood-Studio auf ein solches Wagnis einlässt, ist eine Einmal-in-100-Jahren-Chance – und da hätte man so, so viel mehr draus machen können.

    Wir haben „Joker“ auf dem Filmfestival in Venedig gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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