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    100 Dinge
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    100 Dinge

    Schweighöfer & Fitz nackt und herrlich albern

    Von Antje Wessels
    Kaufen macht glücklich!“ Das wurde sogar schon mal wissenschaftlich bestätigt. Wobei Kaufen inzwischen nicht mehr so glücklich macht wie früher mal. Denn durch die Angewohnheit, immer mehr Geld für immer sinnlosere Dinge auszugeben, bleiben die Glücksgefühle zunehmend aus, wodurch man in der heutigen Gesellschaft immer mehr kaufen muss, um immer weniger zu spüren. Nicht ganz so niederschmetternd gesellschaftspessimistisch, aber doch mit einer ähnlichen Feststellung beginnt Regisseur Florian David Fitz („Der geilste Tag“) seine Komödie „100 Dinge“: Nach und nach ordnet er der Generation unserer Urgroßeltern, Großeltern und Eltern eine steigende Anzahl an Besitztümern zu und stellt sie den Lebensumständen vom Weltkrieg bis zum Mauerfall gegenüber. Dann kommen wir, die heutige Generation. Wir besitzen zwar im Durchschnitt mehr als 10.000 Dinge, doch das, was unsere Vorfahren antrieb – und sei es nur die Hoffnung, dass der Krieg nun endlich vorbei ist – geht vielen von uns inzwischen ab.

    Diese kritische Herangehensweise an das Thema Konsum ist zwar stark vereinfacht. Aber sie bildet trotzdem eine kreative Ausgangslage für ein Buddy-Movie, das sich wohltuend vom üblichen Beziehungskomödien-Einerlei abhebt. Zwar gibt es auch in „100 Dinge“ eine Liebesgeschichte, ohne die der Film womöglich sogar noch einen Tick launiger geworden wäre, aber auch so begeistern Florian David Fitz und sein Schauspiel-Kumpel Matthias Schweighöfer („Der Nanny“) in einem durch und durch charmanten Großstadtmärchen.

    Paul (Florian David Fitz) und Toni (Matthias Schweighöfer) sind beste Freunde und Arbeitskollegen. Ihr neuester Coup ist eine App, die Menschen zu noch mehr Konsum verleiten soll. Doch um dem Internet-Milliardär David Zuckerman (Artjom Gilz) die Idee zu verkaufen, musste Paul ohne sein Wissen als Versuchsobjekt herhalten. Obwohl Zuckerman anbeißt und die App auf einen Schlag vier Millionen Euro wert ist, geraten Paul und Toni darüber aneinander und gehen im Suff eine folgenschwere Wette ein: Beide müssen 100 Tage lang auf ihre Besitztümer verzichten. Wer zuerst gegen die Regeln verstößt, der verliert und muss seine Firmenanteile an die Belegschaft kostenlos abtreten. Hundert Tage lang dürfen sich die beiden jede Nacht nur einen einzigen Gegenstand zurückholen. Der folgende Wettkampf stellt die lange Freundschaft der Männer auf eine harte Probe…


    Als sich 2016 zwei der angesagtesten deutschen Filmstars für ein Gemeinschaftsprojekt zusammentaten, standen eigentlich alle Zeichen auf Erfolg. Doch der Tragikomödie „Der geilste Tag“ (1,7 Millionen Besucher in Deutschland) fehlten trotz ihrer dramatischen Sterbegeschichte die großen Emotionen. Umso erfrischender wirkt es nun, dass sich „100 Dinge“ vollkommen der Komödie hingibt. Doch auch, wenn die nackten Hintern der Leinwand-Buddys Schweighöfer und Fitz bereits im Trailer ausgiebig zur Geltung kommen, ist Fitz‘ dritte Regiearbeit weit davon entfernt, sich auf pubertären Klamauk der Marke „Klassentreffen 1.0“ zu beschränken. In den besten Momenten beweist der Regisseur und Drehbuchautor nämlich, dass man Albernheiten auch fernab jedweder Primitivität inszenieren kann. Denn dass die beiden Hauptfiguren Paul und Toni zu Beginn ihres Wett-Experiments blankziehen, ergibt sich ja schon zwangsläufig aus dem Plot – schließlich sind auch Klamotten ein Besitz.

    Darüber hinaus verkörpern Schweighöfer und Fitz ihre Rollen als Wettstreiter, die auch mal splitterfasernackt durch ein verschneites Berlin laufen, derart uneitel, dass die Nacktheit an sich nie zum Witz wird, sondern vor allem all das, was daraus folgt. Sei es nun der Disput darüber, welche Klamotte man sich als erstes wieder anziehen sollte. Oder Pauls neidische Versuche, seinem Freund dessen Allzweckwaffe madig zu machen: einen zum Ganzkörperanzug umfunktionierten Schlafsack. Das komödiantische Timing sitzt, die Gagdichte ist enorm. Als angenehme Komödie mit gelungenen Gags funktioniert „100 Dinge“ ganz hervorragend.

    Schon bei „Der geilste Tag“ gehörte die stimmige Chemie zwischen Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer zu den wenigen prägnanten Pluspunkten des Films. „100 Dinge“ profitiert nun nicht mehr alleine davon, dass die beiden auf der Leinwand gut harmonieren. Vor allem in den temporeichen Dialogszenen werfen sich die beiden Schauspieler wie selbstverständlich die Bälle zu, was auch dazu führt, dass die Dialoge zwischen Toni und Paul nie bis ins letzte Detail ausformuliert und geplant wirken, sondern sich durch vereinzelte Unterbrechungen und gegenseitige Ergänzungen eine erstaunliche Natürlichkeit einstellt. So erreicht das Gesprächstempo bisweilen aberwitzige Höhen.

    Die Szenen zwischen Schweighöfer und Fitz gehören zu den stärksten des gesamten Films, während etwa Hannelore Elsner („Familienfest“) als Pauls verständnisvolle Mutter eher typische und leicht naseweise Dialogsätze von sich geben darf. Trotzdem harmoniert auch sie im Zusammenspiel mit Fitz, wenn sie ihren Filmsohn in einer berührenden Szene still in den Arm nimmt und sich einfach nur anhört, was dieser zu sagen hat. Ihre Ratschläge über Freundschaft und Verzeihen machen in dem Moment genau das, was Ratschläge von Müttern im besten Fall tun, nämlich trösten.

    Auch ohne die im deutschen Mainstream-Kino mittlerweile zum Usus gewordenen Popballaden wird es in „100 Dinge“ hin und wieder ein wenig emotional, woran auch die zarte Lovestory zwischen Toni und einer geheimnisvollen Unbekannten (absolut umwerfend: Miriam Stein) nicht ganz unschuldig ist. Dass Tonis zauberhafter Flirt, für die er das unkonventionellste Dinner-Date jüngerer Filmgeschichte ausheckt, ausgerechnet kaufsüchtig ist, während er und sein Kumpel gerade dem Lean Living frönen, mag dramaturgisch ein wenig zu viel des Guten sein und führt darüber hinaus auch zu einigen arg konstruierten Storywendungen im letzten Drittel. Doch Drehbuchautor Florian David Fitz lässt es sich nicht nehmen, seine Komödie um ein paar ehrlich gemeinte Großstadtmärchen-Motive zu ergänzen.

    Dazu gehören neben einem hundertfünfzigprozentigen Happy End, bei dem jede noch so kleine Nebenfigur zu ihrem Glück findet, auch eine ordentliche Portion Schmalz in Form der wohl schlechtesten Liebeserklärung der Welt: „Das ist so schlecht, dass es schon wieder süß wäre, wenn es nicht so verdammt schlecht wäre!“ Am Ende passt das alles hervorragend zusammen, weil man zu jeder Sekunde merkt, wie aufrichtig die beiden Hauptdarsteller mit den von ihnen verkörperten Figuren umgehen, wenn sie selbst die abgegriffensten Themen (etwa das Ausspannen der Freundin seines besten Freundes zu Schulzeiten) vollkommen ironiefrei auflösen.

    Fazit: In „Der geilste Tag“ fuhren Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz noch mit angezogener Handbremse. Mit dem gewohnt hochwertig produzierten „100 Dinge“ liefern sie nun eine hinreißende Mischung aus herzlich-alberner Buddy-Komödie und aufrichtigem Großstadtmärchen ab, die trotz Holprigkeiten im Drehbuch vor allem im letzten Drittel großartig unterhält.
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    Kommentare

    • Larry Lapinsky
      David Florian Fitz (Vincent will meer, Jesus liebt mich) ist mal stark angefangen, hat aber, genau wie sein Buddy Schweighöfer, ebenso stark nachgelassen und sich immer mehr dem leicht verdienten Geld des geliebten teutonischen Comedy-Mainstreams (wie Schweiger und Dagtekin) verschrieben. Das nervt ziemlich, zumal dieser Maschine, für die man sich im Ausland eigentlich schon mitunter fremndschämen muss, anscheinend nie die Luft ausgeht. Nach mehrheitlich guten Kritiken wie hier wollte ich dem Film doch mal eine Chance geben, obwohl ich mir das Vorgängerwerk geschenkt habe und es mir bezüglich Schweighöfer eigentlich wie disneyfan5000 geht.Aber ich finde, liebe Antje Wessels, es war leider schon wieder zu viel des Lobes, denn der Titel ist Etikettenschwindel. Nach netter Einleitung merkt man schnell, dass eigentlich in erster Linie etwas über (die Entwicklung von) Freundschaft und Familie bzw. halt auch wieder eine Liebesbeziehung erzählt werden soll. Die vermeintliche Konsumkritik ist allenfalls Nebenkriegsschauplatz. Bei den 100 Dingen wird für den Zuschauer quasi schon nach 1 mit dem Zählen aufgehört. Die Sache mit der App und dem Amerikaner (v. a. die Auflösung) ist sowas von übel und unglaubwürdig konstruiert, es trieft wieder mal vor Schmalz u. v. a. Hauptsache, der übliche Penisklamauk (wie ich es gern nenne: Schau mal Willy, das ist ein Penis ... - wieher!) ist mal wieder im Mittelpunkt platziert. Was bleibt, sind gute Schauspieler und zwischendurch AUCH mal ein paar charmante Dialoge - mehr nicht. 2,5 Sterne.
    • irn
      HaHaHaHa wir sind die Nacht? Alter ernsthaft?
    • TresChic
      Oooh da hast du aber die letzten 10 Jahre verpennt, was großartige Deutsche Filme angeht. Allein was Bleibtreu in seiner Vita stehen hat, ist beeindruckend. Deutsche Perlen: Soul Kitchen, die Vierte macht, Stereo, nur Gott kann mich richten, Wir sind die Nacht etc etc etc etc
    • disneyfan5000
      Es gibt gute Deutsche Filme. Nur gehören meist die Schweighöfer-Filme nicht unbedingt dazu, weil sie fast alle im Prinzip gleich sind.
    • disneyfan5000
      Ich kann mir Matthias Schweighöfer einfach nicht mehr ansehen. Am Anfang mag sein Frecher-Junge-Von Nebenan-Charme ja noch gezogen haben, aber das ist zu bloßer Masche verkommen. Letztens den Film Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer gesehen, ich war beeindruckt wie gut der Film handwerklich und technisch umgesetzt worden ist. Aber warum ist sowas nur bei den Kinderbuchverfilmungen möglich? Warum gibts niemanden der den Mut hat auch mal ein Risiko einzugehen. Da vermisse ich dann doch Bernd Eichinger. Er war der einzige im deutschen Film der das tat. Leider hat sich bisher kein Nachfolger gefunden.
    • Jimmy v
      Aber diese Aussage ist doch unsinnig. Die Amerikaner haben einen vielfach größeren Markt. Natürlich gibt es da einfach quantitativ mehr, sowohl bei den guten wie den schlechten Sachen.Strukturell betrachtet sind die Amis einfach besser und werden es bleiben. Es gibt dort hochwertige Blockbuster (während deutsche Blockbuster wie Nachahmungen aussehen) neben den schlechten. Hollywood. Und eine große Independent-Szene, die dann auch etwas mehr Geld haben, oder aber sich besser auskennen.Sorry, wir Deutschen können viel, aber Filme gehören nicht dazu.
    • Larry Lapinsky
      Fitz ist trotz seiner zunehmenden Tendenz zum Mainstream bei mir immer noch positiver besetzt als Schweighöfer, dem man allerdings auch Talent nicht pauschal absprechen darf. Seit langem offenbar mal wieder ein halbwegs guckbarer Film mit ihm ... immerhin!
    • Fa B
      Aber wo er Recht hat. WIr könnten nichtmal so viel Bullshit produzieren wie die Amis, selbst wenn wir wollten.
    • irn
      Aha. Mal wieder eine sehr aufschlussreiche und differenzierte Aussage von dem Profi schlecht hin hier!
    • TresChic
      Da sagt noch einer, wir Deutschen haben keine guten Filme. Alles Quatsch, es gibt mittlerweile mehr Schrott bei den Amis.
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