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Tatort: Zurück ins Licht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,0
schlecht
Tatort: Zurück ins Licht
Von
Eines muss man dem „Tatort“ aus Bremen lassen: Er ist immer für Überraschungen gut und Mittelmaß so gut wie ausgeschlossen. Herausragenden Thrillern wie dem „Tatort: Brüder“ und sensiblen Familiendramen wie dem „Tatort: Die Wiederkehr“ standen in den vergangenen Jahren unfreiwillig komische Psychokisten wie der „Tatort: Ordnung im Lot“ und realitätsferne Öko-Krimis wie der „Tatort: Wer Wind erntet, sät Sturm“ gegenüber. Aber vielleicht macht ja gerade dieses Wundertüten-Phänomen den Reiz der Beiträge aus dem kleinsten deutschen Bundesland aus? Weil die Hauptdarsteller Sabine Postel („Die Kanzlei“) und Oliver Mommsen („Ein offener Käfig“) für 2019 ihren Ausstieg aus der Krimireihe angekündigt haben, darf man jedenfalls besonders gespannt sein, was sich Radio Bremen für den Abschied seiner altgedienten Kommissare einfallen lässt. Vielleicht kommt es aber auch nicht von ungefähr, dass die beiden Schauspieler ihren Ausstieg ein paar Wochen nach den Dreharbeiten zu Florian Baxmeyers „Tatort: Zurück ins Licht“ bekannt gaben: Der Krimi wartet zwar einmal mehr mit einem mutigen Drehbuch auf, zählt unter dem Strich aber zu den schwächsten und kuriosesten „Tatort“-Folgen, die je an der Weser entstanden sind.

In einem Parkhaus finden die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) Blutspuren und einen abgetrennten Finger in einem Auto. Beim Besitzer des Wagens handelt es sich um Ole Bergener, den ehemaligen Chef eines Pharmahandels, der sich bereits vor fast einem Jahr nach einem Burn-out von seiner Frau Judith (Victoria Fleer) verabschiedet hat und seitdem abgetaucht ist. Die Befürchtungen der Kommissare, die bei ihren Ermittlungen eng mit Chefin Helen Reinders (Camilla Renschke), BKA-Kollegin Linda Selb (Luise Wolfram) und Gerichtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) zusammenarbeiten, bestätigen sich: Bergeners Leiche wird wenig später aus der Weser gezogen. Weil seine Firma pleite gegangen ist, verfolgt die Kripo eine Spur zu der ehrgeizigen Pharmareferentin Maria Voss (Nadeshda Brennicke), die sich nach einem schweren Autounfall mühsam zurück ins Leben gekämpft hat: Sie war die letzte Person, die Kontakt zum Toten hatte. Den Kontakt zu Voss reduziert haben hingegen ihr Ex-Mann Peter Kappeler (Nicki von Tempelhoff) und die gemeinsame Tochter Lotte (Emma Drogunova) – doch die exzentrische Mutter setzt alles daran, die Familie wieder zusammen zu bringen...

Auf Dominik Grafs überzeugenden Stuttgarter „Tatort: Der rote Schatten“ folgt Florian Baxmeyers Bremer „Tatort: Zurück ins Licht“ – doch wenngleich die Krimititel das Gegenteil nahelegen mögen, überwiegt bei Grafs RAF-Krimi das Licht und bei Baxmeyers Psychothriller der Schatten. „Ich schaue keinen Tatort mehr, der ist mir in den letzten Jahren zu psycho geworden“, hört man von ehemals eingefleischten Fans der Krimireihe immer häufiger, und die 1032. Ausgabe steht dafür geradezu exemplarisch: Ruhepol Lürsen ist bei ihrem 36. Fall die einzige, die sich verhält wie man sich das nach Jahrzehnten von „Tatort“-Krimis gemeinhin von einer deutschen Kripobeamtin vorstellt. Während der smarte Stedefreund und die quirlige Selb nach drei gemeinsamen Auftritten im Bremer „Tatort“ nun eine mehr oder weniger feste Beziehung führen, sich aber offen betrügen und irritierende Verkleidungs- und Schaukampfrituale in ihr Sexleben integrieren, klingt die tatverdächtige Maria Voss (Nadeshda Brennicke, „Banklady“) von Beginn an wie auf Drogen und darf in schöner Regelmäßigkeit schräge Esoterik-Selbstgespräche zum Besten geben, die einer Psychopathin deutlich besser zu Gesicht stünden als der toughen Karrierefrau, die sie zu sein scheint.

Man muss schon kürbisgroße Tomaten auf den Augen haben, um nicht zu bemerken, dass mit dieser offensichtlich Verrückten etwas nicht stimmt – der Twist nach einer guten Stunde dürfte daher allenfalls die Kommissare überraschen und auch Marias spezielles Verhältnis zum Pharmahändler Carl Bellheim (Jörg Pose) ist nach einem spontanen „Handjob“ auf dem Bürgersteig erklärt. Sorgte vor zwei Wochen der „Tatort: Hardcore“ dank seines Ausflugs in die Münchner Pornoszene für Proteste der Sittenwächter, geht es in Bremen mit der Freizügigkeit munter weiter: „Zum Schluss war es lustig, wenn Porno-Mommsen nur im Bademantel und mit Adiletten zum Set kam“, ließ der mehrfach splitterfasernackt zu sehende Hauptdarsteller vor der TV-Premiere des Krimis in einem Interview verlauten, und auch die Witwe Bergener und der geschiedene Kappeler fallen ohne Umschweife übereinander her. Der Kriminalfall rückt da oft in den Hintergrund – und wenn Stedefreund und Selb schließlich über den gemeinsamen Kinderwunsch debattieren, obwohl sie sich kaum kennen, ist über diesen wirren „Tatort“ und seine oft rätselhaften Dialoge fast alles gesagt. Den schablonenhaft angelegten Figuren fehlt es auch am nötigen Unterbau: Warum beispielsweise Kappeler so sehr von seiner psychisch kranken Ex-Frau fasziniert ist und seine deutliche aufgewecktere Tochter sogar zum gemeinsamen Mittagessen mit ihr nötigt, bleibt schlicht unerklärt.

Auch handwerklich birgt der „Tatort: Zurück ins Licht“, dessen Drehbuch eine deutlich überambitionierte Ich-kämpfe-mich-zurück-ins-Leben-Geschichte mehr schlecht als recht mit einem halbgar ausgearbeiteten und alles andere als glaubwürdigen Pharma- und Firmenbetrug kombiniert, erhebliche Schwächen, sodass man bis zum Schluss vergeblich nach einem einheitlichen Erzählton sucht, denn die seltsamen Dialoge und ironisch angehauchten Provokationen der überzeichneten Figuren wechseln sich pausenlos mit nachdenklichen und melancholischen Sequenzen ab. Die Inszenierung von Florian Baxmeyer („Die drei ??? – Das verfluchte Schloss“) wirkt oft gewollt und künstlich. Zudem wird sie bisweilen unfreiwillig vom Soundtrack konterkariert: Ein wummernder Beat erzeugt bei 08/15-Dialogen im Präsidium oder Tatort-Besichtigungen nach Schema F noch lange keine Dynamik – und die plötzlich aufjaulenden Chöre, die kurz vor dem Showdown auf Knopfdruck Dramatik in den Sonntagskrimi singen sollen, hätten eher der entscheidenden Schlacht um Mittelerde im Fantasy-Epos „Der Herr der Ringe“ gut zu Gesicht gestanden.

Fazit: Florian Baxmeyers „Tatort: Zurück ins Licht“ ist der schwächste „Tatort“ seit Monaten.
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Kommentare

  • Hans H.

    Warum schreibt ihr nicht einfach mal "So schlecht ist der neue Tatort" ?

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