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    Die Hochzeit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Die Hochzeit

    Immerhin nicht so schlimm wie der erste Teil

    Von Christoph Petersen
    Nachdem der Titel schon vor einiger Zeit von „Klassentreffen 2.0“ in „Die Hochzeit“ abgeändert wurde, steht nun auf dem deutschen Poster: „Nach Klassentreffen der neue Film von Til Schweiger.“ Aber das kann ja alles heißen: „Tenet“ ist nach „Dunkirk“ schließlich auch der neue Film von Christopher Nolan, selbst wenn die beiden Werke gar nichts miteinander zu tun haben. Wobei der Marketing-Kniff eben schon Sinn ergibt: Für eine deutsche Kinokomödie sind die 1,3 Millionen Besucher für „Klassentreffen 1.0 – Die unglaubliche Reise der Silberrücken“ zwar ein saustarkes Ergebnis. Aber für eine Kinokomödie von Til Schweiger, der mit „Keinohrhasen“ mehr als sechs, mit „Kokowääh“ mehr als vier und mit „Honig im Kopf“ sogar mehr als sieben Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt hat, ist es trotzdem eine Enttäuschung, von der so etwas Abstand gewonnen wird.

    Nun also ein neuer Anlauf – und tatsächlich wird man der Handlung von „Die Hochzeit“ auch dann ohne Probleme folgen können, wenn man den Vorgänger nicht gesehen hat (zumindest, wenn man beim schweigerschen Schnittgewitter nicht ohnehin den Überblick verliert, selbst wenn es diesmal nicht ganz so schlimm ist wie in „Honey In The Head“). Die Chance, sich auch inhaltlich vom misogynen, homophoben und rundherum unlustigen „Klassentreffen 1.0“ (1 Stern von FILMSTARTS) zu distanzieren, lässt Schweiger hingegen weitestgehend ungenutzt. „Die Hochzeit“ ist zwar noch temporeicher und slapstickorientierter, was der Fortsetzung durchaus zugutekommt, aber die selten zündenden und oft schon zigmal gesehenen Gags sind auch diesmal wieder schwer unsympathisch. Nur die Ausstattung ist erneut makellos: Nahezu jedes Set sieht so aus, als wäre es ein Vorführraum aus Schweigers Barefoot Living Store.

    Ja, am Ende wird Thomas endlich seine Linda heiraten...


    Nach dem Klassentreffen im ersten Teil steht für Thomas (Til Schweiger), Andreas (Milan Peschel) und Nils (Samuel Finzi) diesmal eine Hochzeit an: Erfolgs-DJ Thomas, dessen neue Platte gerade von der Kritik in der Luft zerrissen wird, will endlich seine Linda (Stefanie Stappenbeck) heiraten. Aber dann stirbt Torben (Thomas Heinze), ein Jugendfreund des Silberrücken-Trios, einen Sekundentod auf dem Klo eines Bowlingcenters – und so fahren die drei Freunde gemeinsam mit Lindas Tochter Lilli (Lilli Schweiger) pflichtbewusst zur Beerdigung, die nur einen Tag vor der Hochzeit stattfinden soll. Es darf also auf keinen Fall etwas schieflaufen, ansonsten verpasst Thomas womöglich seine eigene Hochzeit…

    „Die Hochzeit“ basiert wie der Vorgänger auf der dänischen Komödien-Trilogie „Klassenfesten“, die zuvor auch schon in Finnland und Estland neu aufgelegt wurde – und vielleicht liegt es ja daran, dass sich viele der Gags so abgestanden anfühlen: Schafe auf der Landstraße, Kuchenschlacht bei der Hochzeit, ein im Schlamm feststeckendes Auto, bei dem dann die Reifen durchdrehen und die anzugtragenden Anschieber vollspritzen – und als Höhepunkt glaubt Andreas, er hätte tatsächlich 62 Millionen von dem nigerianischen Prinzen in seinem E-Mail-Fach geerbt. Die Prinzen-Pointe hatte auch 2014 schon einen ewiglangen Bart, als „Klassenfesten 2“ in Dänemark rausgekommen ist – aber 2020 kann man so was echt nicht mehr guten Gewissens bringen.

    Wo Schweiger draufsteht, ist auch Schweiger drin


    Aber keine Angst! Nur weil Schweiger einen anderen Film neu auflegt, heißt das natürlich nicht, dass er nicht noch ganz viel von sich selbst mit hineinpacken würde (das Remake ist schließlich auch 25 Minuten länger als das Original). Und so finden sich auch hier wieder viele der typischen Schweiger-Elemente, die man lieben oder hassen kann, die aber auf ihre ganz eigenwillig-verstörende Weise doch immer auch faszinierend sind – bei einem Schweiger-Film hat man schließlich immer auch irgendwie das Gefühl, direkt in den Kopf des Filmemachers hineinzuklettern, so ungebremst, wie er stets all seine Obsessionen und Ängste auf die Leinwand auszuschütten scheint.

    Das geht bei der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern los. Dass Thomas‘ neues Album verrissen wird, liegt in der Schweiger-Welt schließlich nur daran, dass der DJ inzwischen zu erfolgreich geworden ist. Man kann sich Til Schweiger selbst ja auch wirklich so in einem Bewerbungsgespräch vorstellen: „Meine größte Schwäche? Ich bin zu erfolgreich!“ Und es geht bei der Penisgröße weiter – nach der riesigen Lümmel-Prothese von Ken Duken in „Zweiohrküken“ muss diesmal sogar ein geschlossener Sarg geschändet werden, nur um sicherzustellen, ob der Verstorbene tatsächlich einen Pferdeschwanz (nein, nicht die Frisur) hatte.

    ... aber bis dahin gilt es erst mal noch alle möglichen chaotischen Zwischenfälle zu überstehen.


    Die Selbstversicherung der eigenen Männlichkeit und Potenz ist bei Schweiger immer ein zentrales Thema – und das geschieht dann oft auch über Abgrenzung: Natürlich gibt es in „Die Hochzeit“ wieder homophobe Gags – Thomas fällt sogar kreischend aus dem Bett, nur weil ihn Andreas versehentlich mit seinem nach fünf Viagra-Pillen noch immer erigiertem Glied am Rücken berührt. Und die Frauen kommen noch schlechter weg: Andreas trifft auf der Beerdigung seine alte Bekannte Sylvie (Brigitte Zeh), die seit vier Jahren keinen Sex mehr hatte – und deswegen derart notgeil ist, dass sie sich von jedem flachlegen lassen würde. Selbst von Andreas, obwohl der sich ihr gegenüber kurz zuvor absolut unentschuldbar benommen hat. Und weil sie so unendlich dankbar ist, dass überhaupt mal wieder jemand einen reingesteckt hat, ist sie anschließend auch sofort bereit, den Superloser zu heiraten. So funktioniert das mit den Bienchen und den Blümchen in der Barefoot-Welt (offizieller Werbeslogan: „Wohlfühlprodukte zum Verlieben“).

    Apropos Werbung: „Die Hochzeit“ ist vollgestopft mit Produktplatzierungen nicht nur für alle möglichen Produkte von Schweigers Firmen – sondern zum Beispiel auch noch sehr auffällig für den Pizzaladen im Barefoot Store. Als es dann soweit geht, dass im Film ein großformatiges Werbeplakat für eine Versicherung mit dem realen Til Schweiger als Motiv auftaucht, könnte man im ersten Moment noch an einen augenzwinkernden Gag denken. Aber Selbstironie war noch nie Schweigers Stärke – und wenn dieselbe Werbung später noch mal ähnlich prominent auf einem Handydisplay auftaucht, ist dann auch klar, dass das tatsächlich nicht lustig gemeint ist. Aber was soll man auch erwarten: Mit „Hot Dog“ haben Schweiger und sein Buddy Matthias Schweighöfer schließlich einen 105-minütigen Kino-Werbespot für McDonalds gedreht. Bei „Die Hochzeit“ würde jedenfalls selbst Product-Placement-Papst James Bond vor Neid erblassen.

    Aber warum dann ein halber Stern mehr?


    Über die Figuren wurde ohnehin im ersten Teil schon alles gesagt. Deshalb gibt es in der Fortsetzung nun viel weniger fragwürdige Lebensweisheiten und mehr temporeichen Slapstick – und deshalb einen halben Stern mehr. Denn auch wenn der Brachialhumor weder gut geschrieben noch gut inszeniert ist, funktioniert er mitunter doch recht ordentlich – und das liegt einzig und allein an Milan Peschel („Der Nanny“) und Samuel Finzi („HERRliche Zeiten“). Die beiden schmeißen sich mit einer darstellerischen Urgewalt in ihre Rollen, die zwar angesichts der schwachen Vorlage kaum nachvollziehbar, aber auf jeden Fall beeindruckend ist: Wenn Peschel davon erzählt, wie er zum Wichsen an die Ostsee fährt, oder Finzi eine Wutrede über 25 Jahre halbfette Milch hält, dann ergibt das alles zwar wenig Sinn, ist aber mit einer solchen Inbrunst gespielt, dass man sich fast schon im großen Finale einer Shakespeare-Tragödie wähnt. Aber dann wird auch schon direkt das nächste Barefoot-Living-Produkt ins Bild gerückt…

    Fazit: Wenn es in einer Komödie deutlich mehr prominente Produktplatzierungen als zündende Pointen gibt, ist das nie ein gutes Zeichen.

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