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Tatort: Mord Ex Machina
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Tatort: Mord Ex Machina
Von
Es war eine spannende Zeit mit dem Saarbrücker Tatort und der Figur Jens Stellbrink, die eine starke Entwicklung erfahren hat. Ich lasse diese Figur nur schweren Herzens gehen“, gab Hauptdarsteller Devid Striesow („Ich bin dann mal weg“) im Sommer 2017 zu Protokoll – und kündigte damit überraschend seinen Ausstieg aus der Krimireihe an. Beim Publikum fiel die Reaktion auf diesen Entschluss geteilt aus: Während Teile der Zuschauer den Abschied des vielfachen Filmpreis-Gewinners bedauerten, konnten andere mit seinem schrägen Kommissar Stellbrink ohnehin nichts anfangen – wenngleich der federführende SR in den letzten Jahren eine Kurskorrektur vorgenommen und der umstrittenen Figur von Folge zu Folge mehr Bodenständigkeit verpasst hatte. Christian Theedes Cyber-Krimi „Tatort: Mord Ex Machina“ ist damit nun Striesows vorletzter „Tatort“-Auftritt – und zugleich einer seiner besten. Denn wenngleich die Gefahren der digitalen Datenspeicherung in der Krimireihe schon häufiger aufgearbeitet wurden und es im Saarbrücker Ermittlerteam nach wie vor nicht ganz rund läuft, ist „Mord Ex Machina“ doch vor allem ein solider Whodunit mit einem authentischen Kommissar, der sich erfreulicherweise von seinem einstigen Knalltüten-Image emanzipiert hat.

Sebastian Feuerbach (Nikolai Kinski), der Justiziar des Saarbrücker IT-Unternehmens Conpact, liegt tot im Wagen eines autopilotierten Fahrzeugs – es ist außer Kontrolle geraten und ungebremst über eine Brüstung in die Tiefe geschossen. Feuerbachs Arbeitgeber hatte den Prototypen selbst mit der nötigen Technik ausgestattet: Die aufstrebende Firma von Victor Rousseau (Steve Windolf) ist auf das Sammeln digitaler Daten spezialisiert. Hauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow), der bei seinen Ermittlungen von Kommissarsanwärterin Mia Emmrich (Sandra Maren Schneider), seiner Kollegin Lisa Marx (Elisabeth Brück) und Spurensicherungsleiter Horst Jordan (Hartmut Volle) unterstützt wird, überbringt Feuerbachs Witwe Susa (Judith Sehrbock) die traurige Nachricht. Der Kommissar findet heraus, dass es in der Nacht von Feuerbachs Tod einen Hackerangriff auf das Rechenzentrum der Firma gab. Wurde der Wagen gezielt manipuliert? Unter Verdacht geraten neben Rousseau, der mit dem Unternehmen einen anderen Kurs einschlagen wollte als sein Justiziar, auch Profi-Hackerin Natascha (Julia Koschitz) und ihr jüngerer Freund Marco (Anton Spieker), die offenbar mit der Cyberattacke beauftragt wurden...

Schon die Eröffnungssequenz macht deutlich, wie sehr sich die Hierarchie im Saar-„Tatort“ in den vergangenen Jahren verschoben hat: Zuallererst leuchtet der Name von Hauptdarsteller Devid Striesow auf – doch dann folgt nicht etwa Elisabeth Brück, sondern die Schauspieler, die in diesem Cyber-Krimi die Verdächtigen spielen. Der Name der einstigen Co-Protagonistin kommt erst viel später und wird mittlerweile in einem Atemzug mit Sandra Maren Schneider und Horst Jordan genannt, die das Ermittlerquartett komplettieren. Gingen Stellbrink und Marx anfangs als gleichberechtigtes Duo auf Täterfang, hat sich der „Tatort“ aus Saarbrücken zur reinen Striesow-Show gewandelt: Die gemeinsamen Szenen der Kommissare lassen sich an einer Hand abzählen und auch Staatsanwältin Nicole Dubois (Sandra Steinbach) gesteht der SR im „Tatort: Mord Ex Machina“ nur noch wenige Sekunden vor der Kamera zu. So richtig flutschen will es im Präsidium aber immer noch nicht: Viele Dialoge wirken aufgesagt, während man bei Stellbrink immer das Gefühl hat, dass er lieber allein unterwegs ist, als sein Team miteinzubeziehen. Daran ändert auch sein kurzer Frankreich-Ausflug nichts, bei dem ihn nicht etwa Marx, sondern Emmrich begleiten darf.

Sehr zu begrüßen ist aber Stellbrinks Emanzipation vom schrägen Chaos-Cop in bunten Wickelhosen: Erinnerte der Saarbrücker Ermittler bei seinen ersten Einsätzen dank rotem Roller, Kugelhelm und Riesenbrille eher an den Klingelton-Helden „Crazy Frog“ als an einen glaubwürdigen Polizeibeamten, kommt Stellbrink nun um Längen bodenständiger daher und führt die Ermittlungen mit einer Seriosität, die man dem früheren Knalltüten-Kommissar kaum zugetraut hätte. So startet das „Tatort“-Jahr 2018 mit einem soliden Whodunit und einem aktuellen Reizthema: Die Drehbuchautoren Hendrik Hölzemann („Axel der Held“) und David Ungureit („Das Pubertier“) beschäftigen sich in ihrem Skript mit dem Thema „Big Data“ – mit überzeugendem Ergebnis, wenngleich die Gefahren der Datenspeicherung in der Krimireihe bereits im amüsanten Frankfurter „Tatort: Wendehammer“, im schwachen Bremer „Tatort: Echolot“ und im außergewöhnlichen Stuttgarter „Tatort: HAL“ ausführlich aufgearbeitet wurden. Wenn Hackerin Natascha nach einer kurzen Recherche fast mehr über die letzten 20 Jahre in Stellbrinks Leben weiß als der Kommissar selbst, läuft einem als Zuschauer ein Schauer über den Rücken – und überlegt sich zukünftig vielleicht noch etwas genauer, was man wirklich mit der Online-Welt teilen möchte.

Auch ästhetisch überzeugt der 1041. „Tatort“: Regisseur Christian Theede („Die Pfefferkörner und der Fluch des Schwarzen Königs“) und Kameramann Simon Schmejkal („Hans im Glück“) fangen große Teile des Geschehens vor stylish-sterilen Kulissen und in auffallend kalten Farben ein, die dem modernen Cyber-Krimi hervorragend zu Gesicht stehen. Etwas mehr Eigenständigkeit hätte man sich aber im Hinblick auf den Soundtrack gewünscht: Der minimalistische Klangteppich, der bei einigen Außenaufnahmen zusätzliche Dynamik ins Geschehen bringen soll, erinnert verdächtig an den Chromatics-Song „Tick of the Clock“, der nicht nur bereits Nicolas Windings Refns Neo-Noir-Meisterwerk „Drive“ veredelte, sondern auch den TV-Werbespot einer großen deutschen Bank. Im Hinblick auf die Nebenfiguren und deren Besetzung gibt sich der Saarländische Rundfunk diesmal aber keine Blöße: Die opportunistisch-aufreizende Lisbeth-Salander-Variation Natascha (stark: Julia Koschitz, „München 7“) entpuppt sich als erfreulich vielschichtige Antagonistin und auch Firmenchef Victor Rousseau (Steve Windolf, „Der 7. Tag“) wirkt bei weitem nicht so überzeichnet wie viele seiner IT-affinen Vorgänger in der jüngeren „Tatort“-Geschichte.

Fazit: Christian Theedes „Tatort: Mord Ex Machina“ ist nicht nur der vorletzte, sondern auch einer der besten Fadenkreuzkrimis mit Devid Striesow.
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