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    Ruf der Wildnis
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Ruf der Wildnis

    Auf den falschen Hund gesetzt

    Von Markus Tschiedert
    Jack London (1876-1916) schenkte uns mit „Der Seewolf“, „Lockruf des Goldes“, „Wolfsblut“ und „Ruf der Wildnis“ gleich eine ganze Reihe spannender Abenteuergeschichten, die auch in der Filmwelt immer wieder dankend angenommen wurden. Am häufigsten wurde jedoch Londons 1903 erschienener Roman „Ruf der Wildnis“ verfilmt, u.a. mit Clark Gable (1935), Charlton Heston (1972) und Rutger Hauer (1997). Mit Harrison Ford in der Rolle des hundeliebenden John Thornton folgt nun die bereits achte Adaption, die sich heutigen Sehgewohnheiten anzupassen versucht und dabei auf einen ziemlichen Holzweg begibt.

    „Modern“ heißt hier nämlich vor allem, dass der tierische Held der Geschichte, der Schlittenhund Buck, nicht mehr von einem echten Wesen aus Fleisch und Blut verkörpert wird, sondern aus dem Computer stammt. Und damit sind wir auch schon beim Knackpunkt dieser Neuverfilmung. Denn nachdem die computeranimierten Tiere vergangenes Jahr in „Der König der Löwen“ sogar so lebensecht animiert waren, dass viele Kinobesucher Probleme damit hatten, ihnen das Sprechen und Singen abzukaufen, ist es in „Ruf der Wildnis“ nun genau andersherum: Der neue Buck ist so mies umgesetzt, dass er schon bei seinem erster Auftritt kein Stück glaubhaft erscheint. Da hat die im Kern eigentlich sehr ernste Story kaum noch eine Chance.

    Ein Mann und sein sichtbar aus dem Computer stammender Hund.


    Halb Bernhardiner, halb Schäferhund, wächst Buck Endes des 19. Jahrhunderts bei einer wohlhabenden Menschenfamilie in Kalifornien auf. Doch er wird in den Norden verschleppt, wo gerade der Goldrausch ausgebrochen ist. Buck muss dort als Schlittenhund schuften, wird immer wieder herumgereicht und landet schließlich im Hundegespann des Postboten Perrault (Omar Sy, „Ziemlich beste Freunde“), mit dem er an die entlegensten Orte Alaskas gelangt.

    Zum ersten Mal vernimmt er den ‚Ruf der Wildnis‘: Seine Urinstinkte sind geweckt und er wird zum Anführer des Rudels. Als die Poststrecke eingestellt wird, gerät Buck jedoch an den fiesen Hal (Dan Stevens, „Die Schöne und das Biest“), der ihn und seine Artgenossen mit der Peitsche antreibt. Als Buck am Ende seiner Kräfte ist, will ihn Hal erschießen. Doch in dem Moment eilt der alte John Thornton (Harrison Ford, „Blade Runner 2049“) zu Hilfe, verjagt den Sadisten und päppelt das Tier wieder auf…

    Nach "Cats" der nächte tierische Effekt-Unfall


    Harrison Ford wird natürlich schon früher eingeführt (schließlich prangt sein Name auch groß auf dem Poster). John begegnet dem Hund immer wieder, bis er mit seinem Einschreiten schließlich zum menschlichen Hauptakteur wird. Mit zerzaustem Bart und schneeweißen Haaren wirkt der inzwischen 77-Jährige älter als je zuvor, was seinem verschmitzten Charme aber keinen Abbruch tut. Nur die Actionszenen nimmt man ihm nicht ab, wobei man auch bei den anderen (jüngeren) Darsteller öfters das Gefühl bekommt, dass hier bei den besonders gefährlichen Schlittenfahrten am Computer (zu sehr) nachgeholfen wurde.

    Das ist natürlich längst mehr Regel als Ausnahme, nur dass wie beim Hund offenbar auch bei der Action mächtig gespart wurde und die Computeranimation somit nicht mehr dem heutigen Stand entsprechen. Selbst Landschaftsaufnahmen wirken manchmal dermaßen unnatürlich, dass man sich hin und wieder fragt, ob der Film womöglich sogar komplett im Studio entstanden ist. Tatsächlich wurde aber sehr wohl an Originalschauplätzen im kanadischen Yukon gedreht, wo sich ab 1898 am Klondike River 100.000 Goldsucher einfanden – ein ehrenwerter Aufwand, aus dem der Film aber viel zu wenig Kapital schlägt.

    Zumindest auf den verschmitzten Charme von Harrison Ford kann man sich verlassen.


    Vielleicht liegt es auch daran, dass Regisseur Chris Sanders, der vorher mit „Lilo & Stitch“, „Drachenzähmen leicht gemacht“ und „Die Croods“ ausschließlich Animationsfilme realisierte, es gewöhnt ist, künstliche Welten zu erschaffen. Nun könnte man meinen, dass sich Sanders doch hätte Hilfe holen können beim „Der König der Löwen“-Studio Disney. Aber der Film entstand eben noch bei 20th Century Fox und nach der Übernahme durch Disney blieb offenbar keine Zeit mehr, um auf einer technischen Ebene noch mal grundlegend neu anzufangen.

    (An der Stelle übrigens ein kleiner Trivia-Fakt am Rande: „Ruf der Wildnis“ ist nun der erste Film, der nach dem Disney-Aufkauf mit dem umfirmierten Logo von 20th Century Studio – also ohne den Fox-Zusatz – in die Kinos kommt. Ironischerweise war es 1935 mit „Goldfieber in Alaska“ ebenfalls eine Verfilmung desselben Stoffes, die als letzter Film mit dem 20th Century Pictures lief, bevor durch eine Fusion „Fox“ als Zusatz zum ursprünglichen Firmennamen hinzukam.)

    Weichgewaschen


    Nun hätte man ja all die technischen Mängel noch verzeihen können, wenn zumindest die saustarke Originalstory (sie wurde ja nicht von ungefähr sooft für die große Leinwand adaptiert) stimmig umgesetzt worden wäre. Aber auch das gilt nicht: Bereits in der ersten poltert Buck wie Scooby-Doo durch das kalifornische Familienhaus – wenn er über Betten springt, fliegen die schlafenden Kinder fast bis zur Decke in die Luft, bevor er schließlich aus Übermut auch noch das gesamte Frühstücksbuffet abräumt. So bekommt „Ruf der Wildnis“ nicht nur durch die Effekte einen künstlichen, sondern durch die Art der Erzählung auch noch einen Cartoon-artigen Touch, der mit dem brachialen, rauen Ton des Originals eigentlich nicht mehr viel gemein hat.

    Fazit: Es hätte einen wirklich nicht gewundert, wenn die Hunde mittendrin plötzlich angefangen hätten, miteinander zu sprechen – hier wirkt eh alles so gekünstelt, dass das auch noch perfekt ins Bild gepasst hätte.

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