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Das Geheimnis von Neapel
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Das Geheimnis von Neapel
Von
Minutenlang tastet sich die Kamera an den Marmorstufen und dem Geländer einer kunstvollen ovalen Treppe in einem herrschaftlichen Haus entlang, bis sie an einer hohen Holztür einem familiären Drama beiwohnt: Regisseur Ferzan Ozpetek („Hamam - Das türkische Bad“, „Männer al dente“) eröffnet „Das Geheimnis von Neapel“ mit einer wunderbaren langen Einstellung. Die ausgeklügelte Plansequenz verdeutlicht gleich zu Beginn den ausgeprägten Stilwillen des Filmemachers und auch seine Liebe zum Dekor. Nicht nur hier lässt die tolle Kameraarbeit von Gian Filippo Corticelli („Dritte Person“) die beeindruckenden Schauplätze im besten Licht erstrahlen. Die Stadt Neapel wird zum heimlichen Hauptdarsteller des Films, der etwas ziellos zwischen Drama, Mystery und Detektivgeschichte mäandert.

In Neapel tauschen Adriana (Giovanna Mezzogiorno) und der jüngere Andrea (Alessandro Borghi) vielsagende Blicke auf einer illustren Party aus, die sie schließlich zusammen verlassen. Sie verbringen eine leidenschaftliche Nacht in Adrianas Appartement. Am nächsten Morgen vereinbaren die Gerichtsmedizinerin und der geheimnisvolle Mann ein Wiedersehen im archäologischen Museum der Stadt. Adriana ist überglücklich und freut sich auf das zweite Date. Doch Andrea erscheint nicht am vereinbarten Treffpunkt. Als Adriana auf der Arbeit die Leiche eines jungen Mannes untersuchen soll, dem die Augen entfernt wurden, muss sie entsetzt feststellen, dass es sich um ihren Liebhaber handelt. Warum wurde er so zugerichtet? Und wie kann es sein, dass Adriana in der Stadt immer wieder Andrea zu erspähen glaubt?


Zwei Jahre lang lebte Regisseur Ferzan Ozpetek in Neapel, in dieser Zeit inszenierte er unter anderem die Verdi-Oper „La Traviata“ am Theater San Carlo. So wie zu Istanbul, Rom und Lecce empfindet der türkisch-italienische Regisseur nach eigener Aussage auch zu Neapel eine tiefe Verbundenheit und so ist es ihm ein Anliegen, der süditalienischen Stadt mit ihrem morbiden Charme ein filmisches Denkmal zu setzen. Solche Theater- und Musikdarbietungen, wie sie Adriana im Film besucht, hat Ozpetek in seinen zwei Jahren in Neapel ganz ähnlich erlebt. Zuweilen hat man das Gefühl, als wolle der Regisseur eine neapolitanische Version des Meisterwerks „La Grande Bellezza - Die große Schönheit“ kreieren, doch trotz der schwelgerischen Kamerafahrten und eingebundener Kunstperformances kann seine Ode an Neapel Paolo Sorrentinos filmischer Huldigung an Rom nicht annähernd das Wasser reichen.

Ozpetek beschäftigt sich im ersten Filmdrittel hauptsächlich damit, einen hergebrachten Krimiplot zu etablieren, weshalb es den Zuschauer durchaus überrumpelt, wenn „Das Geheimnis von Neapel“ anschließend in Richtung Psychodrama abdriftet und die Suche nach kriminalistischen Hintergründen einfach eingestellt wird. Da wird das schlüssige, zusammenhängende Erzählen aufgegeben, das Hauptinteresse scheint aber sowieso woanders zu liegen.

Adrianas modernes offenes Appartement sowie die mit Antiquitäten möblierte Wohnung ihrer Tante, in der sie als Kind aufwuchs, sind keine herkömmlich zusammengesuchten Locations, sondern imposante Immobilien von Freunden des Regisseurs. Diese illustrieren als wichtige Handlungsorte der Geschichte den Gegensatz zwischen Lebensfreude und Tod sowie reicher Tradition und moderner Aufgeräumtheit. Die von Giovanna Mezzogiorno („Die Liebe in Zeiten der Cholera“) nuanciert verkörperte, immer unsicherer werdende Protagonistin sieht sich mit dem Tod ihres geheimnisvollen Liebhabers konfrontiert und versucht dessen Hintergründe und zugleich das Drama ihrer Familie zu verstehen. Auch Adriana wird auf ihrer Suche nach Antworten in gewisser Weise Teil der zahlreichen Mysterien der Millionenstadt am Rande des Vesuvs. Wobei viele der begonnenen Storypfade um Kunstraub, Doppelgänger und mögliche Wahnvorstellungen letztlich ins Leere laufen.

Fazit: Regisseur Ferzan Ozpetek schwelgt in der Schönheit Neapels und erzählt dabei eine Geschichte von Tod, Trauer und Kunstraub, die zu selten mit der Kraft der pompösen Bilder mithalten kann.
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