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Deerskin
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Deerskin

Eine serienmordende Lederjacke

Von Christoph Petersen
Quentin Dupieux ist unter seinem Pseudonym Mr. Oizo schon seit den 1990ern ein Techno-Megastar. Seinen „Flat Beat“ (und das dazugehörige Video mit der gelben, bärenartigen Puppe Flat Eric) kennt wirklich jeder. 2010 ist ihm dann gleich mit seinem zweiten Langfilm auch der internationale Durchbruch als Filmregisseur gelungen: „Rubber“ handelt von einem Autoreifen (!), der einsam durch die Wüste rollt und mit seinen telekinetischen Kräften (!!) reihenweise Menschen um die Ecke bringt (!!!), bevor er es sich nach vollbrachtem Tagewerk am Abend vor dem Fernseher gemütlich macht. Aber wenn man bereits seinen Durchbruch mit einem Film über einen serienmordenden Autoreifen feiert, wo soll es denn dann mit der Karriere anschließend noch hingehen? Noch verrückter geht ja eigentlich gar nicht...

Und ein Stück weit hat sich diese Einschätzung auch bewahrheitet: Dupieux hat seinen ebenso grotesken wie pechschwarzen Humor anschließend zwar in Werken wie „Wrong“, „Wrong Cops“ oder zuletzt „Keep An Eye Out“ mal mehr, mal weniger erfolgreich variiert, ohne dabei jedoch je wieder an den haarsträubenden Wahnsinn von „Rubber“ heranzureichen. In seiner neuen Skurrilität „Deerskin“ kommt er dem aber zumindest sehr nahe, was sicherlich auch daran liegt, dass er das Konzept eines unbelebten Killers aus „Rubber“ aufgreift und um eine Filmemacher-/Serienmörder-Groteske à la „Mann beißt Hund“ erweitert. Nur ist es diesmal eben kein Autoreifen, sondern eine Lederjacke, die für ein blutiges Gemetzel sorgt.

Neben Jean Dujardin und Adèle Haenel spielt eine Lederjacke die Hauptrolle in "Deerskin".


Georges (Jean Dujardin) wurde gerade erst von seiner Ehefrau rausgeworfen. Vermutlich auch, weil er mehr als 7.500 Euro vom gemeinsamen Konto abgehoben hat, um sich mit dem Geld eine Second-Hand-Jacke aus 100 Prozent Hirschleder zu kaufen. Der Verkäufer (Albert Delpy), der das Ding eh nur nutzlos in irgendeiner Truhe herumliegen hatte, kann sein Glück jedenfalls kaum fassen und gibt ihm auch noch einen alten digitalen Camcorder als Geschenk mit auf den Weg. Georges mietet sich direkt für einen ganzen Monat in einem heruntergewirtschafteten Hotel in einer abgelegenen ländlichen Ortschaft ein, um dort die Zeit mit seiner neuen Jacke zu genießen. Aber dabei bleibt es nicht, denn er und sein neues Kleidungsstück haben einen gemeinsamen Traum: Sie wollen, dass es nur noch eine Jacke auf der ganzen Welt gibt. Und deshalb müssen alle anderen Jacken verschwinden. Selbst wenn Georges dafür über Leichen gehen muss...

Wer seine Auftritte als James-Bond-Karikatur in den „OSS 117“-Filmen und seine mit dem Oscar ausgezeichnete Performance in „The Artist“ gesehen hat, kann sich wahrscheinlich kaum vorstellen, dass Jean Dujardin auf der Leinwand mal nicht entwaffnend charmant wirken würde. Aber als wandelnde Midlife-Crisis auf der Suche nach dem kompletten Cowboy-Look schleudert Dujardin jeden Anflug von Charme hier weit von sich. Was nicht heißen soll, dass es nicht trotz aller Jämmerlichkeit urkomisch ist, wenn Georges in seiner neuen Jacke vor jedem einzelnen Spiegel posiert, sich mit dem Kleidungsstück von Sehnsucht und Eifersucht geprägte Zwiegespräche liefert und ständig seinen eigenen Killer Look abfeiert, selbst wenn seine Gegenüber überhaupt nicht zu verstehen scheinen, was er eigentlich von ihnen will. Ein kläglicher Mann, aber eine großartige Schauspielleistung.

Georges und seine Lederjacke.


Denise (Adèle Haenel), die Kellnerin der ebenfalls abgewirtschafteten örtlichen Bar, hat in ihrer Freizeit mal die einzelnen Szenen aus „Pulp Fiction“ in die richtige Reihenfolge gebracht. Der in Geldnot steckende Georges schwindelt ihr deshalb vor, mit ihr als Cutterin gemeinsam einen Film drehen zu wollen. Wenn er also seine blutigen Taten auf Video festhält und Denise offenbar eine abgründige Faszination für diese Snuff-Filmchen entwickelt, kommt über diesen Strang auf der Zielgeraden auch noch ein gewisses selbstreferenzielles, satirisches Element in den Film. In dieser Hinsicht kratzt Dupieux aber wirklich nur sehr zurückgenommen an der Oberfläche. An den abgründigen Biss oder die subversive Kraft von „Mann beißt Hund“ kommt „Deerskin“ nie heran.

Stattdessen bleibt er eine auf schnell vorbeiziehende 77 Minuten konzentrierte Fingerübung, an der auch begeistert, wie der selbst für Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnende Dupieux einem leblosen Gegenstand wie einer über einem Stuhl hängende Lederjacke nur mit Hilfe der suggestiven Kraft bestimmter Einstellungen eine zutiefst verstörende Seele verleiht. Dass Dupieux mit seinem Film gar nicht unbedingt auf etwas Höheres hinauswill, zeigt dann auch das Ende, das nicht nur in seiner Plötzlichkeit wie die Pointe eines Witzes anmutet. Eines sehr, sehr bösen, aber eben auch sehr, sehr lustigen Witzes.

Fazit: Eine ebenso trocken- wie schwarzhumorige, empörend-absurde, auf das Nötigste reduzierte Serienmörder-Groteske mit Jean Dujardin in seiner besten Rolle seit „The Artist“.

Wir haben „Deerskin“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er als Eröffnungsfilm der Quinzaine des réalisateurs gezeigt wurde.

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