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Es gilt das gesprochene Wort
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Es gilt das gesprochene Wort

Scheinehe mit Hindernissen

Von Thomas Lassonczyk
Wer hierzulande um Asyl bittet, der kommt vorwiegend aus Ländern, in denen Bürgerkrieg herrscht oder radikale Gruppierungen Angst und Schrecken unter der Bevölkerung verbreiten. In den vergangenen Jahren kamen die meisten hilfesuchenden Menschen aus Syrien, mit großem Abstand folgten Flüchtlinge aus Irak, Iran, Nigeria und Afghanistan. Auffallend ist aber, dass zudem auch erstaunlich viele türkische Staatsbürger in Deutschland Asylanträge stellen. Dabei finden ja zumindest offiziell zurzeit keine kriegerischen Auseinandersetzungen in dem Land statt. Allerdings gibt es in Anatolien im fernen Osten der Türkei viele junge Männer, die der Armut und dem dort vorherrschenden Elend entfliehen und im „reichen“ europäischen Westen ihr Glück versuchen wollen.

Genau da setzt „Es gilt das gesprochene Wort“ von Ilker Çatak ein. Der hochdekorierte Filmemacher (Max-Ophüls-Preis für den Kurzfilm „Wo wir sind“, Studenten-Oscar für „Sadakat“) entwirft ein interkulturelles Gesellschaftsdrama und erzählt zugleich eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Diese beginnt am Strand von Marmaris, wo sich Baran (Arman Uslu) als Tellerwäscher und Gelegenheits-Loverboy, dem es vor gar nichts graust, ein bisschen Geld zum Überleben verdient. Sein Ziel ist es jedoch, so schnell wie möglich von diesem Ort wegzukommen. Die Chance eröffnet sich ihm, als er die selbstbewusste Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle) kennenlernt. Denn die Kurzurlauberin lässt sich nach kurzer heftiger Gegenwehr tatsächlich auf einen kuriosen Deal ein. Sie nimmt Baran mit nach Deutschland und verschafft ihm unter der Bedingung „No Trouble. No Police. No Problems.“ mittels Heirat eine Aufenthaltsgenehmigung. Das ebenso waghalsige wie gefährliche Konstrukt wird jedoch auf eine unerwartete Probe gestellt, als die beiden nach und nach tatsächlich tiefere Gefühle füreinander entwickeln, als sie erwartet haben …

Marion (Anne Ratte-Polle) und Baran (Arman Uslu) empfinden mehr als gedacht füreinander.


Mit der Formel „Es gilt das gesprochene Wort“ stellt man in vorab veröffentlichten Reden üblicherweise klar, dass es sich nur um einen Entwurf handelt und dass man sich auf das Gesagte beziehen soll, wenn der Redner schließlich doch von dem Manuskript abweicht. Also genau wie bei Marion und Baran, die mit ihrer deutschen Lebenswirklichkeit ja auch von dem ursprünglich in der Türkei geschlossenen Vertrag „abweichen“. Obwohl der sperrige Titel also durchaus Sinn ergibt, bleibt natürlich trotzdem fraglich, ob er unbedingt neugierig auf den Film macht. Etwa ähnliches gilt für die Unterteilung des Films in drei Kapitel, die sich mit den Namen „Präsenz“, „Präteritum“ und „Zukunft“ auf Barans Deutschstunden beziehen.

Aber auch abseits dieser Formalitäten ist „Es gilt das gesprochene Wort“ kein leicht zugänglicher Film. Das Tempo ist gemäßigt, die Dialoge sind spärlich gesät und die wenigen Spannungsmomente eher psychologischer Art. Dafür funktioniert die Chemie zwischen den zwei Protagonisten gut, die Entwicklung von der Scheinehe zu einer Liebesbeziehung wird ebenso glaubwürdig vollzogen wie sich Barans Deutschkenntnisse entwickeln. Spricht er am Anfang noch ein Kauderwelsch aus englischen, deutschen und türkischen Brocken, kann er sich zum Ende hin recht gut in der Sprache seiner Wahlheimat verständlich machen.

Ebenfalls gut ausgearbeitet sind die kulturellen Unterschiede, auf der einen Seite der mediterrane Macho, der meint, er könne das andere Geschlecht nach Belieben dominieren. Auf der anderen Seite die emanzipierte Power-Business-Frau, die sich von den Männern nichts gefallen lässt. Neben Arman Uslu, der ein erstaunlich ausgereiftes Leinwanddebüt gibt, und Anne Ratte-Polle, die den Spagat zwischen kompromissloser Härte und zärtlicher Zuneigung gut meistert, gefallen auch Godehard Giese als Marions ebenso neunmalkluger wie eifersüchtiger Liebhaber Raphael sowie Jörg Schüttauf als hilfsbereiter Kollege, der sich jedoch als ziemlich rückgratlos entpuppt. Dem Drehbuch wiederum hätte man zuweilen mehr Leichtigkeit gewünscht, denn manche Situationen wirken doch arg konstruiert, etwa wenn Baran beim angeblichen Klauen erwischt, Marion mit einer schweren Krankheit konfrontiert und am Ende zu allem Überfluss auch noch schwanger wird. In diesen Fällen wäre weniger mal wieder mehr gewesen.

Fazit: Gut gespielte, betont bedächtig inszenierte Culture-Clash-Liebesgeschichte mit einer Prise Gesellschaftsdrama, die dem Zuschauer den Zugang schwerer als nötig macht und in manchen Situationen arg konstruiert wirkt.

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