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    Die Goldfische
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Die Goldfische

    Chaotische Komödie mit Herz

    Von Björn Becher
    Im Umgang mit behinderten Menschen erweisen sich viele als unsicher bis verklemmt – und diese Unbeholfenheit lässt sich ganz hervorragend als Grundlage für eine Komödie nutzen. So haben sich etwa die französischen Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern in „Aaltra“ selbst in Rollstühle gesetzt, um dann als richtige Arschlöcher ihrer Umwelt ganz gewaltig auf den Sack zu gehen – natürlich weitestgehend unwidersprochen, weil sich nur wenige trauen, einen Behinderten in seine Schranken zu weisen. In eine ähnliche Richtung geht nun auch „Die Goldfische“, der zwar deutlich weniger Biss, aber dafür bedeutend mehr Herz hat. Das Kinodebüt von Regisseur Alireza Golafshan braucht zu Beginn allerdings eine ganze Weile, bis die Komödie so richtig auf Touren kommt. Gerade in der zweiten Hälfte begeistert dann aber schließlich vor allem das Zusammenspiel des herausragenden Casts.

    Portfoliomanager Oliver (Tom Schilling) kennt nur seinen Job. Das ändert sich auch nicht, als er einen schweren Autounfall verursacht und anschließend querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Selbst in der Reha-Klinik interessiert ihn nur, wo es das beste WLAN gibt, um weiter arbeiten zu können. So landet er schließlich in der Behinderten-WG „Goldfisch-Gruppe“. Dort leben betreut von Pädagogin Laura (Jella Haase) und Pfleger Eddy (Kida Khodr Ramadan) die blinde Zynikerin Magda (Birgit Minichmayr), die Autisten „Rainman“ (Axel Stein) und Michi (Jan Henrik Stahlberg) sowie die lebensfrohe Franzi (Luisa Wöllisch) mit Down-Syndrom. Als Oliver erfährt, dass die Behörden Wind von seinen Schließfächern mit an der Steuer vorbeigeschleustem Bargeldvermögen in der Schweiz bekommen haben, gibt er sich kurzerhand als Wohltäter aus, der der Goldfisch-Gruppe eine Kamel-Therapie in der Schweiz spendiert. In Wahrheit will er so aber einfach nur seine Kohle über die Grenze schmuggeln, denn wer kontrolliert schon einen Bus voller behinderter Menschen…

    Dinge, auf die man besser verzichtet: Pro7-Moderatoren und Stanley Kubrick!


    Dass die Reise in die Schweiz nicht so glatt verläuft, wie es Oliver sich ausmalt, dürfte nun wirklich niemanden überraschen. Und tatsächlich ist der Film ab dem Moment, wo alles anfängt aus dem Ruder zu laufen und sich das Chaos unaufhaltsam seinen Weg bahnt, ein großer Spaß mit viel Liebe für die Figuren und einer ganzen Reihe erstklassiger Momente. Bis dahin ist es allerdings erst einmal ein ziemlich holpriger und auch unnötig langer Weg. Die Einführung von Oliver als reiner Egoist, der am Handy sogar seine Mutter abwürgt, während er ungeduldig im Stau steht, ist ausgesprochen platt. Noch unterboten wird diese Szene vom späteren Besuch von Olivers Arbeitskollegen Julius (verkörpert vom fehlbesetzten Moderator Klaas Heufer-Umlauf) in der WG. Dieser Moment soll wahrscheinlich die Unbeholfenheit im Umgang mit behinderten Menschen illustrieren, ist aber so steif geraten, dass ihr jedwede Natürlichkeit abgeht. Und warum wird der Besuch des komplett weißen Bankschließfachbereichs in der Schweiz als große Reminiszenz an Stanley Kubricks „2001“ inszeniert? Das klang vielleicht auf dem Papier nach einer guten Idee, liegt aber tonal meilenweit neben dem restlichen Film.

    Immerhin rücken im Anschluss an die Szene endlich die Goldfische in den Mittelpunkt, wenn das Quartett mehr oder weniger absichtlich die Kontrolle über den Bus und damit auch über Olivers Geld übernimmt. Vor allem Birgit Minichmayr („Nur Gott kann mich richten“) sticht als zynische Alkoholikerin heraus - ihre trockenen, bitterbösen Sprüche treffen trotz Blindheit mit traumwandlerischer Sicherheit ins Ziel! Auch Luisa Wöllisch (die erste große Kinorolle für die Schauspielerin mit Down-Syndrom) hat ganz wunderbare Momente, denn ihr beschert das Skript einige der besten Szenen. Wenn ihre Franzi einen potenziellen Moment der Erkenntnis, dass es doch zuvorderst auf die inneren Werte ankommt, mit einem jähen „Ich will Glamour!“ unterbricht, ist das eine überzeugende Absage der Autoren an eine mögliche Moralkeule: Wenn kurz darauf die Züricher Edelboutique gestürmt wird, wo dem zuerst abweisend-hochnäsigen Verkäufer schon bald vor Staunen die Kinnlade runterfällt, steht immer der Humor im Vordergrund. Die Moral kommt dann schon ganz von allein.

    Die Goldfische-WG auf Einkaufstour.


    Wenn Schauspieler Menschen mit geistiger Behinderung verkörpern, kann die Darstellung der Symptome schnell ins Parodistische abdriften – gerade bei einem eher für Brachialhumor bekannten Komiker wie Axel Stein. Sein „Rainman“ trägt den Spitznamen natürlich in Anlehnung an den berühmten Filmklassiker „Rain Man“ mit Dustin Hoffman. Rainer aus „Die Goldfische“ hat mit Raymond Babbitt aber nicht wirklich viel zu tun. Er ist nämlich eine echte Frohnatur, wenn dabei auch unglaublich kindlich überdreht. Mit seiner naiven Wiederholung von Gesprächsfetzen, der ständigen Handbewegung zum Mund/Schnurrbart und Äußerungen wie „Hamma kein Stress“ wirkt er lange Zeit wie eine Comedy-Figur aus dem Bühnenprogramm des Stars, der einst mit „Hausmeister Krause“ bekannt wurde. Dass der Schauspieler präsenter ist als die von ihm verkörperte Figur ist ein Problem – und es dauert eine ganze Weile, bis es sich legt.

    Für den Rest des Casts gilt das allerdings nicht. „Fack Ju Göhte“-Star Jella Haase darf als engagierte Sozialpädagogin trotz der eigentlich undankbarsten Rolle als vernünftige Spaßbremse einmal mehr beweisen, dass sie aktuell zur deutschen Schauspielspitze gehört, während sich Kida Khodr Ramadan („4 Blocks“) als seine dicke Wampe ganz ungeniert präsentierender Pfleger herrlich politisch unkorrekt gibt. Eddy gehen die behinderten Menschen nämlich ziemlich am Arsch vorbei und er macht einfach nur seinen Job. Dass auch das nicht moralinsauer ausgeschlachtet und ihm kein großer Erweckungsmoment angedichtet wird, ist ein weiterer Verdienst des auch selbst für das Drehbuch verantwortlich zeichnenden Kinodebütanten Alireza Golafshan. Und so überwiegen am Ende trotz des Stotterstarts mit holpriger Figureneinführung und vielen Längen doch die positiven Seiten. Denn wenn die Goldfische erst einmal das schöne Zürich und das Schweizer Grenzland unsicher machen, gibt es nicht nur eine Reihe großartiger Gags, sondern in den richtigen Momenten auch die nötige Portion Herz – ohne dass die sich schon früh andeutende Liebesgeschichte zwischen Oliver und Laura allzu dominant wird und so den Fokus wieder von dem begeisternden Behinderten-Quartett weglenkt.

    Fazit: „Die Goldfische“ ist eine angenehm unverklemmte und in den besten Momenten herrlich chaotische Komödie.

     

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    Kommentare

    • Larry Lapinsky
      Einige der mitspielenden Akteure sehe ich wirklich gerne, allen voran Tom Schilling, der gerade mal wieder im meisterlichen Epos Werk ohne Autor brillieren konnte. Solche ambitionierten Filme sind in Deutschland aber gezählt, und um im Gespräch bzw. Geschäft zu bleiben, muss man als deutscher Schauspieler wohl auch regelmäßig in solchen Mainstream-Feelgood-08/15-Komödien mitspielen. Das mag das hiesige Publikum halt und es sind die deutschen No Brainer-Pendants zu den actionlastigeren Dwayne Johnson-Filmen der USA, die allerdings schauwertemäßig doch wesentlich mehr zu bieten haben. Man könnte es auch das Vielmachglas-Keinohrhasen-Genre nennen. Jella Haase, die eigentlich auch mehr Talent hat, scheint darauf inzwischen fest abonniert zu sein. Mich wundert überhaupt, dass man deshalb den Goldfischen nicht noch 2 oder 3 lustige Vorsilben verpasst hat, aber die Masche ist mittlerweile wohl zu offensichtlich geworden ... Irgendwann ist dann ja auch mal gut! Oder (wohl) nicht?!?
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