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Edie - Für Träume ist es nie zu spät
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Edie - Für Träume ist es nie zu spät

Bergsteigen bis zur Selbstfindung

Von Thomas Lassonczyk
Der demographische Wandel schreitet zügig voran, die Menschen werden immer älter. Da liegt es auf der Hand, dass sich auch das Kino dieser Zielgruppe nicht länger verschließen kann. Und so stehen immer öfter in Ehren ergraute Senioren im Zentrum der Handlung. Das kann auf komödiantische Weise passieren wie in „Best Exotic Marigold Hotel“, in dem rüstige Rentner in Indien ihren dritten Frühling erleben, oder auf actionreiche Art wie in „R.E.D. – Älter. Härter. Besser.“, wo altgediente Topagenten von einem Killerkommando noch einmal und recht unsanft aus dem Ruhestand geholt werden. Beide Filme kamen übrigens so gut an, dass sie fortgesetzt wurden.

Man kann sich dem Sujet aber auch in Form eines Dramas nähern. Das tat etwa „Gundermann“-Regisseur Andreas Dresen, als er 2008 in „Wolke 9“ die auch sexuelle Liebesgeschichte eines Paares im Rentneralters nachzeichnet. Diesem Genre lässt sich auch „Edie – Für Träume ist es nie zu spät“ zuordnen. Der Film des britischen Regisseurs Simon Hunter, der bisher lediglich durch das Sci-Fi-Spektakel „The Mutant Chronicles“ (2008) international aufgefallen war, beschreibt die Selbstfindungsreise einer frischgebackenen Witwe. Dabei überzeugen sowohl die darstellerischen Leistungen als auch die atemberaubend schönen Bilder der schottischen Highlands.

Da soll's raufgehen...


Genau dorthin zieht es nämlich die 83 Jahre alte Edith Moore (Sheila Hancock), kurz Edie genannt. Ihr halbes Leben lang hat sie sich unterordnen müssen und ihren an den Rollstuhl gefesselten Mann aufopferungsvoll gepflegt. Jetzt, nach dessen Tod, will sich Edie endlich einen langgehegten Traum erfüllen und in Schottlang den berühmt-berüchtigten Berg Suilven besteigen. Vor Ort trifft die egozentrische Alte auf den jungen Jonny (Kevin Guthrie). Der gewährt ihr nicht nur kurzfristig Obdach für eine Nacht, er bringt sie auch in puncto Ausrüstung auf den neusten Stand und bietet sich gegen ein üppiges Salär auch als ihr persönlicher Fitness Coach und Bergführer an...

„Edie“ variiert einmal mehr die Thematik, dass man immer an sich glauben soll, nie aufgeben darf und dass es – wie im Untertitel der deutschen Fassung buchstäblich ausgesprochen – „für Träume nie zu spät ist“. In Sheila Hancock hat Simon Hunter dafür die ideale Hauptdarstellerin gefunden. Zwar besitzt die Britin, die vor allem auf englischsprachigen Bühnen Karriere gemacht hat, nicht ganz die schauspielerische Extraklasse ihrer in vergleichbaren Rollen aufgetretenen Landsfrauen Vanessa RedgraveJudi Dench oder Maggie Smith. Doch allein Hancocks stechend blaue Augen signalisieren schon den unbedingten Willen, das Unmögliche zu vollbringen, während der zusammengekniffene Mund für keinerlei Kompromissbereitschaft auf dem Weg dorthin steht.

Vom Score auf den Berg geprügelt


Ihr Gegenstück verkörpert Kevin Guthrie, zuletzt in einer Nebenrolle als Abernathy in „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“ zu sehen. Als Jonny tut er Edie erst als „schrullige alte Kuh“ ab, doch schon bald merken die beiden, dass sie gewissermaßen Geschwister im Geiste sind: Während sie über Dekaden hinweg als Krankenpflegerin wider Willen dienen musste, steht er unter dem Pantoffel seiner dominanten, Business-orientierten Freundin, die einen völlig anderen Lebensplan verfolgt. Diese sanfte Annäherung zählt zu den positiven Aspekten eines Films, der zum Ende hin allerdings auch immer vorhersehbarer wird. Denn wenn Edie die Besteigung des Berges in Angriff nimmt, kommt es zu den üblichen dramatischen Wendungen: ein tobender Sturm, ein wegfliegendes Zelt und der epische Kampf auf Leben und Tod. Völlig unnötigerweise treibt die Komponistin Debbie Wiseman diese Klischees mit ihrem orchestral-hämmerndem Bombast-Score noch zusätzlich auf die Spitze.

... aber allein für den Ausblick haben sich die Strapazen auch gelohnt!


Typisch schottische Musik mit Geige, Gesang und Akkordeon gibt es wiederum in den Pubszenen zu hören, wo auch Whisky, Billard und Darts nicht fehlen dürfen. Wie überhaupt das Lokalkolorit authentisch eingefangen wird und in seinem besten Momentan an Bill Forsyths Kultkomödie „Local Hero“ von 1982 erinnert, in dem Burt Lancaster als texanischer Öl-Multi ein verschlafenes Kaff in Schottland mit einer Mega-Raffinerie „beglücken“ will. Darüber hinaus kommt auch der Humor in „Edie“ nicht zu kurz, wenn sich Edie und Jonny zum Beispiel einen Wettbewerb im Zeltaufstellen liefern, die Stiefel der Alten im Fluss davonschwimmen oder sich die Bergsteigerin gegen alle Regeln gesunden Essens heimlich fetttriefenden Speck anbrät. Und schließlich gebührt der Kamera ein Extralob. Sie packt die raue, zerklüftete Landschaft der schottischen Highlands in epische Bilder, die in den Nahaufnahmen von Edies markantem, vom Leben gezeichneten und faltenreichen Antlitz ihre Entsprechung finden.

Fazit: Anrührende Selbstfindungsreise, bei der gute darstellerische Leistungen, prächtige Bilder der schottischen Highlands sowie eine kräftige Portion Lokalkolorit einer allzu klischeehaften Erzählung gegenüberstehen.

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