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The Guilty
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
The Guilty
Von
Im Gegensatz zu der Begrenztheit einer Theaterbühne muss sich der Film nicht einschränken, was Kulissen und Locations betrifft. Was auch immer Budget, Kamera und Tricktechnik hergeben, kann gezeigt werden. Was aber, wenn das Konzept eines Films genau das Gegenteil davon sein will? Wenn er die Sets auf zwei Räume beschränkt und nur ein Protagonist zu sehen ist? Diese bewusste Limitation exerziert der dänische Regisseur Gustav Möller in seinem Debüt „The Guilty“ derart brillant durch, dass er die meisten ähnlich reduzierten Thriller wie etwa „Nicht auflegen!“ mit Colin Farrell oder „Buried - Lebend begraben“ mit Ryan Reynolds locker in die Tasche steckt.

Polizist Asger (Jakob Cedergren) muss Dienst in der Notruf-Zentrale schieben, weil gegen ihn ein Verfahren läuft und er vom Streifendienst suspendiert ist. Kühl und grimmig fertigt Asger die einkommenden Anrufe ab, bis er die junge Iben (Jessica Dinnage) am Hörer hat. Schnell durchschaut der Cop, dass Iben nur so tut, als telefoniere sie mit ihrer Tochter – denn offenbar ist sie in der Hand eines Entführers. Mit geschickten Fragen versucht Asger, möglichst schnell viele Informationen von Iben zu erhalten, bevor der Kidnapper den Anruf unterbricht. Im Gegensatz zu den Kollegen in der Zentrale, die nur Dienst nach Vorschrift schieben, löst der Anruf Asgers Beschützerinstinkt aus. Der Polizist versucht alles, um das Leben der Frau zu retten. Dabei scheut Asger auch nicht davor zurück, die Regeln des Notrufdienstes gleich im Dutzend zu brechen …


Wer mit so puristischen Mitteln arbeitet wie Gustav Möller, muss ein sehr starkes Drehbuch oder einen großartigen Hauptdarsteller zur Verfügung haben. Denn mit viel mehr als den Emotionen der Figur und einer wendungsreichen Handlung kann so ein Film eben nicht punkten. Möller hat zum Glück beides. Was Jakob Cedergren („Sadie - Dunkle Begierde“) als Asger abliefert, geht derart unter die Haut, dass der Zuschauer 82 Minuten lang konsequent mit ihm leidet und mitfiebert – und das obwohl der Protagonist nicht einmal sonderlich sympathisch ist. Angesichts des minimalistischen Settings wird man schon nach wenigen Minuten derart für Cedergrens Darstellung sensibilisiert, dass man jedes kleine Zittern der Stimme, jedes leise Zucken eines Gesichtsmuskels sehr genau wahrnimmt. Und so tief in die Psyche der Figur eindringen kann.

Möller erzählt in seinem gemeinsam mit Emil Nygaard Albertsen verfassten Drehbuch noch nicht einmal eine besonders komplizierte Geschichte, sondern lässt seinen Antihelden einfach eine glaubhafte und realistische Tour de Force durchleiden, die auf Kapriolen oder wirre Entwicklungen getrost verzichten kann. Dafür werden bewegende Fragen nach Schuld und dem Wissen darum gestellt. Möller lässt den unendlich einsamen Cop am Telefon im Verlauf der Story über dessen eigenen schlechten Taten reflektieren und macht so aus dem Thriller zugleich auch ein viel tiefer gehendes Drama. Holm kämpft hier nicht nur um Ibens Leben, er versucht auch, seine eigene Seele zu retten. Und wenn er diese öffnet, um im starken Endspurt von „The Guilty“ auch seine eigenen Dämonen loszuwerden, baut Möller eine atemlose Spannung auf, die bis zum letzten Bild des Films anhält.

Dabei umkreist die Kamera von Jasper Spanning den Helden, sieht ihm über die Schulter oder klebt an seinen Lippen - und sorgt so für ein Maximum an Dynamik und Variation angesichts der eingeschränkten räumlichen Möglichkeiten. Besonderes Lob verdienen bei „The Guilty“ auch die Tontechniker, die Ibens verzweifelte Stimme so gut in den Vordergrund mischen, dass man jedes noch so kleine Geräusch deutlich wahrnimmt. Gemeinsam schafft das Team um Gustav Möller ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk, dem man allerhöchstens den etwas vorhersehbaren Twist im Finale vorwerfen könnte.

Fazit: Ein derart intensives Kammerspiel wie „The Guilty“ gab es auf der Leinwand schon lange nicht mehr zu sehen. Darsteller Jakob Cedergren zeigt hier geniale Schauspielkunst, dazu kommen ein sehr starkes Drehbuch und eine Inszenierung, die das Geschehen beinahe schmerzhaft miterlebbar macht. Ein ganz großer Wurf des Regie-Debütanten Gustav Möller.
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