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Tatort: Bausünden
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Tatort: Bausünden
Von
Die Gründe für den Wechsel sind dramaturgischer Natur. Die vergangenen Monate wurden intensiv genutzt, um eine neue Assistenten-Figur zu entwickeln, die im kommenden Jahr eingeführt wird", bestätigte der WDR im September 2017 auf Anfrage den Ausstieg von Schauspieler Patrick Abozen beim „Tatort“ aus Köln – und warf damit eigentlich mehr Fragen auf, als Antworten zu geben. Warum Abozen, der seit 2014 mit dem sympathischen Tobias Reisser den ersten homosexuellen Assistenten in der fast 50-jährigen Geschichte der Krimireihe verkörpert hatte, geht oder gehen musste, ist bis heute unklar – und auch über seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin ist bisher noch nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Abozens engagierter Auftritt in Kaspar Heidelbachs „Tatort: Bausünden“ ist damit zugleich sein letzter, doch man hätte dem TV- und Theaterdarsteller einen überzeugenderen Abschiedsfall gewünscht: „Tatort: Bausünden“ ist der mit Abstand schwächste Kölner Fall seit Jahren – was neben dem dünnen Drehbuch und den überraschend limitierten Schauspielern auch an einem beliebig wirkenden Soundtrack und dem unbefriedigenden Finale liegt.

Die Hotelangestellte Marion Faust liegt tot im Hinterhof unter dem Balkon ihrer Wohnung in Köln. Selbstmord oder eine Tat im Affekt? Gerichtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) weist an der Leiche Kampfspuren nach und tippt daher auf letzteres – und die Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die bei ihren Ermittlungen von ihrem Assistenten Tobias Reisser (Patrick Abozen) unterstützt werden, finden noch weitere Hinweise auf ein Gewaltverbrechen. Ins Visier der Kripo gerät Susanne Baumann, die als Assistentin des Geschäftsführers im Architekturbüro Könecke & Partner arbeitet und mehrere besorgte Nachrichten der Toten auf ihrem Anrufbeantworter hatte. Doch wo steckt sie? Ihr Ehemann Lars Baumann (Hanno Koffler), der als Bauleiter für ein Hotelprojekt bei der Fußball-WM 2022 in Katar beauftragt wurde, ist ebenso ahnungslos wie ihr Chef Könecke (Julian Weigend) und ihr Kollege Terstegen (Moritz Heidelbach). Auch die Befragung von Daniela Mertens (Jana Pallaske), Baumanns Ex-Frau und zugleich die Schwester der Verschwundenen, bringt kaum Erkenntnisse. Dann flieht Baumann bei einem Verhör vor der Polizei und versucht auf eigene Faust, seine Frau zu finden...

Der „Tatort“ aus Köln steht seit Jahrzehnten für solide und meist unaufgeregte Krimikost nach altbewährtem Schema – Ballauf und Schenk gehören bei den Zuschauern nicht von ungefähr zu den beliebtesten Kommissaren und holen mit ihren Einsätzen regelmäßig achtstellige Einschaltquoten. Mit sehr guten Folgen wie dem „Tatort: Der Fall Reinhardt“ oder dem „Tatort: Franziska“ gab es in den vergangenen Jahren auch immer mal wieder besonders überzeugende Folgen – für echte Ausreißer nach unten muss man in den 21 Jahren gemeinsamen Dienstjahren des Kölschen Duos hingegen lange suchen. Mit dem „Tatort: Bausünden“ ist nun einer gefunden: Regisseur Kaspar Heidelbach („Berlin '36“), der zu Beginn des Films bei einem Cameo-Auftritt als Hundebesitzer vor der Kamera zu sehen ist, hat schon 1997 den ersten „Tatort: Willkommen in Köln“ und viele weitere Folgen mit Ballauf und Schenk inszeniert, bleibt diesmal aber um Längen hinter seinen früheren Arbeiten zurück. Seine Inszenierung wirkt altbacken und selbst die zwei, drei obligatorischen Actionsequenzen sind überraschend undynamisch – letztlich ist Heidelbach aber auch oft Gefangener des schwachen Drehbuchs, das auf der Zielgeraden sogar in die unfreiwillige Komik abdriftet.

Dann nämlich lassen die erfahrenen TV-Drehbuchautoren Uwe Erichsen („Der Fahnder“) und Wolfgang Wysocki („Ein Fall für Zwei“) die Kommissare beim obligatorischen Kölsch an der Wurstbraterei am Rheinufer noch einmal in einer Minute alles zusammenfassen, was zuvor ungeklärt blieb – ein erschreckend uninspiriertes Finale einer „Tatort“-Folge, bei der auch im Vorfeld vieles Stückwerk bleibt und kaum ein Drehbuchaspekt die Ausarbeitung erfährt, die für eine überzeugende Geschichte nötig wäre. Bei dem halbgaren Potpourri um die Machenschaften in FIFA-Kreisen und die Ausbeutung der Bauarbeiter in Katar, die posttraumatische Belastungsstörung eines Afghanistan-Rückkehrers und die angeblich wilden Sex-Praktiken einer umtriebigen Karrierefrau wirkt fast alles behauptet: Fußballfunktionäre huschen nur mal kurz durchs Bild, im Hinblick auf die Zustände in Katar bleibt es beim Hörensagen, der Auslöser für das Trauma bleibt im Nebel und auch die ausgefallenen sexuellen Vorlieben der verschwundenen Susanne Baumann werden nur kurz angedeutet. Ballauf und Schenk hangeln sich zwar in gewohnter Manier souverän von Verhör zu Verhör, können bei all ihrer Routine aber kaum mal eine Duftmarke setzen, die in Erinnerung bleibt und über das abgegriffene „Wo-waren-Sie-gestern-Abend“-Prinzip hinausgeht.

Auch atmosphärisch birgt der 1044. „Tatort“ erhebliche Schwächen: Mit Klaus Doldinger zeichnet für den Soundtrack zwar kein Geringerer als der Komponist des berühmten „Tatort“-Titelsongs verantwortlich, doch konterkarieren seine Klänge das Geschehen oft eher, als dass sie für die nötige Stimmung sorgen würden. Von repetierenden Piano- und Streicher-Stakkatos, wie wir sie aus seichten Vorabend-Krimiformaten kennen, über vereinzelte Western- und Thriller-Anleihen bis hin zu belangloser Lobby- und Fahrstuhlmusik ist in diesem seltsam beliebig wirkenden Mix fast alles zu hören und erstickt damit jede Atmosphäre schon im Keim. Auch beim Blick auf die Besetzung des Krimis ergibt sich unterm Strich kein überzeugendes Bild: Gleich mehrere Schauspieler in wichtigen Nebenrollen agieren nicht auf gehobenem Sonntagabend-Niveau – da zählt der einleitend erwähnte Patrick Abozen noch zu den Lichtblicken der auffallend schwachen Darstellerriege. Dass die ARD auf ihrer eigenen Website dann auch noch durch das konkrete Benennen einer Doppelrolle den entscheidenden Twist des Films spoilerte und erst auf Hinweis eines Journalisten wieder entfernte, passt ins Gesamtbild dieser in fast jeder Hinsicht enttäuschenden „Tatort“-Folge.

Fazit: Kaspar Heidelbachs „Tatort: Bausünden“ ist der schwächste Kölner „Tatort“ seit vielen Jahren.
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