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Die defekte Katze
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Die defekte Katze
Von Tobias Mayer
In dem letztjährigen Überraschungshit „The Big Sick“ hat der Stand-up-Komiker Kumail (spielt sich selbst: Kumail Nanjiani) die Schnauze gestrichen voll von den Treffen mit potentiellen Ehefrauen, die seine traditionsbewusste Mutter immer wieder ungefragt für ihn arrangiert. Der junge Mann stammt zwar aus Pakistan, will in den USA aber nicht die Kultur leben, die seine eingewanderten Eltern aus der Heimat mitgebracht haben – zumal er in eine Amerikanerin verliebt ist, wovon Mama und Papa aber nichts wissen (dürfen). In dem Drama „Die defekte Katze“ lassen sich nun Mina und Kian, die iranische Wurzeln haben und in Deutschland leben, auf das ein, was Kumail nicht will: Sie schließen eine von den Eltern arrangierte Ehe, heiraten also, ohne einander groß zu kennen oder sich gar zu lieben. Mit sensiblem Blick zeigt Regisseurin Susan Gordanshekan die vorsichtige Annäherung eines Paares, das unter ganz besonderen Umständen zusammenkommt, aber schon bald mit gewöhnlichen (Ehe-)Problemen zu kämpfen hat.

Die Iranerin Mina (Pegah Ferydoni aus „Türkisch für Anfänger“) will heiraten, auch wenn sie laut ihres familiären Umfelds über das ideale Alter bereits hinaus ist. Kian (Hadi Khanjanpour), ein in Deutschland arbeitender Arzt aus dem Iran, hat ebenfalls Frust, denn seine selbstorganisierten Dates scheitern regelmäßig. Also hört er irgendwann doch auf seine Mutter, die den traditionellen iranischen Weg der Partnersuche vorschlägt. Mina und Kian heiraten im Iran, anschließend zieht sie zu ihm nach Deutschland, wo das Paar noch ziemlich planlos und einander fremd, aber dennoch mit den besten Absichten in ein neues Leben startet…


Die erste Nacht, die das zwar frischverheiratete, doch trotzdem mächtig fremdelnde Paar in der gemeinsamen Wohnung verbringt, entpuppt sich als ziemlich absurd. Kian, der berufsbedingt jede Sekunde Schlaf braucht, und Mina, die im Unterschied zu ihrem Mann noch nicht gut Deutsch spricht, liegen zusammen im Ehebett und schauen sich ihr Hochzeitsvideo auf dem Laptop an – das einzige, was sie wirklich verbindet. Für zwei Menschen, die sich alles andere als gut kennen, ist das verdammt viel Intimität in verdammt kurzer Zeit.

Je näher sich Mina und ihr Mann kommen, desto mehr gerät in Vergessenheit, dass sie eine in westlichen Augen ungewöhnliche Beziehung führen. Wenn Kian die an einem Gendefekt leidende Katze, die seine Frau ohne Absprache nach Hause holt, zunächst mit unterdrücktem Widerwillen akzeptiert, das Vieh schließlich aber wütend wegsperrt, weil es eine große Sauerei in der Wohnung angerichtet hat, dann ist das eine Auseinandersetzung, die jedes Paar führen kann – egal, ob es vom Tinder-Algorithmus oder halt den eigenen Eltern zusammengeführt wurde. Mina und Kians Beziehung geht auf einen Brauch unfreier Partnerwahl zurück, ihr fein beobachtetes Ringen aber ist weit weniger kulturspezifisch.

Bei ihren Protagonisten schaut Susan Gordanshekan also sehr genau hin, lässt deren ersten Sex etwa als vorsichtiges, mit auf den Kopf gedrehter Kamera gefilmtes Näseln beginnen. Ihre übrigen Figuren behandelt die Regisseurin hingegen leider deutlich gröber: Kians Eltern sind nur traditionstreue Betonköpfe, die stumpf darauf pochen, dass sich der Sohn und seine Angetraute bei Problemen doch bitte einfach zusammenreißen sollen. Und bei dem befreundeten Vater Lars (Constantin von Jascheroff), den Mina über Kians Kollegium kennenlernt, weiß man von der ersten Sekunde an, dass er sich später noch ungehörig an Mina ranmachen wird. Das sind alles funktionale statt menschliche Figuren – und das geht jedes Mal wieder auf Kosten der Natürlichkeit, die Gordanshekan zuvor gemeinsam mit ihren starken Hauptdarstellern etabliert hat. Schade.

Fazit: Auch aus arrangierten Partnern kann ein stinknormales Pärchen werden.

Wir haben „Die defekte Katze“ auf der Berlinale 2018 gesehen, wo der Film in der Sektion Perspektive Deutsches Kino gezeigt wurde.
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