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Museum
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Museum
Von
Das folgende Geschehen ist eine Nachbildung des Originals“ heißt es zu Beginn des Berlinale-Wettbewerbsbeitrags „Museum“ und ganz am Ende fällt dann auch noch die Frage: „Warum die Geschichte mit der Wahrheit ruinieren?“ Regisseur Alonso Ruizpalacios („Güeros“) steht also dazu, dass die Fakten bei seiner Aufarbeitung eines Museumseinbruchs, der 1985 in Mexiko für viel Aufsehen sorgte, nur an zweiter Stelle stehen. Immer wieder durchbricht er in seiner Road-Movie-Komödie die Grenzen von Sein und Schein. Obwohl er gerade dadurch seinen Figuren immer wieder auch sehr nahe kommt, bleiben deren Motive doch selbst am Ende des Films noch weitestgehend rätselhaft. Trotzdem ist der toll fotografierte Antiquitäten-Heistfilm ungemein unterhaltsam und vielfältig.

Die in einem Vorort von Mexiko-Stadt wohnenden Tiermedizin-Studenten Juan (Gael García Bernal) und Wilson (Leonardo Ortizgris) kommen mit ihrem Leben nicht so richtig voran. Am Weihnachtsabend brechen sie deshalb in das Anthropologische Museum ein und stehlen 140 unschätzbar wertvolle Kunstschätze. Die Öffentlichkeit ist schockiert. Die Polizei ist überzeugt, dass eine global operierende Bande von Profis dahintersteckt. Die beiden Taugenichtse müssen derweil feststellen, dass das Diebesgut sich nicht so einfach zu Geld machen lässt. Um einen Erlös zu erzielen, klauen sie auch noch das Auto von Juans Vater und brechen zu einem Road-Trip auf, der sie nicht nur bis in den Ferienort Acapulco, sondern Juan auch noch zwischenzeitig in die Arme einer Softporno-Göttin (Leticia Brédice) führt...

Wenn es schließlich zum Einbruch kommt, dann wird zwar nicht gesprochen, aber auf der Tonspur ist trotzdem gehörig was los. Nach dem ausführlich gezeigten Knacken der ersten Vitrine sieht man nur noch eine Reihe von Standbildern, während wir das Bereitlegen der Werkzeuge und das Aufbrechen vieler weiterer Schaukästen nur noch akustisch wahrnehmen. Immer wieder lässt Regisseur Alonso Ruizpalacios die Tonspur eine solch dominante Rolle einnehmen. Schon in der allerersten Szene wird dies deutlich, wenn eine Schulklasse beim Musikunterricht erst einmal nur Trockenübungen macht und die Geräusche der auf die hölzernen Blockflöten klopfenden Finger aus den Boxen dröhnen. Durch solche klar an das mexikanische Trash-Action-Kino der 1970er und 80er angelehnte Einschübe bekommt der Film etwas Unwirkliches, fast schon Traumhaftes. Am deutlichsten fällt das bei einer Bar-Prügelei auf. Nicht nur klatschen die Hiebe in dieser Szene wie in einem Film mit Bud Spencer, das Bild setzt auch immer wieder ein oder zwei Augenblicke zu früh ein, was die ganze Künstlichkeit der Szenerie noch einmal unterstreicht, wenn etwa ein Probeschlag noch zu sehen ist oder man den Regisseur „Action“ rufen hört.

Mit solchen inszenatorischen Spielereien wird die Geschichte der ohnehin nie vollständig aufgeklärten Geschehnisse endgültig von der Realität entkoppelt. Der Regisseur interessiert sich schließlich sowieso viel mehr für das Innenleben seiner beiden Hauptfiguren als für die Schilderung der tatsächlichen Ereignisse. Wie kommen zwei scheinbar unbedarfte Studenten dazu, Kunstschätze von unglaublichem Wert zu stehlen? Was dachten sie, würde passieren? Bis heute rätselt man in Mexiko darüber und natürlich kann auch Ruizpalacios mit seinem Film keine finale Antwort liefern. Während Wilson seinem Freund scheinbar blind zu folgen scheint und quasi alles macht, was dieser von ihm verlangt, ist Juans Verhalten auf charmante Art und Weise fast schon erratisch, was ihn zum deutlich faszinierenderen der beiden Protagonisten macht. Er würde mit seinem Auftreten auch als Rebellenanführer durchgehen, wenn er denn nur wüsste, wofür er überhaupt rebellieren will.

Der mit seinen fast 40 Jahren für die Rolle des Anfang 20-jährigen Studenten eigentlich schon viel zu alte mexikanische Superstar Gael García Bernal („Mozart In The Jungle“) brilliert als mal duckmäuserischer, mal rebellierender, mal zielloser, mal die Richtung vorgebender Zufallskrimineller, der mehr ein Kind als ein Erwachsener ist. Ausführlich wird beschrieben, wie Juan aufgrund seiner geringen Körpergröße und als einziges Familienmitglied, das nichts auf die Kette bekommt, von seinen Verwandten verspottet wird. Ruizpalacios zieht viel Humor aus solchen Situationen und zwar ohne sich über die Figur lustig zu machen. Und immer wieder lässt er Juan anders reagieren: Der ist im einen Moment beim Atari-Spielen mit seinen Neffen selbst noch voll kindlicher Begeisterung, aber dann auch wieder unglaublich fies, als er den Kindern zeigt, wo ihre Eltern die Geschenke versteckt haben, um ihnen so vor Augen zu führen, dass das mit dem Weihnachtsmann vielleicht doch nicht stimmt.

Immer wieder finden sich in „Museum“ komische Momente, die dafür sorgen, dass das Geschehen kurzweilig bleibt, obwohl die eigentliche Story nur sehr langsam voranschreitet. Dazu kommen die ganz starken Bilder von Kameramann Damian Garcia („Desierto - Tödliche Hetzjagd“), der immer wieder die Umgebung seiner Protagonisten – vom eindrucksvollen Museum selbst über Maya-Ruinen bis hin zum Strand – in den Fokus rückt und so die Szenerie fast zu einem weiteren Hauptdarsteller macht. Immer wieder verlässt die Kamera die Protagonisten, fokussiert urplötzlich auf den Himmel oder steht Kopf – was nur noch einmal unterstreicht, wie wenig greifbar diese, uns gar nicht so kriminell vorkommenden Kriminellen sind. Und obwohl das Fehlen von Antworten natürlich auch ziemlich frustrierend sein kann, macht es in diesem Fall einen großen Teil des Reizes von „Museum“ aus.

Fazit: Was die Motivation der Täter hinter dem damals größten Kunstraub der mexikanischen Geschichte am Weihnachtsabend 1985 war, weiß man auch nach „Museum“ nicht. Den ziellos agierenden jungen Männern zuzusehen, macht aber vor allem dank Gael García Bernal und einer starken Inszenierung, die immer wieder mit verspielten Ideen überrascht, trotzdem eine Menge Spaß.

Wir haben „Museum“ auf der Berlinale 2018 gesehen, wo der Film im Wettbewerb gezeigt wird.
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