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    Farewell to the Night
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Farewell to the Night

    Provokation durch Empathie

    Von Christoph Petersen
    Es gibt schon eine ganze Reihe von Filmen, die davon handeln, wie Jugendliche oder junge Erwachsene zum Islam übertreten. Die meisten davon gehen in eine von zwei Richtungen: Entweder haben die Filme einen warnenden Charakter wie zum Beispiel „Der Himmel wird warten“, in dem die Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar die Radikalisierung von zwei Teenagerinnen, die schließlich sogar nach Syrien in den Dschihad ziehen wollen, exemplarisch nachzeichnet. Oder es geht darum, mit den gängigen Vorurteilen aufzuräumen, wie etwa in der österreichischen Komödie „Womit haben wir das verdient?“, in der eine super-liberale Mutter damit klarkommen muss, dass ihre Tochter einer ihrer Ansicht nach Frauen unterdrückenden Religion beigetreten ist. Geht es um die Themen Islam und Gotteskrieg, scheint es momentan ohne eindeutige Positionierung nicht zu gehen - und genau deshalb wirkt „Farewell To The Night“ des französischen Regie-Altmeisters André Téchiné („Wilde Herzen“) so ungemein erfrischend.

    Am ersten Frühlingstag 2015 gibt es zwar eine spektakuläre Sonnenfinsternis, aber die kann Muriel (Catherine Deneuve) nur nebenbei genießen. Die Betreiberin einer Pferdezucht muss jetzt erst einmal das Problem mit den Wildschweinen lösen, die ihr immer wieder den Kirschgarten umwühlen. Abschießen ist jedenfalls keine Lösung, es ist keine Jagdsaison. Zudem kommt heute endlich ihr Enkel Alex (Kacey Mottet Klein aus Téchinés Meisterwerk „Mit siebzehn“) zurück, der nach einem Tauchunfall seiner Mutter bei Muriel aufgewachsen ist und nun in einigen Tagen gemeinsam mit seiner Freundin Lila (Oulaya Amamra) angeblich für ein Jahr zum Arbeiten nach Kanada reisen will. Als Muriel ihren Enkel zufällig im Garten beim Beten entdeckt, zeigt sie sich schon ein wenig schockiert, dass er ohne ihr Wissen zum Islam konvertiert ist. Erst später mehren sich die Anzeichen, dass noch mehr dahinterstecken könnte, weshalb Muriel schließlich zu drastischen Maßnahmen greift, um Alex vor einem großen Fehler zu bewahren...

    In der offiziellen Inhaltsangabe der Berlinale, wo „Farewell To The Night“ außer Konkurrenz im Wettbewerb seine Weltpremiere feierte, wird das eigentliche Thema nur nebulös angedeutet. Dabei ist es im Film selbst gar kein Geheimnis. Alex und Lila gehen schon in einer der ersten Szenen ihr Reisebudget durch. Alles klingt völlig normal. Bis sie sich plötzlich die Frage stellen, ob Kalaschnikows und Panzerfäuste eigentlich inklusive sind oder ob man dafür noch extra zahlen muss? Später erfährt Alex von seinem Anwerber, dass es verschiedene Soldaten-Ausbildungen beim IS gäbe. Lila fragt ihn sofort, für welche er sich denn entscheiden werde, und zwar mit einer derart naiven Begeisterung, als würde es um die Planung der Achterbahnbesuche im Disneyland gehen.

    Natürlich lässt Téchiné keinen Zweifel daran, was für eine selten dämliche Idee es ist, sich dem Islamischen Staat anzuschließen und in Syrien Krieg zu spielen. Aber selbst wenn er ihr Vorhaben als lächerlich entlarvt, heißt das nicht, dass er Alex und Lila und ihre Motive nicht ernst nehmen würde. Ganz im Gegenteil. Vielmehr begegnet er ihnen mit demselben Maß an Empathie wie all seinen Figuren. So gehört der Umgang von Lila mit den Bewohnern des Altenheims, in dem sie als Pflegerin arbeitet, mit zu den eindrücklichsten Szenen des Films. Zudem lässt sich Téchiné auch auf keinerlei leichtfertig-platte Psychologisierung ein: Der Tod der Mutter, an dessen Hergang Alex große Zweifel hegt? Die Liebe zu Lila, der er nun etwas beweisen möchte? Die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod oder – noch banaler – auf ein Abenteuer?

    An einer Stelle wird im Radio berichtet, dass die Front National bei der Lokalwahl auf 33 Prozent der Stimmen gekommen sei. Vermutlich hat es also auch etwas mit einem Fluchtreflex vor der aktuellen gesellschaftlichen Situation mit all ihren Ungerechtigkeiten zu tun. Die einen flüchten in den Krieg nach Syrien, die anderen in die Arme der Rechtsnationalisten. Alles Unfug, aber nachvollziehbar. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass die angehenden Gotteskrieger, um sich selbst Mut zu machen, immer wieder dasselbe Helden-Mantra herunterbeten, das eben nicht etwa aus dem Koran, sondern von dem im viktorianischen England groß gewordenen Philosophen und Historiker Thomas Carlyle stammt. Heldentum ist eben zuallererst eine Frage der Perspektive.

    Nun könnte man nach dem Lesen der bisherigen Absätze dieser Kritik sicherlich leicht auf die Idee kommen, „Farewell To The Night“ sei ein trockener Problemfilm, wenn vielleicht auch einer, der ein erstaunliches Maß an Ambivalenzen und Unschärfen zulässt. Aber der Eindruck wäre falsch. Die eigentliche Hauptfigur bleibt nämlich Muriel. Die einmal mehr großartige Catherine Deneuve („8 Frauen“) verkörpert die in Algerien aufgewachsene Hofbetreiberin mit einer anpackenden Hemdsärmeligkeit, die schlichtweg ansteckend ist. Schon allein dank ihrer Energie und Präsenz werden hier nie abstrakte Thesen, sondern stets das Leben und die Menschlichkeit an sich verhandelt.

    Fazit: André Téchiné inszeniert mit der ihm üblichen Meisterschaft und Empathie – und dass er eine Geschichte über eine derart aufgeladene Thematik einfach mit derselben Offenheit und Güte erzählt wie jede andere auch, ist wohl die größte Provokation von allen.

    Wir haben „Farewell To The Night“ im Rahmen der Berlinale 2019 gesehen, wo er außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wurde.
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