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    Matthias & Maxime
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Matthias & Maxime

    Ein (kleines) Comeback für Xavier Dolan

    Von Carsten Baumgardt

    Mit gerade einmal 30 Jahren legt der kanadische Auteur Xavier Dolan nun bereits seinen achten Film vor. An der Überzeugung in die eigene Stärke hat es dem Wunderkind nie gemangelt, aber nach den zwei völlig misslungenen Arbeiten „Einfach das Ende der Welt“ und „The Death And Life Of John F. Donovan“, die Galaxien von der Qualität seiner früheren Meisterwerke „Mommy“ und „Laurence Anyways“ entfernt sind, ist das Freundschafts-Drama „Matthias & Maxime“ nun nicht nur ein merklicher Aufschwung nach der zwischenzeitigen Formschwäche, sondern auch ein Comeback des Schauspielers Dolan, der hier zum ersten Mal seit „Sag nicht, wer du bist!“ (2013) wieder eine Hauptrolle in einem seiner Werke übernimmt.

    Maxime (Xavier Dolan) will bald für zwei Jahre nach Australien, um dort neue Erfahrungen zu sammeln. Einen konkreten Plan hat der Mittzwanziger noch nicht – nur raus aus Montreal, wo er sich mit seiner psychisch labilen Mutter Manon (Anne Dorval) eh immer nur in die Haare kriegt. Bei einem gemeinsamen Party-Wochenende mit Freunden an einem See wird die Gefühlswelt von Maxime und seinem Jugendfreund Matthias (Gabriel D’Almeida Freitas) aber noch einmal gehörig durcheinandergewirbelt: Erika (Camille Felton), die kleine Schwester eines Kumpels, sucht Schauspieler für einen Schulkurzfilm. Maxime meldet sich freiwillig, Matthias muss wegen einer verlorenen Wette mitmachen. Als sie dann herausfinden, dass sie sich vor laufender Kamera küssen sollen, regen sich beide kurz auf, machen dann aber doch mit. Eine folgenschwere Entscheidung, die wirklich alles noch einmal infrage stellt...

    Alkohol, Reden und Spaß: Party in "Matthias & Maxime"

    „Matthias & Maxime“ ist ein bittersüßer Film über Aufbruch und Abschied, darüber, sich zu finden und zu orientieren, Zeit miteinander zu verbringen und die eigene Persönlichkeit mit Mitte 20 endgültig zu festigen; ein Film voller Leben, Party, Trinken und sanfter Drogen. Xavier Dolan reflektiert damit auch sein eigenes Dasein. Schließlich habe er erst in den vergangenen vier oder fünf Jahren überhaupt gelernt, Freundschaften zu schließen, wie der Regisseur im Presseheft zum Film erklärt.

    Maxime

    Die treibende Kraft der Story ist Maximes bevorstehender Abschied nach Australien, der als eine Art Katalysator für das Unausgesprochene in der Freundschaft von Maxime und Matthias fungiert. Das macht Dolan geschickt und nicht vollkommen offensichtlich, weil er das auslösende Element, den Kuss vor der Kamera, kurz vor dem Berühren der Lippen ausblendet und ihn anschließend auch erst einmal nicht weiter beachtet. Stattdessen bietet er seinen beiden Hauptfiguren getrennt voneinander Raum, indem er sie in ihrem Alltag zeigt, wo der Kuss vor allem auf Matthias einen starken Einfluss zu haben scheint.

    Maxime stammt aus einem Arbeiterhaushalt und versucht den ewigen Kampf mit seiner psychisch kranken Mutter zu verdrängen. Einmal trägt er dabei sogar eine Platzwunde davon. Das Motiv der monströsen Mutter ist in Dolans Werk schon immer präsent und lässt den Filmemacher auch jetzt nicht los. Hier dient es vor allem als Motivation für Maxime, auf eigenen Füßen stehen zu wollen. Dolan spielt diesen problembeladenen, aber freundlichen und einnehmenden jungen Mann auch mit einer gehörigen Portion Selbstzweifel, die durch ein markantes Feuermal auf seiner rechten Wange auch optisch Ausdruck finden. Das Mutter-Motiv ist übrigens nicht das einzige, das Dolan hier aus seinen vorherigen Filmen noch einmal aufgreift. Vielmehr fühlt sich „Matthias & Maxime“ immer wieder wie ein charmant-lässiges, zurückgenommenes Best-of früherer erzählerischer Themen und visueller Ausdrücke an.

    Matthias

    Der Karrierist Matthias, der zwar im Titel den Vorrang vor Maxime eingeräumt bekommt, ist zumindest nach dem Kuss plötzlich eingeschüchtert, verschlossen, verstört, was besonders bei einer fürchterlichen Rede zum Abschied von Maxime schmerzhaft offensichtlich wird. In einer Episode, in der er den köstlich-arroganten Toronto-Geschäftspartner McAfee (Harris Dickinson) durch die Stripclubs der Stadt führt (natürlich kriegt die einzige Toronto-Figur in einem Montreal-Film ordentlich ihr Fett weg), werden bei Matthias die Zweifel an seiner sexuellen Orientierung immer deutlicher, obwohl er eigentlich glücklich mit seiner Freundin Sarah (Marilyn Castonguay) zusammen ist.

    Ansonsten ist das Verlangen der Titelfiguren zueinander aber lange Zeit nur schwer physisch greifbar, sondern mehr ein unterschwelliges Gefühl, das Dolan bei seinen Alltagsbeschreibungen stets mitschwingen lässt. Wie bei Dolan üblich, wird dabei exzessiv (durcheinander-)geredet und diskutiert, Quatsch gemacht, bis einem manchmal der Kopf zu schwirren droht. Aber Dolan weiß auch, wann er nachlassen und dem Publikum eine Pause von den Stakkato-Dialogen gönnen muss. Sowieso hält sich der quirlige Auteur mit seinen Manierismen diesmal ein wenig zurück, selbst wenn er sich den Luxus leistet, auf körnigem 35-Millimeter-Film zu drehen.

    "Wer bin ich?"-Spiel im Rausch der Nacht.

    Selbstverständlich spielt auch der Soundtrack wieder eine wesentliche Rolle für die Stimmung und Atmosphäre des Films, etwa wenn eine der Figuren wie bei einem Tusch die Tür einer Waschmaschine zuknallt, während im perfekt passenden Moment dazu die „Always On My Mind“-Coverversion der Pet Shop Boys einsetzt. Die vierte Wand bleibt dieses Mal hingegen undurchbrochen, der Film ist insgesamt konventioneller als viele von Dolans Vorgängerwerken. Es wird auch weniger geschrien und geheult. Die Subtilität der Erzählung lässt ein wenig die Dringlichkeit und Leidenschaft vermissen, die man eigentlich von Dolan gewöhnt ist. Dabei ist er doch eigentlich immer dann am besten, wenn er – eben wie in „Laurence Anyways“ und „Mommy“ - die ganz großen, ganz bunten Gefühle auspackt. Gedämpft reicht es dann zumindest zu einem guten, wenn auch nicht zu einem herausragenden Film.

    Fazit: Eine melancholische Geschichte über Freundschaft, Verlangen und den Aufbruch in eine ungewisse Zukunft.

    Wir haben „Matthias & Maxime“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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