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Club der roten Bänder - Wie alles begann
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Club der roten Bänder - Wie alles begann

Der Kinofilm zum Serien-Superhit!

Von
In seinem Erfolgsroman „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“ liefert der in Barcelona geborene Albert Espinosa seinen Lesern einen berührenden Einblick in das Leben auf der Kinderkrankenstation eines Krankenhauses. Die in dem Bestseller geschilderten Ereignisse sind dabei größtenteils autobiographisch: Mit 14 Jahren wurde bei Espinosa Krebs diagnostiziert, woraufhin er einen nicht unerheblichen Teil seiner Jugend in Krankenhäusern verbrachte. 1997 wurde seine Geschichte erstmals als spanischer Fernseh-Vierteiler verfilmt. Aber so richtig ging die TV-Erfolgsstory erst 2011 los, als nicht nur die katalanische Serie „Polseres vermelles“ zum Hit avancierte, sondern anschließend auch noch für das italienische (als „Braccialetti rossi“), französische („Les Bacelets Rouges“), das US-amerikanische („Red Band Society“) sowie eben auch das deutsche Fernsehen neu aufgelegt wurde: Die drei deutschen Staffeln von „Der Club der roten Bänder“ wurden auf nationaler wie internationaler Ebene mit Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Grimme-Preis und der renommierten Rose d’Or.

Trotz verlässlich hoher Quoten entschied sich der verantwortliche TV-Sender VOX in Absprache mit den Produzenten, die Serie nach drei Staffeln zu beenden. Sie sei auserzählt – eine seltene, aber lobenswerte Entscheidung im Sinne des Formats. Doch bevor die Teenager der Serie ihre roten Bänder endgültig an den Nagel hängen, haben die bereits an einigen Folgen der TV-Serie beteiligten Drehbuchautoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf ihren Heldinnen und Helden noch das Skript zu einem Kinofilm spendiert: „Club der roten Bänder – Wie alles begann“ handelt – wie der Name schon sagt –von den Ereignissen vor der Serie. Im Grunde ist dieses Prequel also eine knapp zweistündige Exposition, was den Film für Nicht-Kenner der Serie zu einer weitgehend uninteressanten Angelegenheit werden lässt. Schließlich wirkt der unaufgeregte Plot hier vor allem dadurch, dass man bereits viele Jahre voller Höhen und Tiefen mit den Figuren durchlebt hat. Aber Fans dürfen sich freuen: „Club der roten Bänder – Wie alles begann“ bleibt der Stimmung der Serie treu und ergänzt die liebgewonnenen Charaktere schlüssig um einige neue Facetten, wenngleich längst nicht jeder von ihnen von den Autoren mit derselben Hingabe behandelt wird.

In wenigen Wochen werden sie zu engen Freunden, doch noch wissen sie selbst nichts davon: Leo (Tim Oliver Schulz), Jonas (Damian Hardung), Emma (Luise Befort), Alex (Timur Bartels), Hugo (Nick Julius Schuck) und Toni (Ivo Kortlang) leben ein ganz gewöhnliches Teenagerleben, das für jeden von ihnen auf unerwartete Weise aus den Fugen gerät. Der beliebte Fußballer Leo kommt aus einer krebsvorbelasteten Familie. So bricht nicht nur für ihn eine Welt zusammen, als er die Diagnose erhält, einen gefährlichen Tumor im Bein zu haben, was eine Amputation zur Folge hat. Glücklicherweise lernt er im Krankenhaus den Mitpatienten Benni (Jürgen Vogel) kennen, hinter dessen rauer Schale sich ein weicher Kern verbirgt und der ihn in die ungeschriebenen Krankenhausgesetze einweiht. Dabei entdeckt er die schöne Emma, die mit Essstörungen zu kämpfen hat und sich gar nicht gern in die Karten schauen lässt. Trotzdem versucht Leo sein Glück, während sich um ihn herum weitere Dramen abspielen: Jonas ereilt dasselbe Schicksal wie Leo, der autistische Toni baut einen schlimmen Verkehrsunfall, Alex klagt vermehrt über Herzprobleme und der im Koma liegende Hugo wird sie früher oder später alle um sich versammeln und als guter Geist über sie wachen – dann nämlich, wenn sie zum Club der roten Bänder werden...


Der titelgebende Club unterliegt einer genauen Rangordnung: Es gibt den Anführer, den zweiten Anführer, den Hübschen, den Schlauen, den guten Geist und das Mädchen. Passend zu ihrer Position steht die Figur des Leonard (später Leo) auch erzählerisch im Mittelpunkt des Films. Obwohl es ja eigentlich um die Vorgeschichte aller gehen sollte, ist es hauptsächlich er, über dessen Lebensweg man tatsächlich etwas Neues erfährt. Zwar wissen Fans der Serie schon lange, dass Leo seine Mutter an den Krebs verloren hat und darüber auch das Verhältnis zu seinem Vater in die Brüche ging. Doch diesmal haben sie an diesen schlimmen Schicksalsschlägen direkt teil, genauso wie an dem – im wahrsten Sinne des Wortes – einschneidenden Erlebnis der Bein-Amputation.

Nun könnte man fragen, weshalb man all das denn jetzt nochmal in knappen zwei Stunden auf der Leinwand ansehen sollte? Schließlich hat es ja bisher auch vollkommen gereicht, von Leos Hintergründen zu wissen, um ihn und sein Verhalten innerhalb der Serie verstehen und deuten zu können. Doch die Autoren haben sich ganz bewusst dafür entschieden, diese einzelnen Stationen nochmal genauer aufzudröseln. So wird zum Beispiel jetzt um Einiges klarer, woher Leo in der ersten Staffel die Kraft nimmt, Jonas bei seiner Beinamputation beizustehen, wo er diesen Horror doch selbst erst vor Kurzem durchgemacht hat. Und auch der Umgang mit dem in der Serie unterschwellig immer ein wenig als Rabenvater abgeschriebenen Vater von Leo lässt sich emotional jetzt wesentlich besser einordnen, wenn man der schier endlosen Pechsträhne der Familie persönlich beigewohnt hat.

Leo, den Tim Oliver Schultz („Die Vampirschwestern 3“) mit gewohnter Aufopferungsbereitschaft verkörpert, ist dank seiner Freundschaft zum zunächst grantig und später umso liebenswerter von Jürgen Vogel („So viel Zeit“) gespielten Benni auch der Einzige, dessen Story auch unabhängig vom Kennen der Serie funktioniert. Dort spielt nämlich auch der einzig für das Prequel konzipierte Benni keine Rolle mehr, stattdessen durchleben die beiden innerhalb dieses Films all die Höhen und Tiefen eines eigenen Krankenhaus-Dramas. Kein Wunder also, dass das den meisten erzählerischen Platz einnimmt, während die Lebenswege der anderen Club-Mitglieder mit weitaus weniger Ausführlichkeit und Feingefühl abgehandelt werden.

Vor allem der autistische Toni ist das Opfer einer mit allzu groben Pinselstrichen gezeichneten Storyline, bei der der im Umgang mit Menschen eigentlich nur sehr unerfahrene Toni fast schon zu einem regelrechten Vollidioten degradiert wird. Hier haken die Macher nur ein Autisten-Klischee nach dem anderen ab – und dass Schauspieler Dieter Schaad („Das Haus der Krokodile“) im Dialog mit Ivo Kortlong („Die Kleinen und die Bösen“) dann auch noch so hölzern agiert, als hätte er seine ohnehin recht platten Textzeilen gerade eben erst auswendig gelernt, lässt das Ganze hin und wieder sogar unfreiwillig komisch wirken. Mit der aufrichtigen Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild Autismus, wie wir sie aus den besten Momenten der Serie gewohnt sind, hat das jedenfalls nichts zu tun.

Jonas‘, Emmas und Alex‘ Schicksale orientieren sich mal mehr, mal weniger an dem, was wir aus der Serie bereits wissen. So bekommt Jonas beispielsweise einen gewalttätigen Bruder angedichtet, der in den drei Staffeln zuvor (oder zeitlich gesehen: danach) nie eine Rolle gespielt hat. Das wirkt im ersten Moment aus der Luft gegriffen, erklärt aber stimmig seine Zurückhaltung gegenüber seinen Mitmenschen. Auch Alex‘ Vorgeschichte, in die vor allem sein Vater und seine Mathelehrerin involviert sind, legt den Grundstein für die Aggression, mit der Alex in der ersten Staffel von „Club der roten Bänder“ als widerspenstig und sogar asozial eingeführt wird. Jetzt werden Fans besser verstehen, weshalb sein Start im Club für ihn und alle anderen der schwerste war. Am wenigsten Neues hinzugedichtet bekommt derweil Emma: „Wie alles begann“ schildert einfach nur, wie ihre Familie von ihrer Essstörung erfahren hat und was überhaupt der Grund dafür war.

Der im Koma liegende Hugo befindet sich derweil in einer Welt zwischen Leben und Tod, hier dargestellt in Form eines Zehnmetersprungturms in einem Schwimmbad. Da er nicht aktiv am Geschehen teilhaben kann (und seiner Rangordnung zufolge ja ohnehin „der gute Geist“ ist), kommentiert er das Geschehen immer wieder aus dem Off. Das kennen wir bereits aus der Serie, aber zugleich stellt sich so auch das Gefühl ein, es hier einfach mit mehreren aneinandergereihten Folgen zu tun zu haben, statt mit einem in sich geschlossenen Spielfilm. In der TV-Show endet jede Folge mit einem abschließenden Statement Hugos, im Film werden einzelne dramaturgische Abschnitte damit recht deutlich für beendet erklärt und neue eingeleitet. Das kann man für konsequent halten, denn so kommt der (auch auf visueller Ebene deutlich erkennbare) TV-Serien-Ursprung des Films besser zur Geltung. Andererseits gelten im Film nun mal andere Gesetze als in Serien – und „Club der roten Bänder – Wie alles begann“ wirkt durch diesen erzählerischen Kniff tatsächlich ein wenig holprig.

Fazit: Für Nicht-Kenner der TV-Serie besitzt „Club der roten Bänder – Wie alles begann“ keinerlei erzählerischen Mehrwert. Im Gegenteil: Wer nicht weiß, wie es anschließend weitergeht, dürfte sich womöglich sogar an den vielen eröffneten, aber oft nur halbgar zu Ende gebrachten Erzählsträngen stören. Fans des Formats kommen dagegen auf ihre Kosten, denn die Macher setzen auch im Kinofilm auf das bewährte Erfolgsmodell, auf jede Träne ein Lächeln folgen zu lassen.
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