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Donbass
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Donbass
Von
Seit 2014 schwelt in der Ostukraine ein Bürgerkrieg zwischen von Russland unterstützten Milizen, ukrainischen Truppen und Freiheitskämpfern. Ziel der prorussischen Fraktion ist die Abspaltung der Region um Donezk und Luhansk von der Ukraine. Hier prallt der Nationalismus der Pro-Putin-Krieger auf westlich orientierte Ukrainer, die nach Europa schauen und von der EU träumen. Und dazwischen gibt es noch mehr politisch gar nicht aktive Menschen, die in dem Scharmützel zwangsläufig mit aufgerieben werden. Der seit jeher politisch extrem engagierte Regisseur Sergei Loznitsa („Im Nebel“) knöpft sich diesen bewaffneten Konflikt nun mit größtmöglicher filmischer Radikalität vor und schließt mit seinem albtraumhaften Episoden-Drama „Donbass“ seine inoffizielle Russland-Kritik-Trilogie - nach „Mein Glück“ (2010) und „Die Sanfte“ (2017) - ab. Loznitsa gibt dem Zuschauer in diesem ohnehin schon unübersichtlichen Getümmel nur wenig Einordnendes mit an die Hand, sondern reiht stattdessen 13 kaum miteinander verknüpfte Sequenzen zu einem starken, bitterbösen, mitunter sogar abgründig komischen Leinwand-Essay aneinander. Mit beißender Kritik wird dabei in alle Richtungen Seiten nicht spart – ein bizarres Schreckens-Kaleidoskop aus Alltagshorror, Gewalt und Bürokratie.

In der Stadtratssitzung rastet eine Frau (Olesya Zhurakovskaya) aus, weil sie in der örtlichen Zeitung der Bestechung beschuldigt wird – zu Unrecht, wie sie sich empört. Rasend vor Wut kippt sie dem zuständigen Stadtrat aus Protest unter einer lauten Schimpfkanonade einen Eimer Fäkalien über den Kopf... Eine attraktive Sekretärin (Irina Plesnyaeva), die sich offenbar im Bürgermeisteramt hochgeschlafen hat, will ihre Mutter aus einem Armen-Bunker herausholen. Aber die will dort trotz harscher Entbehrungen gar nicht weg, sondern weiterhin ihre Solidarität demonstrieren… In der Donezk-Region versucht der deutsche Journalist Michael Walter (Thorsten Merten) zu recherchieren, scheitert aber an der Weigerung der Soldaten, Informationen irgendeiner Art weiterzugeben. Die russischen Invasoren geben sich auf ihren Panzern als lokale Kräfte aus, obwohl offensichtlich ist, dass sie das nicht sind. Sie veralbern den Reporter… Ärger hat auch Simeon (Alexander Zamurayev), der sein vermisstes Auto aus einem provisorischen Armeehauptquartier abholen soll. Dort wird er jedoch unter Androhung von Gewalt dazu gezwungen, sich „freiwillig“ enteignen zu lassen…


Die hier beschriebenen und neun weitere Sequenzen bauen inhaltlich nicht aufeinander auf. Vielmehr etabliert Loznitsa in einem mit den Stilmitteln des Dokumentarischen inszenierten Spielfilm ein toxisches Klima voller Misstrauen, Falschinformationen und gegenseitiger Ablehnung. Die Ostukraine wird als lebensfeindliche Umgebung charakterisiert, in der (fast) jeder für seine eigene Zwecke kämpft und dabei vor nichts zurückschreckt. Obwohl der in Weißrussland geborene Ukrainer Loznitsa nach anfänglich ironisch-verspielter Schelte in seinen frühen fiktiven wie dokumentarischen Werken mittlerweile zum erbitterten Kritiker Russlands geworden ist, teilt er gegen beide Seiten aus. Dabei geht Loznitsa künstlerisch radikal vor: Selbst Kenner des politischen Hintergrunds dürfte es schwerfallen, alle Details sofort zu identifizieren und immer genau zu wissen, wer hier gerade wen drangsaliert.

Der Regisseur stellt den Konflikt auch als Propagandakrieg heraus, in dem es nicht möglich ist, zwischen Fiktion und Fakten zu unterscheiden – dieses Gefühl überträgt er in diesem kalkulierten Verwirrspiel kompromisslos auf sein Publikum. Weil die Erzählung von „Donbass“ keinen durchgängigen Protagonisten hat, nimmt die Kamera kurzerhand diese Funktion ein. Sie guckt überall rein, schnüffelt herum - aber es bleiben Bruchstücke, deren Glaubwürdigkeit oft fraglich ist, was aber wiederum auch vom Film selbst immer wieder aufgegriffen und thematisiert wird.

Am erschreckendsten und beklemmendsten ist „Donbass“, als ein prorussischer Kämpfer (Valery Antoniuk) in Gefangenschaft gerät und in der Stadt an einen Pfahl gefesselt und dort als Landesverräter gebrandmarkt wird. Schnell bildet sich ein sich hochschaukelnder Lynchmob, der zeigt, welche Spuren die permanente Gewalt, Angst und Unterdrückung in der Bevölkerung hinterlassen hat. Schlichtweg genial sind die erste und die letzte Geschichte, die Loznitsa in einer inszenatorischen Klammer zusammenführt, in der er sein Kernthema der rücksichtslosen Propaganda so brutal wie möglich anprangert, während er zugleich das Medium „Film“ und „Kino“ an sich in Frage stellt. Während die elektrisierende Eröffnungssequenz, in der Laiendarsteller in einem Wohnwagen für einen für die Nachrichten gefakten Todesschwadron-Überfall geschminkt werden, durch ihre Doppelbödigkeit glänzt, hinterlässt das erzählerische Echo am Ende zugeschnürte Kehlen im Kinosaal. Und so entlässt Loznitsa seine Zuschauer mit einem schockierend-kaltherzigen finalen Halali und reichlich Recherche- und Reflexionsbedarf, um das zuvor Gesehene einzuordnen.

Fazit: In seiner bravourös-bitteren Bürgerkriegs-Abrechnung „Donbass“ lässt Sergei Loznitsas die Ostukraine in einem Sperrfeuer aus Panzergeschützen und Fake News versinken. Brillant stellt er in seiner fiktiven Erzählung mit den Stilmitteln des Dokumentarkinos heraus, wie ein Land zwischen omnipräsenter Manipulation und Korruption zunehmend erodiert.

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