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    Tatort: Tiere der Großstadt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Tatort: Tiere der Großstadt
    Von Lars-Christian Daniels
    Die Drehbuchautoren der beliebtesten öffentlich-rechtlichen Krimireihe haben sich in den vergangenen Jahren schon häufiger mit der Digitalisierung und den möglichen Gefahren von Künstlicher Intelligenz auseinandergesetzt: Im starken „Tatort: HAL“ beispielsweise ermittelten die Stuttgarter Kommissare in einem Unternehmen, das sein Geld mit Big Data verdiente. Im durchwachsenen Saarbrücker „Tatort: Mord Ex Machina“ kam das Todesopfer spektakulär in einem autonom fahrenden Wagen ums Leben und im schwachen Bremer „Tatort: Echolot“ entwickelte die digitale Assistentin einer hippen Start-Up-Firma ein sehr bedenkenwertes Eigenleben. Bei den Zuschauern hatten es Folgen wie diese oft schwer: So mancher eingefleischte „Tatort“-Fan beklagte den für die Krimireihe ungewöhnlich hohen Science-Fiction-Anteil und hätte sich lieber eine bodenständigere Geschichte gewünscht. In Berlin wagen die Filmemacher nun einen Kompromiss, der unter dem Strich aber nicht ganz überzeugt: In Roland Suso RichtersTatort: Tiere der Großstadt“ lösen die Ermittler zwei Mordfälle gleichzeitig – der eine beleuchtet erneut die Risiken der Arbeitswelt 4.0, der andere entpuppt sich als Whodunit der ganz klassischen Sorte, bei dem vor allem das Stammpublikum auf seine Kosten kommt.

    In einem Kiosk am Kurfüstendamm finden drei Jugendliche am frühen Morgen eine Leiche: In einem „Robista“-Coffeeshop, in dem ein sprechender Roboter rund um die Uhr vollautomatisch Kaffeespezialitäten an Passanten verkauft, liegt der tote Tom Menke (Martin Baden). Er hatte den Kiosk mit seiner Frau Kathrin (Valery Tscheplanowa) betrieben und wurde bei einer Routinereinigung von hinten mit einer Nadel von der Maschine erstochen. Hat jemand den Roboter manipuliert oder handelt es sich um einen tragischen Betriebsunfall? Auch ein zweiter Fall gibt den Berliner Hauptkommissaren Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke), die von ihrem IT-affinen Kollegen Mark Steinke (Tim Kalkhof) und der fleißigen Kommissarsanwärterin Anna Feil (Carolyn Genzkow) unterstützt werden, Rätsel auf: In Grunewald ist die Joggerin Carolina Gröning (Tatiana Nekrasov) spurlos verschwunden. Als wenig später ihre Leiche gefunden wird und Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza (Maryam Zaree) daran Spuren eines Kampfes nachweist, gerät ihr Mann Reno (Kai Scheve) unter Mordverdacht. Doch er hat für die Tatzeit ein Alibi...

    Im „Tatort: Tiere der Großstadt“ laufen die beiden Kriminalfälle um den Robotermord im Kiosk und die tote Joggerin im Wald von Beginn an parallel. Um die eigentlich voneinander unabhängigen Handlungsstränge besser in Einklang zu bringen, spiegelt Drehbuchautorin Beate Langmaack („Zeit der Helden“) die Todesfälle im Privatleben der Kommissare: Während Rubin mit ihrem erwachsenen Sohn Tolja (Jonas Hämmerle, „Wickie auf großer Fahrt“) bei gemeinsamen Laufrunden am See für das Sportabzeichen trainiert, lässt Karow sich in seinem Penthouse mit Blick über Berlin den Tee von einem digitalen Vollautomaten servieren, der in bester „Alexa“-Manier mit ihm kommuniziert. Auch das titelgebende Tiermotiv schlägt visuell die Brücke zwischen den beiden Geschichten: Schon in der ersten Einstellung streunen Wildschweine über die nächtlichen Straßen, ehe später ein Eber im Wald auftaucht. Die einsame Kathrin Menke scheint nur für ihre Katzen zu leben, der senile Rentner Albert (Horst Westphal) hingegen hält sich einen einsamen Vogel im Käfig – und während ein Fuchs an der Mülltonne von Bäcker Gröning schnüffelt, flattern Raben und Tauben über den Ku’damm.

    Keine Frage: Rein ästhetisch spielt der 1066. „Tatort“ in der Champions League der deutschen Krimi-Unterhaltung, doch können die toll fotografierten Bilder, die mit kunstvollen Zeitraffern angereicherte Inszenierung und der eigenwillige melancholische Soundtrack nicht über alle Mängel des Drehbuchs hinwegtäuschen. Beide Mordfälle entpuppen sich als ziemlich vorhersehbar und offenbaren zudem dramaturgische Schwächen und konstruierte Handlungsschlenker: Hätte sich Augenzeuge Albert einfach ein wenig früher an seine Beobachtungen bei einem Spaziergang am Ku’damm erinnert, statt bis in den Schlussminuten des Films damit hinterm Berg zu halten, wäre der Fall binnen kürzester Zeit gelöst gewesen. Welche Rolle der trauernde Gröning beim Tod seiner Frau gespielt hat, bleibt zwar lange offen – eine vielsagende Rückblende verrät hier aber schon viel zu früh, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird. Und mit Karows Exkurs in die Firma des IT-Unternehmers Klass Andresen (Frank Leo Schröder) erfüllt die ARD vor allem ihren Bildungsauftrag – der mahnende Zeigefinger im Hinblick auf die Robotisierung unserer Arbeitswelt darf da natürlich nicht fehlen.

    Auch im Polizeipräsidium wirkt manches nicht stimmig: An Karows aufbrausende, ja fast cholerische Art haben wir uns zwar mittlerweile gewöhnt, seine Standpauke gegenüber dem Kollegen Steinke wirkt aber ebenso gekünstelt wie Rubins „Sklavenjobs“ für die junge Kollegin Feil, die im vorletzten Berliner „Tatort: Dein Name sei Harbinger“ schon so viel mehr Verantwortung übernehmen durfte. Mit der kälteresistenten Naturbloggerin Charly (seltsamer Gastauftritt: Stefanie Stappenbeck, bis 2016 auch mehrfach im Hamburger „Tatort“ mit Til Schweiger zu sehen) gibt es dann sogar noch eine komplett überflüssige Figur – warum die Leiche im Wald an einer vielbelaufenen Joggerstrecke ausgerechnet bei einem ihrer Live-Streamings entdeckt werden muss, bleibt vollkommen rätselhaft. Zwar sorgen die obligatorischen Reibereien der Kommissare für so manchen köstlichen Dialog und auch Karows Liebesleben bringt mal wieder einen gelungenen Überraschungsmoment, doch gerade im direkten Vergleich zu Berliner Folgen wie dem starken „Tatort: Amour Fou“ oder dem herausragenden „Tatort: Meta“ fällt der Krimi von Roland Suso Richter („Mogadischu“) dann doch deutlich ab.

    Fazit: Im Berliner „Tatort: Tiere der Großstadt“ kann die tolle Ästhetik die Mängel des Drehbuchs unter dem Strich nicht ganz aufwiegen.
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