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    Yes, God, Yes - Böse Mädchen beichten nicht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Yes, God, Yes - Böse Mädchen beichten nicht

    Der unwiderstehliche Sexappeal von "Titanic"

    Von Sidney Schering
    2014 sorgte die Tragikomödie „Obvious Child“ für großes Aufsehen in der US-Presse: Das Starvehikel für Jenny Slate („Venom“) behandelt das in den Vereinigten Staaten stark tabuisierte Thema Abtreibung mit Herz und Witz – und wurde dafür von der Kritik gefeiert. Die Story zum Film stammt unter anderem von Karen Maine, die zuvor auch schon am gleichnamigen Kurzfilm mitgewirkt hatte.

    Nun wiederholt sich die Geschichte: Erneut wird aus einem von Karen Maine geschriebenen Kurzfilm ein Langfilm, erneut nimmt sich die Autorin mit Leichtigkeit eines Themas an, das dem sogenannten „Bibelgürtel“ der USA Unbehagen bereitet: „Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht“ behandelt das sexuelle Erwachen von Teenagern. Anders als bei „Obvious Child“ sitzt Maine diesmal aber selbst auf dem Regiestuhl und liefert von dort eine auf persönlichen Erfahrungen basierende, knackig-kurzweilige Pubertätskomödie.

    Als brave Katholikin macht Alice ihre ersten sexuellen Erfahrungen eher zufällig - bei einem vermeintlich harmlosen AOL-Chat.


    Alice (Natalia Dyer) wächst zu Beginn der 2000er in einem streng katholischen Haushalt im ländlichen Teil der USA auf. In der Schule wird den Teenager*innen eingetrichtert, dass Sex vor der Ehe eine Sünde sei und unreine Gedanken auf direktem Weg in die Hölle führen. Alice macht sich deshalb Sorgen um ihr Seelenheil. Schließlich hat sie bei der Sexszene aus „Titanic“ gleich drei Mal zurückgespult – und als ihr im Onlinechat ein Mann freizügige Fotos schickt, ist sie plötzlich ganz erregt.

    Trotzdem ist Alice sehr viel braver, als es ihre Mitschüler*innen darstellen – die bringen nämlich eine versaute Lüge über sie in Umlauf. Ein Ausflug in ein Kirchenlager gibt Alice Hoffnung, dass alles wieder ins Lot kommt. Jedoch stehen bei dem Trip nicht nur Gruppenbeichten, Bibelstunden und Gebete auf der Tagesordnung, sondern auch Gerüchte, Geheimnisse und erste sexueller Erfahrungen…

    Ein "Stranger Things"-Star beim Sexting


    Mit 78 Minuten Laufzeit inklusive Abspann ist Karen Maines Langfilm-Regiedebüt etwa sieben Mal so lang wie der gleichnamige Kurzfilm von 2017. Auch darin spielte bereits Natalia Dyer das katholische Schulmädchen, das erstmals seine Sexualität erkundet. Dass der „Stranger Things“-Star in den zwei Jahren zwischen Kurzfilm und Langfilm noch weiter dem High-School-Alter entwachsen ist, erweist sich jedoch allenfalls auf dem Papier als ein Problem: Nicht nur sieht sie mit dem zurückhaltenden Make-up weiterhin glaubwürdig wie ein High-School-Mädchen aus …

    … auch durch Dyers überzeugendes Spiel erwacht Alice glaubhaft zum pubertierenden Leben: In ihrer Mimik sieht man die erzkatholischen Schuldgefühle und ihre lüsterne Neugier regelrecht kollidieren. Ein halb-verbissenes Schmunzeln hier, dort eine zunächst zögerliche, aber dann doch bestimmte Handbewegung, mit der sie das zuvor panisch weggeklickte Nacktfoto auf ihrem PC wieder aufruft – und schon ist ohne ein einziges Wort praktisch alles über diese Figur gesagt.

    Im Christencamp machen nicht nur Bibelsprüche, sondern auch böse Gerüchte die Runde...


    Auf den Schultern von Dyers ebenso unschuldig-süßer wie liebenswert-neugieriger Performance errichtet Maine eine warmherzige, dennoch nuancierte Tonalität: „Yes, God, Yes“ sorgt dafür, dass wir immer mit Alice lachen, statt über sie – das gilt selbst für die Szenen, in denen sie mit ihren großen fragenden Augen nachhakt, was ein gewisser Sexjargon denn genau bedeuten würde, oder beim Cybersex unwissentlich anatomischen Unsinn zusammenschreibt.

    Trotz dieser Seite des Drehbuchs, in der Maine uns mit Alices Unerfahrenheit ohne auch nur einen Hauch von Herablassung mitfühlen lässt, führt die Autorin und Regisseurin zugleich unmissverständlich – und fast schon hörbar seufzend – vor, wo Alices Wissenslücken herstammen. Denn selbst wenn sich manches schlicht durch ihr Alter und den Handlungszeitraum in den frühen 2000ern erklären lässt, so ist Alice zweifelsohne Opfer einer verklemmten Erziehung.

    Ein fettes "Fuck You" in Richtung der Doppelmoral


    Wenn Maine, die hier aus eigenen Erfahrungen aus dem ländlichen Amerika schöpft, minutenlang den „Aufklärungsunterricht“ an Alices Schule zeigt, wird auf schmissige Weise das sozialkritische Element des Films deutlich: Dass in den Sexualkundestunden mehr über Gott als über den Körper gesprochen wird, wobei Frauen mit altmodischen Öfen und Männer mit Mikrowellen verglichen werden, wirkt das für ein aufgeklärtes Publikum dermaßen absurd, dass es im ersten Moment einfach nur urkomisch ist.

    Gleichwohl bleibt ein bitterer Nachgeschmack – nämlich das Wissen, dass so (nicht nur in Teilen der USA) wirklich Sexualkunde unterrichtet wird. Maine zeigt in ihrem Film mit viel Biss auf, welche Doppelmoral die Verantwortlichen an den Tag legen, die ein solches „Bildungs“-System aufrechterhalten – und welche Identitäts- und Sinnkrisen derartige Lektionen in Jugendlichen auszulösen vermögen.

    Aber statt aus „Yes, God, Yes“ deshalb einen trockenen Problemfilm zu machen, nutzt Maine die erzkatholische Weltfremdheit als absonderlich-komische, herausfordernde Stolperschwelle in Alices kurzweilig-sympathischer Reise zu einem selbstbewussten Ich. Konsequenterweise zeichnet Maine auch andere Jugendliche, wie etwa Alices sportlichen Schwarm Chris (Wolfgang Novogratz), als verstrahlte Opfer eines mangelhaften Systems – und eben nicht als tatsächlich einfach nur böse Klischee-Antagonisten.

    Pater Murphy ist der Hohepriester der Doppelmoral - aber selbst ihm lässt Karen Maine seine Menschlichkeit.


    Selbst der Figur des Paters Murphy (Timothy Simons, „Inherent Vice“), dem zweifelsfrei größten Heuchler im Film, gesteht Maine mehr als nur abstoßende Seiten zu: Auf der Handlungsebene lässt die Autorin zwar kein gutes Haar an seinen verlogenen Predigten und kitschig-anbiedernden Gleichnissen. Zugleich lässt Maine Simons jedoch genug mimischen Freiraum, um einen Funken menschlicher Fehlbarkeit und unausgesprochener Reue ins Spiel zu legen. Das mag oberflächlich betrachtet inkonsequent sein – ein Film, der diese ganze Verlogenheit ans Tageslicht zerrt, das Publikum dann aber schmunzelnd und gutgelaunt statt wütend und verzweifelt entlässt?

    Gräbt man jedoch tiefer, so ist „Yes, God, Yes“ sehr wohl konsequent: Die kurze, süffisant-liebevolle Coming-of-Age-Teenie-Komödie ist ganz und gar den Alices dieser Welt gewidmet! Also all den Jugendlichen, die ihre Lust und ihren Körper erkunden müssen, ohne dass ihnen eine brauchbare Anleitung an die Hand gegeben wird. Maine feiert sie mit dieser empathischen-munteren Komödie als Wegbereiter*innen ihrer eigenen, kleinen Welt. Dafür und für ihren „Widerstand“ feiert Maine sie – statt die anderen zu verdammen. Oder um eine leicht angepasste Anti-Kriegs-Floskel zu verwenden: „Make Love (To Yourself), Not (Religious) War!“

    Fazit: In der Teenie-Komödie „Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht“ entlarvt Karen Maine die ganz alltägliche Verlogenheit in der (religiösen) Sexualerziehung - mit einem effizienten Erzähltempo, einer tollen Natalia Dyer und einer ansteckenden Empathie selbst für die Heuchler unter den Figuren.

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