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Leto
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Der Mythos lebt: Die größten Rockstars sterben jung! Jim Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain, Sid Vicious, Marc Bolan, Ian Curtis, Ronny Van Zant – keines dieser begnadeten Talente ist alt geworden. Aber das Phänomen des Im-Rock-‘N‘-Roll-Zirkus-unter-die-Räder-Kommens ist kein rein westliches. Auch zwei der einflussreichsten Sänger der russischen Rockszene der 80er Jahre verstarben früh: Regisseur Kirill Serebrennikov („Der die Zeichen liest“) widmet den Untergrundhelden und Rock-Pionieren Viktor Tsoi und Mike Naumenko mit seinem mitreißenden Musiker-Biopic „Leto“ eine inszenatorisch einfallsreiche und atmosphärisch sensationelle Hommage in berauschenden Schwarz-Weiß-Bildern, angesiedelt in der Sowjetunion kurz bevor mit der Entspannungspolitik der Perestroika eine neue Ära anbrach.

Leningrad, Anfang der 80er Jahre. Mike Naumenko (Roman Bilyk) ist der anerkannte Star und Leader der russischen Rock-und-Blues-Szene. Mit seiner Band Zoopark reißt er die Jugend mit und geht immer gerade so weit, wie es die staatliche Kontrolle erlaubt. Mike ist allerdings sehr viel bodenständiger als man es von einem Rockstar gemeinhin erwartet: Er ist mit Natalia (Irina Starshenbaum) verheiratet, die beiden haben ein kleines Kind. Die Familie ist voll in den Rockzirkus integriert. Als Zoopark und Gefolge eines Tages am Strand feiern, kommt der junge Sänger Viktor Tsoi (Teo Yoo) vorbei und bittet darum, vorsingen zu dürfen. Das ist der Anfang der Freundschaft von Mike und Viktor, der sich als wahres Naturtalent herausstellt. Mike hilft Viktor bei den ersten Schritten seiner Karriere und führt ihn die Szene ein. Dabei wird schnell klar, dass sich Viktor und Mikes Frau Natalia stark zueinander hingezogen fühlen...


Die Geschichte von „Leto“ (das russische Wort für „Sommer“) basiert auf den Erinnerungen von Mike Naumenkos Frau Natalia – schließlich kam Viktor Tsoi bereits 1990 im Alter von nur 28 Jahren bei einem Autounfall ums Leben, während Mike Naumenko nur ein Jahr später mit 36 an einer Hirnblutung verstarb, die er sich bei einem Unfall in seinem Apartment zugezogen hatte. Ihren Werdegang auf die Leinwand zu bringen, war nach der Verhaftung von Regisseur und Putin-Kritiker Kirill Serebrennikov, der im August 2017 wegen angeblicher Veruntreuung von Staatsgeldern unter Hausarrest gestellt wurde, gar nicht so einfach. Trotzdem gelang es Serebrennikov, Anweisungen für Nachdrehs zu geben und den Film fertigzustellen, ohne sich den Haftauflagen zu widersetzen.

Serebrennikovs Interpretation der realen Ereignisse ist nicht unumstritten. So wurde durchaus inhaltliche Kritik von Zeitzeugen aus dem Umfeld von Tsois Band Kino und Naumenkos Zoopark geäußert. Aber ähnlich wie einst Oliver Stone in seinem berauschenden „The Doors“-Kinofilm nimmt sich auch Serebrennikov die nötigen kreative Freiheiten, um einen fiktionalisierten Film zu schaffen, der neben der als roter Faden dienenden Dreiecksgeschichte vor allem das Lebensgefühl einer ganzen Generation einfängt. Und diese künstlerische Verdichtung funktioniert im Fall von „Leto“ ganz hervorragend. Man wird als Zuschauer ohne Chance auf Gegenwehr in diesen Mikrokosmos der russischen Rockszene regelrecht hineingesogen. Dort herrscht neben Rausch aber auch Frustration und es gibt viele Diskussionen. Schließlich wird man durch staatliche Regulierung gezähmt, womit sich die Stars der Szene längst arrangiert haben. Man kooperiert, nutzt die kleinen Freiheiten in seiner Nische und lebt diese aus. Drogen sind zum Beispiel völlig tabu, während der Wodka gerne auch in Mengen fließen darf.

Der Regisseur schafft von Beginn an eine dichte Atmosphäre, die besonders durch die eleganten Schwarz-Weiß-Bilder von Vladislav Opelyants („Die Sonne, die uns täuscht 2: Der Exodus“) geprägt wird. Die erste Begegnung von Viktor Tsoi und Mike Naumenko bei einer relaxten Strandparty ist dann zugleich auch ein emotionaler Erweckungsmoment. Viktor spricht bescheiden und demütig, aber auch absolut cool als Fan vor und sobald er die ersten Töne anstimmt, öffnet sich eine neue Dimension, weil sein Talent einfach unbestreitbar ist. Das hat etwas von einem Castingshow-Moment, wo jemand Unscheinbares auf die Bühne stapft, von dem man als Publikum absolut nichts erwartet, der einen dann aber schlicht umhaut.

„Leto“ ist natürlich von den Stücken der Protagonisten und ihrer Bands Zoopark und Kino durchzogen, ihre Musik oszilliert zwischen Rock, Blues und Singer/Songwriter-Stoff im Stile Bob Dylans. Aber Serebrennikov kontrastiert sie regelmäßig mit westlichen Gassenhauern jener Zeit, die der Filmemacher gern als innovativ-abgehobene Musical-Nummer einstreut. In diesen Momenten lässt er die Handlung quasi stillstehen und schwelgt in spielerischen Details. Wenn die gestressten Passagiere eines vollen Busses plötzlich inbrünstig Iggy Pops „The Passenger“ schmettern, ist das schlicht ein unfassbar mitreißender und optimistischer Musical-Moment – ebenso wie die ähnlich anachronistisch-abgefahrenen musikalischen Intermezzi mit David Bowies „All The Young Dudes“ und The Talking Heads‘ „Psycho Killer“.

Der 80er-Kosmos von Lou Reed („Perfect Day“ darf natürlich auch nicht fehlen), Marc Bolan und Blondie, gemischt mit Bob Dylan und einer Prise Punk hält Einzug in eine zugleich sehr spezifisch russische Geschichte. Damit verweist Serebrennikov nicht nur auf die musikalische Durchlässigkeit des Eisernen Vorhangs (natürlich kannten Naumenko und Co. die westlichen Trends), sondern deutet auch die Brüchigkeit der Erinnerungen an. Zuweilen geht er noch weiter und betont die Unzuverlässigkeit des Erzählten, indem er etwa die vierte Wand durchbricht und einen der Schauspieler ein Schild mit der Aufschrift „Das ist alles gar nicht so passiert“ hochhalten lässt. Dieser wilde, spielerische Mix aus unterschiedlichen Stilen und Erzählansätzen wirkt bisweilen fast chaotisch, steckt aber voller Energie und Frische - und entwickelt dabei eine ganz eigene Kraft.

Roman Bilyk (Sänger der Band Animals) verbreitet bei seinem Kinodebüt als Mike Naumenko eine faszinierende melancholisch-zurückhaltende Aura. Sein Mike ist alles andere als ein impulsiver Rockstar, sondern ein stiller Denker und Grübler. Und so fliegen auch in der sich anbahnenden Dreiecksbeziehung nicht die leidenschaftlichen Fetzen. Stattdessen geht Mike auch an diese Situation mit Vernunft heran und erlaubt seiner Frau Natalie sogar, es mal für eine Nacht mit Viktor zu probieren (wie mit den Zensoren arrangiert er sich auch mit den Gefühlen seiner Frau). Ein ähnliches Understatement findet sich auch in der Performance des in Köln geborenen und aufgewachsenen Teo Yoo („Equals – Euch gehört die Zukunft“), der Viktor Tsoi als coolen, reflektierten Slacker spielt. In einer Szene sagt Viktor, dass er durch die Annäherung an Natalia die Freundschaft mit Mike nicht gefährden will, weil ihm dessen Meinungen zur Musik immer noch sehr wichtig seien – ein bemerkenswerter Moment von gezügelter und unterdrückter Emotion.

Fazit: Trotz der erstaunlich reflektierten Protagonisten ist „Leto“ ein wild pochendes Porträt der sowjetischen Rockszene – inszeniert als ein einziger energiegeladen-atmosphärischer Rausch in fantastischen Schwarz-Weiß-Bildern!
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