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Sibyl
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Sibyl

Die spinnen, die Filmleute

Von Carsten Baumgardt
Der Auftritt hat Eindruck hinterlassen: Wenn Sandra Hüller in „Toni Erdmann“ ihre Whitney-Schnuck-Version von „Greatest Love Of All“ schmettert und damit die komplette emotionale Bandbreite ihrer komplexen Figur in einem Song durchwatet, wurde dieser unvergessliche Filmmoment nicht nur beim Filmfestival in Cannes mit tosendem Szenenapplaus bedacht. Drei Jahre später zählt Hüller 2019 erneut zu den absoluten Highlights im Cannes-Wettbewerb, wenn auch diesmal nur in einer (zentralen) Nebenrolle: Ihr fulminanter Auftritt als resolut-pragmatische Filmregisseurin in „Sibyl“ wertet die ohnehin hochgradig unterhaltsame, verspielt-hysterische Selbstfindungsfarce über eine Psychiaterin, die ungewollt das Zepter an einem chaotischen Filmset schwingt, bevor sie selbst den Verstand verliert, noch einmal merklich auf. Obwohl Regisseurin Justine Triet („Victoria – Männer und andere Missgeschicke“) irgendwann ein wenig die Fäden ihrer temporeichen und überkandidelten Geschichte aus der Hand zu gleiten drohen, bleibt „Sibyl“ eine erfrischend schwarzhumorige Erzählung inklusive einer amüsant-überhöhten Selbstreflexion des Filmgeschäfts.

Die Pariser Psychiaterin Sibyl (Virginie Efira) fasst einen radikalen Entschluss: Sie hängt ihrem lukrativen Job nach zehn Jahren an den Nagel und will stattdessen zum Schreiben zurückkehren und einen Roman verfassen. So ganz kommt sie allerdings nicht von ihren Patienten los. Da ist zum Beispiel die aufstrebende Jung-Schauspielerin Margot (Adèle Exarchopoulos), die beim Dreh ihres neuen Films kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht, weil sie nach einer Affäre mit ihrem Co-Star Igor (Gaspard Ulliel) schwanger ist. Zu allem Überfluss ist ihre fordernde deutsche Regisseurin Mika (Sandra Hüller) auch noch die Freundin von Igor. Sibyl, früher selbst eine rastlose Alkoholikerin, nutzt Margots Probleme zugleich auch als Inspiration für ihr gerade entstehendes Buch. Ihre psychiatrische Arbeit mit der Schauspielerin ist derart überzeugend, dass sie schließlich sogar ans Set auf die italienische Insel Stromboli gebeten wird, um dort dauerheulende Margot irgendwie unter Kontrolle zu bringen. Doch schon bald brechen bei den Dreharbeiten alle Dämme …

Mika (Sandra Hüller, Zweite von rechts) und Sibyl (Virginie Efira, ganz rechts) beim Boot-Dreh auf Stromboli unter Dress.


Unspektakulär geerdete, ausgeglichene Psychologen wie den gutmütigen Geist, den etwa Stellan Skarsgard in „Good Will Hunting“ verkörpert, gibt es selten im Film. Okay, nicht alle drehen so ab wie der von Bill Murray gestalkte Richard Dreyfuss in „Was ist mit Bob?“, aber so ruhig und professionell wie im wahren Leben geht es auf der Leinwand fast nie zu. Aber wo man zu Beginn von „Sibyl“ noch glauben könnte, dass man mit der Titelfigur ja wohl eine „Good Will Hunting“-Psychologin vor der Nase hätte, findet man sich schon kurze Zeit später in einem köstlich-verrückten Psycho-Schwank der Marke „Was ist mit Bob?“ wieder. Dieses kontinuierliche Abdriften von einem vermeintlich ernst-gediegenem Drama zu einer wilden schwarzen Komödie ist vor allem anfangs ein Heidenspaß, wenn die ehemals haltlose Sibyl als gefestigter Anker im tosenden emotionalen Sturm des toxischen Liebesdreiecks Margot, Igor und Mika dient. Sibyls eigene düstere Vergangenheit mit Suff und Chaos flackert zwar in kurzen traumatischen Rückblenden immer mal wieder auf, aber vor allem dient sie dem Zuschauer hier als Eintrittstor in die fantastische Welt des Wahnsinns.

Mit dem Sprung zum amourösen Filmset mit malerischem italienischem Inselflair hebt „Sibyl“ dann endgültig ab – und zumindest zunächst ist das durchaus positiv gemeint: Dafür sorgt allein schon Sandra Hüller („25 km/h“) als ambitionierte Regisseurin Mikaela „Mika“ Sanders, die mit ihrer brutal selbstbewussten („Having a breakdown is a luxury I dont't have right now!”) und abgefuckt-fordernden Art („If we weren't seven weeks into the shoot I would destroy you!”) wie ein Orkan über ihre hilflosen Darsteller und Crewmitglieder hinwegfegt – was sich als überragender Spaß hart am Rand der Karikatur erweist. Dank Hüllers Performance rutscht Mika nicht ins Plump-Lächerliche ab, sondern wirkt knochentrocken-lustig. Was „Sibyl“ runterzieht, ist der anschließende Verlust von Sibyl als Turm in der Brandung, wenn ihre mühsam über die Jahre aufgebaute Fassade einbricht – ausgelöst durch eine irrationale und verheerende Handlung, die eine weitere Kettenreaktion des Irrsinns auslöst. Regisseurin Triet hat das Rad an dieser Stelle überdreht, auch weil die Wandlung von Sibyl auf ihrem Selbstzerstörungstrip zur chaotischen, partycrashenden Säuferin ein Glaubwürdigkeitsproblem mit sich bringt. Mal ganz abgesehen davon, dass das Publikum so plötzlich seine einzige Identifikationsfigur abhandenkommt.

Fazit: „Sibyl“ ist eine schwarzhumorige Tragikomödie mit surrealem Seifenopern-Touch und eine ausgesprochen unterhaltsame Farce des sich apokalyptisch steigernden Irrsinns, den Regisseurin Justine Triet am Ende nicht mehr ganz eingefangen bekommt.

Wir haben „Sibyl“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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