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    Leid und Herrlichkeit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Leid und Herrlichkeit

    Pedro Almódovars etwas andere Autobiografie

    Von Carsten Baumgardt
    Wenn man als einer der berühmtesten Autorenfilmer Europas keine Autobiografie schreiben will, ist es dennoch legitim, mit Ende 60 auf das eigene Leben und Schaffen zurückzublicken. Der spanische Oscarpreisträger Pedro Almódovar (ausgezeichnet für das Drehbuch zu „Sprich mit ihr“) macht dies nun in Form eines autobiografisch geprägten Films – das erscheint sowieso als die logischste Methode für einen Filmverrückten, der unter chronischen Kopfschmerzen leidet und diese nach eigener Aussage am besten unterdrückt, indem er Filme dreht. In seinem melancholischen Drama „Leid und Herrlichkeit“ gibt Almódovar nicht nur viel von sich Preis, sondern beackert auch unermüdlich seine Kernthemen wie das (homo)sexuelle Erwachen, den strengen Katholizismus seiner Kindheit, die ikonische Mutterfigur und das Leben im Kosmos Madrid. „Leid und Herrlichkeit“ ist eine kluge Selbstreflexion, die sich zu Anfang distanziert anfühlt, aber mit jeder Leinwandminute intimer und intensiver wird, bis sich zum Schluss ein klares Bild dieses alternden Filmregisseurs Salvador Mallo herauskristallisiert, das dann trotz des kühlen Auftakts irgendwann doch sehr zu Herzen geht.

    Madrid: Salvador Mallo (Antonio Banderas) ist der berühmteste Auteur Spaniens und doch kann der begnadete Regisseur und Autor derzeit ans Arbeiten nicht einmal denken. Eine tiefe Depression hemmt ihn. Erst eine Wiederaufführung seines frisch restaurierten 32 Jahre alten Klassikers „Sabor“ sorgt bei Salvador zumindest für etwas Schwung. Er will sich wieder in die Öffentlichkeit wagen und den Film im Rahmen einer Retrospektive selbst präsentieren – zusammen mit seinem Hauptdarsteller Alberto Crespo (Asier Etxeandia). Die beiden haben sich damals beim Dreh heillos verkracht und seit Jahren nicht mehr miteinander geredet. Auch Alberto ist aus dem Geschäft, brennt aber darauf, wieder einzusteigen. Seine Heroinsucht, die einst zum Streit führte, hat er so weit unter Kontrolle, dass er arbeiten könnte. Als er seinem Gast Salvador bei dessen Besuch die harte Droge anbietet, nimmt der zunächst aus Neugierde an – und hört so schnell nicht wieder damit auf. Erst eine Begegnung mit seinem ehemaligen Geliebten Federico (Leonardo Sbaraglia), den er nach langer Zeit zum ersten Mal wiedersieht, verändert noch einmal alles…

    An der Frisur erkennt man es: Antonio Banderas spielt Salvador Mallo, der auch Pedro Almódovar heißen könnte.


    Im Alter von 60 das erste Mal aus purem Spaß Heroin zu nehmen, ist wahrscheinlich eine der dümmsten Ideen der Menschheitsgeschichte. Das macht den Zugang des Publikums zur Hauptfigur zu Beginn des Films sicherlich nicht leichter. Auch wenn „Leid und Herrlichkeit“ autobiografische Züge trägt, ist dieser Salvator Mallo keine Eins-zu-Eins-Kopie von Pedro Almódovar. Antonio Banderas („Die Haut, in der ich wohne“) imitiert sein Vorbild und dessen Manierismen in seiner brillanten Performance nicht, vielmehr ist seine Figur nur mit Versatzstücken des bewegten Lebens Almódovar aufgefüllt. Wer will, kann dem Filmemacher bei dieser Rückschau auch ein bisschen Selbstverliebtheit unterstellen, schließlich ist „Leid und Herrlichkeit“ von Almódovars Stammkameramann José Luis Alcaine fast unverschämt betörend gefilmt, die Farben sind satt und die Kontraste strahlen. Man kann sich an diesen umwerfend komponierten Bildern kaum sattsehen.

    Die zentrale Erzählebene von „Leid und Herrlichkeit“ spielt in der Gegenwart in Madrid, dem Zentrum des kreativen Schaffens und ewiger Fixpunkt im Leben von Almódovar. Und eben der Ort, wo Salvador mit dem Alter und den Schmerzen zu kämpfen hat. Das zeigt sich manchmal ganz beiläufig in fein beobachteten, präzisen Gesten, wenn der Filmemacher zum Beispiel ein Kissen beim Hinknien auf den Boden braucht oder schlicht einen Schuhanzieher benutzt. Zugleich verfestigt sich das Charakterporträt in vier Episoden, die Begegnungen mit alten Weggefährten zeigen und von denen zwei auch direkt in der Vergangenheit spielen.

    Der Almódovar-Dreiklang: Mütter, Katholiken, Sex


    Da blickt Salvadors dann auf seine einfache, aber glücklich-behütete Kindheit in der Provinz von Paterna zurück, wo besonders seine über alles geliebte Mutter Jacinta (Penélope Cruz) als Orientierungspunkt fungiert. Mit Bildung soll es der hochintelligente Junge aus der Armut herausschaffen. Aber statt eine klischeehafte Aufstiegsgeschichte zu erzählen, nutzt Almódovar diesen Abstecher, um einmal mehr seinen Lieblingsmotiven der verehrten Mutter, dem allgegenwärtigen Katholizismus und den ersten keimenden Knospen der Sexualität zu huldigen. Auch wenn rund 50 Jahre zwischen den Zeitebenen liegen, kann man nach und nach Verbindungen herstellen. Ein sehr befriedigendes Gefühl, zumal man sich so auch näher an die ebenso komplexe wie ambivalentee Hauptfigur heranarbeiten kann.

    In einer der schönsten Szenen des Films findet Salvador in einer kleinen Galerie durch Zufall eine farbige Zeichnung, die ihn als Zehnjährigen beim Lesen eines Buchs zeigt. Das Kunstwerk hat damals sein analphabetischer Nachbar Eduardo (Cesar Vicente) angefertigt, dem Salvador Lesen und Schreiben beigebracht hat. Der junge Mann war es auch, der in dem jungen Salvador die ersten sexuellen Gefühle wachgerufen hat. Das inszeniert Almódovar als höchst ästhetischen und doch unschuldigen Akt, wenn Salvador den muskulösen Körper des Arbeiters scheu begutachtet, wenn dieser nach erledigtem Tagwerk ein Bad nimmt. So entdeckt Salvador das erste Mal seinen Gefallen an der Männlichkeit.

    Almódovar-Muse Penélope Cruz mimt für ihn die alles über strahlende Mutterfigur.


    Auf diese Weise verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit emotional zu einer Einheit, das Puzzle um Salvadors Charakter setzt sich mehr und mehr zusammen. Je länger der Film dauert, desto mehr Empathie empfindet man für diesen strauchelnden Star, der wieder auf die Beine kommen will. Er hat seine Marotten, ein bisschen Paranoia, pflegt seinen Reichtum und ist gelegentlich arrogant. Aber Salvador versinkt nicht in Selbstmitleid, sondern ist sich seiner schlechten Konstitution, deren wahrer Zustand sich erst nach und nach enthüllt, nur zu gut bewusst. Und dennoch ist es die Begegnung mit einer alten Liebe, die Salvador moralisch reaktiviert – ein beglückender Wendepunkt für den gnadenlosen Melancholiker Salvador. Das strahlt einen Optimismus aus, den man nicht nur in der ersten Hälfte des Films, sondern allgemein im neueren Werk von Almódovar vermisst hat.

    Fazit: „Leid und Herrlichkeit“ ist Pedro Almódovars reifstes Werk seit „Volver“ und sein persönlichster Film überhaupt – eine tief melancholische, manchmal ambivalente, aber letztlich doch zu Herzen gehende Selbstreflexion eines großen Regisseurs, der den Glauben an die Menschen trotz aller Schmerzen und Rückschläge niemals verloren gibt.

    Wir haben „Leid und Herrlichkeit“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo der Film im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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