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    Adam und Evelyn
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Adam und Evelyn

    Minimalistische Tragikomödie

    Von Lars-Christian Daniels
    Auf in den Westen! Das dachte im Sommer 1989 gleich eine ganze Generation an DDR-Bürgern, die nach der Öffnung der Grenzen nicht länger im Sozialismus leben, sondern ihre Chance im kapitalistischen Westdeutschland suchen wollte. Auch der in Ost-Berlin geborene Regisseur und Produzent Andreas Goldstein („Reine Männersache“) stammt aus der Generation, für die sich nach dem Ende ihrer Jugend mit der „Wende“ alles verändert hat – und so kommt es vielleicht nicht von ungefähr, dass sich der Filmemacher für sein Langfilmdebüt, das bereits auf den renommierten Filmfestivals in Zürich und Venedig lief, Ingo Schulzes Wenderoman „Adam und Evelyn“ ausgesucht hat. Dessen Geschichte spielt nämlich in jenem geschichtsträchtigen Sommer, doch richtet sich der Blick der Protagonisten aus der DDR zunächst nach Osten: Nach einer Reise von Brandenburg nach Ungarn, das 1989 plötzlich die Grenzzäune zu Österreich öffnet, ist für fünf junge Erwachsene von heute auf morgen nichts mehr wie zuvor. Auf ganzer Strecke überzeugen tut Goldsteins Film allerdings nicht: Seine Adaption des Romans ist zwar ansprechend fotografiert und überzeugend gespielt, vermag aber auch aufgrund der spröden Inszenierung nur selten wirklich mitzureißen.

    Brandenburg, im Sommer 1989: Kurz vor der Wende ist der junge Schneidermeister Lutz (Florian Teichtmeister), den alle nur „Adam“ nennen, mit sich und der Welt im Reinen. Seine Geschäfte laufen gut und die Damen der Region stehen Schlange, um ihre Garderobe bei ihm anfertigen zu lassen. So auch die deutlich ältere Gisela (Susanne Bredehöft), die ihm Avancen macht und Adam damit in eine prekäre Lage bringt: Seine Freundin Evelyn (Anne Kanis) beobachtet die Annäherung und trennt sich kurzerhand von ihm. Gemeinsam mit ihrer Freundin Mone (Christin Alexandrow) und deren Hamburger Liebhaber Michael (Milian Zerzawy) fährt Evelyn an den Balaton. Adam, der sich nicht mit der Trennung abfinden will, reist spontan hinterher und nimmt unterwegs die junge Tramperin Katja (Lena Lauzemis) mit, die auf der Flucht aus der DDR durch die Donau geschwommen ist und dabei ihr Hab und Gut verloren hat. Während die fünf jungen Erwachsenen ihre Beziehungen überdenken und vor einer ungewissen Zukunft stehen, überschlagen sich in Europa die Ereignisse: Ungarn öffnet die Grenze zu Österreich und der Weg in den Westen ist frei…


    Dass „Adam und Evelyn“, die beiden titelgebenden Hauptfiguren in dieser ostalgiefreien Tragikomödie, so ähnlich heißen wie Adam und Eva aus dem Alten Testament, kommt nicht von ungefähr: Sowohl der Sündenfall als auch die anschließende Vertreibung aus dem Paradies, die bei einer „Vorlesestunde“ auf einem Hotelbett für einen kurzen Moment direkten Einzug in die Dialoge hält, sind als biblische Metaphern für den zentralen Konflikt der Geschichte zu verstehen. Adam erwidert einleitend Giselas Annäherungsversuche und muss seinen traumhaft großen Garten wohl oder übel verlassen, wenn er Evelyn zurückerobern will – er gibt sein kleines Paradies in der Brandenburger Pampa auf, in dem sich seine Freundin offenbar nie so wohl gefühlt hat wie er selbst. Während der Damenschneider im sozialistischen System seine persönliche Freiheit gefunden hat, träumt Evelyn vom Studium der Kunstgeschichte oder zumindest von einem eigenen Café: Beides ist ihr in der DDR nicht möglich.

    Für die Einbettung der Romanadaption in den historischen Kontext wählt Regisseur Andreas Goldstein, der das Drehbuch gemeinsam mit Kamerafrau und Cutterin Jakobine Motz („Freedom Bus“) geschrieben hat, einen pragmatischen Ansatz: Adam & Co. hören vor der Abreise, im Auto und am Balaton einfach die Radionachrichten, in denen die wichtigsten Ereignisse aus dem Sommer 1989 skizziert werden. Schon zu Beginn des Films bleibt die Leinwand eine gefühlte Ewigkeit schwarz, während sich im Off der Untergang der DDR ankündigt. Konkret reflektiert werden die Ereignisse von den Protagonisten aber selten, so dass „Adam und Evelyn“ ein weniger politischer Film ist, als man zunächst meinen sollte: Irgendwo zwischen sommerlichem Roadmovie, sprödem Beziehungsdrama und heiterer Wendekomödie verortet, rückt Goldstein die Gefühlswelten seiner Hauptfiguren in den Fokus und arbeitet dabei gekonnt die Orientierungslosigkeit heraus, die aus der plötzlich greifbaren Zukunft im kapitalistischen Westen und den Trümmern der eigenen Beziehungen erwächst.

    Diese Orientierungslosigkeit überträgt sich aber bisweilen auch auf den Zuschauer, der seine Gedanken ein ums andere Mal neu sortieren muss: Wichtige Wendungen und folgenreiche Konflikte wie Evelyns aufkeimende Gefühle für Michael oder die vorzeitige Heimkehr einer Mitreisenden werden in den Dialogen zwar oft angerissen, aber nicht auserzählt, sondern im Raum stehen gelassen. Durch die zahlreichen Zeitsprünge entsteht ein gewisses erzählerisches Vakuum, das der Zuschauer für sich selbst füllen muss – „Adam und Evelyn“ ist einer dieser Filme, bei dem viel unausgesprochen bleibt und Entscheidendes zwischen den Zeilen durchklingt. Die Inszenierung gestaltet sich minimalistisch und Filmmusik gibt es erst gar keine. Stimmung und Emotionen müssen sich ohne künstliche Verstärkung allein aus den Figuren heraus entwickeln – ein mutiger Ansatz, aber vor allem in der ersten Filmhälfte auch oft eine ziemlich zähe Angelegenheit.

    Seine stärksten Momente hat der dialoglastige und auffallend nüchtern arrangierte Film dann, wenn die sommerliche Melancholie mit staubtrockenem Humor aufgebrochen wird und wir nach Herzenslust mit den Protagonisten lachen dürfen – etwa dann, wenn sich die ungarischen Grenzbeamten mehr für den Motor von Adams himmelblauem Wartburg als für den brisanten Inhalt des Kofferraums interessieren, Evelyn einen misstrauischen westdeutschen Beamten (Bernhard Schütz) mit ihrem (w)irren Reisebericht zum Staunen bringt oder Adam in einer erzkonservativen österreichischen Pension die obligatorische Bibel im Nachtschrank entdeckt („Das sowas hier einfach rumliegt…“). Eine echte Komödie ist Andreas Goldsteins Langfilmdebüt aber nicht, denn spätestens auf der Zielgeraden wird es wieder ernst: Wenn Adam und Evelyn am Fenster stehen und hinaus in die Welt nach dem Mauerfall blicken, wird auch ohne Worte deutlich, wie weit sich die beiden voneinander entfernt haben.

    Fazit: Andreas Goldsteins „Adam und Evelyn“ ist eine minimalistisch inszenierte und durchaus unterhaltsame, unterm Strich aber auch etwas langatmige Tragikomödie über junge Erwachsene in den Zeiten der Wende.

    Wir haben „Adam und Evelyn“ beim 67. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg gesehen, wo der Film in der Sektion „International Newcomer Discoveries“ gezeigt wird.
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    Kommentare

    • Larry Lapinsky
      Im Zenit der Dynamik von 1989 sitzen die Protagonisten beieinander wie im Auge eines Sturms. An sich ein interessantes Szenario. Doch Ingo Schulze ist schon seit Simple Stories dafür bekannt, über Banalitäten nicht hinauszukommen. Die filmische Umsetzung dessen macht es noch schlimmer: Im bleiern langweiligen Stillstandsmodus sinniert der Hauptdarsteller gefühlte Minuten lang vor sich hin wie Männer, die auf Ziegen starren, während man im Hintergrund die Stille knistern hört. Gähn! Was in seinem Kopf vorgeht, vermittelt sich leider nicht. Vielleicht ist es ja diese berühmte Ossie-Befindlichkeit, die ein Besserwessie wie ich laut Aussage selbiger sowieso niemals nachvollziehen wird können. Dieser Film hat mir jedenfalls dabei auch nicht viel weitergeholfen ... 2 Sterne.
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