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    The Gentlemen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Gentlemen

    Ein waschechtes Guy-Ritchie-Original

    Von Daniel Fabian
    Mit seinen ersten beiden Langfilmen „Bube, Dame, König, grAs“ und „Snatch – Schweine und Diamanten“ etablierte Guy Ritchie um die Jahrtausendwende praktisch sein eigenes Genre: die britische Gangster-Komödie, in der sich verschrobene Kriminelle mit bizarren Namen messerscharfe Wortgefechte liefern (auch wenn man nicht immer genau versteht, was einige von ihnen da so vor sich hin nuscheln). Das ist ebenso frech wie elegant – und Ritchie ist dank solcher Stilmittel längst sowas wie seine eigene Marke (quasi die britische Antwort auf Quentin Tarantino).

    Und trotzdem: Seit mehr als einem Jahrzehnt hat Ritchie kein solches Original mehr abgeliefert, sondern sich stattdessen ausschließlich mit altbekannten Stoffen beschäftigt: Nach den „Sherlock Holmes“-Filmen mit Robert Downey Jr., „King Arthur: Legend Of The Sword“ und dem „Aladdin“-Remake wendet er sich mit „The Gentlemen“ wieder seinem angestammten Gangster-Milieu zu, was vor allem Ritchie-Fans der ersten Stunde freuen dürfte. Denn es geht zurück zu seinen Wurzeln – und zwar mit allem was dazugehört.

    Gewohnt gut: Oscargewinner Matthew McConaughey.


    Drogenbaron Mickey Pearson (Matthew McConaughey) hat sich mit dem Anbau und Verkauf von Marihuana ein Geschäftsimperium aufgebaut, das er nun abtreten will. Gemeinsam mit seiner Frau Rosalind (Michelle Dockery), die ihr eigenes Geschäft am Laufen hat, will er sich aus dem Rauschgifthandel zurückziehen, um endlich ein bequemes Leben in der Londoner Oberschicht zu führen.

    Damit es dazu kommen kann, muss Mickeys rechte Hand Ray (Charlie Hunnam) aber erst einmal einen geeigneten Käufer finden – und das ist gar nicht mal so einfach. Neben dem stinkreichen Matthew Berger (Jeremy Strong) haben nämlich auch Triaden-Boss Lord George (Tom Wu) sowie der völlig durchgedrehte Dry Eye (Henry Golding) ein Auge auf Mickeys Vermächtnis geworfen. Und dann ist da noch der ominöse Schmierblatt-Schnüffler Fletcher (Hugh Grant), der offenbar seine ganz eigenen Interessen verfolgt...

    Ritchie Is Back!


    Wer sich nach seinen Blockbuster-Ausflügen und schließlich seinem ersten Milliarden-Hit „Aladdin“ gefragt hat, ob wir von ihm überhaupt jemals wieder einen klassischen Ritchie-Film zu sehen kriegen werden (und ob er seine Paradedisziplin überhaupt noch beherrscht), darf diese Skepsis mehr als 20 Jahre nach seinem kultigen Erstlingswerk beruhigt beiseitelegen: „The Gentlemen“ ist ein klassischer und höchst unterhaltsamer Ritchie, der nicht nur abwechslungsreich und mit etlichen Kniffen inszeniert ist, sondern vor allem auch mit höchst originellen, teils clever gegen den Strich besetzten Figuren punktet. Bei solchen starken Charakteren ist es kein Wunder, dass das namhafte Darstellerensemble durch die Bank zur Höchstform aufläuft.

    Nur echt im Jogginganzug: Colin Farrell und seine Crew.


    Vor allem in seinen frühen Tagen wurde Guy Ritchie immer wieder mit Quentin Tarantino verglichen, dessen ersten Filme sich ebenfalls mit dem „Alltag“ von Verbrechern beschäftigten und dabei mit schneidigen Dialogen begeisterten. Tatsächlich lag der Vergleich aber wohl nie näher als jetzt: Nicht nur strotzt der Soundtrack vor kultigen Songs, die einzelne Sequenzen mal unglaublich cool und mal herrlich skurril machen („Old McDonald Had A Farm“ wird man nach dem Film auf ewig mit anderen Augen sehen). Es finden sich auch zahlreiche Filmreferenzen in dem Drogen-Krimi, die von Klassikern wie „Der Dialog“ bis hin zu Ritchies „Codename U.N.C.L.E.“ reichen.

    Dazu kommen augenzwinkernde Meta-Spielereien – so soll in „The Gentlemen“ etwa das Leben des Protagonisten Mickey Pearson als Kinofilm umgesetzt werden. Tarantino-Fans dürften sich bei den „six baby bullets“, die Mickey von seinem potenziellen Käufer geschenkt bekommt, zudem an die „sechs kleinen Freunde“ erinnert fühlen, mit denen der Regisseur in „From Dusk Till Dawn“ seinen Geiseln droht. Allerspätestens bei einer Kofferraum-Aufnahme denken Tarantino-Kenner aber zweifellos sofort an den berüchtigten „trunk shot“, den das „Pulp Fiction“-Mastermind schon immer in seinen Filmen wieder und wieder gerne einsetzt.

    Hugh Grant, wie man ihn noch nie gesehen hat


    Dass sich „The Gentlemen“ nichtsdestotrotz durch und durch wie ein Guy-Ritchie-Original anfühlt, liegt schlicht an der Liebe zum Detail, mit der er seinen unverkennbar-ulkigen Figuren Leben einhaucht. Das beginnt bereits bei dem Casting-Coup, den vorwiegend aus romantischen Komödien bekannten Hugh Grant als schmuddeligen Privatschnüffler mit Lederjacke und Bart zu besetzen, der praktisch jede Szene an sich reißt, indem er sich unnachgiebig an Charlie Hunnams Ray ranschmeißt. Während Matthew McConaughey als Gangsterboss/Geschäftsmann fast schon standesgemäß brilliert, stimmt auch bei den Nebenfiguren jedes noch so kleine Detail.

    So braucht es etwa keinerlei Worte, wenn „Downton Abbey“-Star Michelle Dockery als Pearsons Frau aus einem bis zum Gehtnichtmehr aufgemotzten BMW in Flip-Flop-Lackierung steigt und ihre Werkstatt nichtsdestotrotz im eleganten Aufzug einer erfolgreichen Unternehmerin betritt. Überhaupt schafft es Ritchie scheinbar spielerisch, Figuren aus völlig verschiedenen Welten aufeinanderprallen zu lassen, die nichts gemeinsam haben außer eine Affinität für inflationären Schimpfwortgebrauch: Leute von Welt und Gangster-Kiddies, Jackett-Träger und Trainingsanzug-Enthusiasten.

    Grandios in einer mal ganz anderen Rolle: Hugh Grant als Klatschblatt-Schnüffler.


    Da „The Gentlemen“ im Kern lediglich eine klassische Geschichte auf verschachtelte Weise erzählt ist, steht und fällt alles mit den Figuren, deren äußerliche Accessoires, schrullige Akzente und trockene Sprüche eben weit mehr sind als nur ein Mittel, um sie voneinander unterscheiden zu können. Der eine ist ein Prolet im Jogger, der nuschelt, dass man ihn kaum versteht, und der andere nutzt eine Schusswaffe aus 24 Karat Gold als Briefbeschwerer – und dennoch nimmt man ihnen ab, dass sich die beiden von Berufswegen tatsächlich mal über den Weg laufen könnten. Und am Ende lernt man von ihnen sogar noch Lektionen fürs Leben – etwa, dass einen nie der Sturz aus dem Fenster, sondern letztlich doch immer nur die Schwerkraft tötet.

    Fazit: Der oft kopierte und nie erreichte Guy Ritchie beweist mit „The Gentlemen“, dass eben keiner bessere Guy-Ritchie-Filme macht als er selbst. Skurril, frech und elegant – ein Genre-Highlight mit hervorragend gelauntem Star-Ensemble und ein schwarzhumoriges Fest für Gangsterfilm-Fans, das vor allem im englischen Original jede Menge Spaß macht.

     

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