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    Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

    Ein surrealer… ja, was eigentlich?

    Von Christoph Petersen
    Aritz Morenos „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“, der seine Weltpremiere im Oktober 2019 auf dem renommierten Genrefilmfestival in Sitges feierte, beginnt mit einem Mann, der in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird, nachdem ihn seine Frau dabei antraf, wie er in einem apathischen Zustand seine eigene Scheiße betrachtete. So weit, so normal – denn im weiteren Verlauf dieses surreal-verschachtelten Leinwandtrips wird`s erst richtig verrückt.

    Wenn man nun versucht, den Film etwas konkreter einzugrenzen, dann fallen einem sofort eine Handvoll Regisseure ein, die man sicherlich als „Brüder im Geiste“ anführen könnte. Allen voran etwa Jean-Pierre Jeunet („Delicatessen“) oder Terry Gilliam („The Zero Theorem“). Aber am Ende bleibt der Film doch ein ganz eigenes Biest: Aritz Moreno steigt in seinem Debüt, eine Adaption des 2011 erschienenen Romans „The Advantages Of Travelling By Train“ von Antonio Orejudo Utrilla, ganz tief hinab in die Abgründe des Geschichtenerzählens – und zwar nur, um seinem Publikum selbst ganz dort unten noch den Teppich unter den Füßen wegzuziehen.

    Martín Urales de Úbeda (Luis Tosar) hat eine unglaubliche Angst vor Müllmännern.


    Nachdem sie ihren Scheiße anstarrenden Ehemann in der Psychiatrie abgeliefert hat, macht sich Helga Pato (Pilar Castro) mit dem Zug auf den Heimweg. Ihr gegenüber nimmt der adrett gekleidete Ángel Sanagustín (Ernesto Alterio) Platz, der sich ihr als Professor aus eben jener Klinik vorstellt. Mit der Schweigepflicht scheint es der Psychiater allerdings nicht allzu genau zu nehmen, denn er fängt direkt damit an, Helga die Geschichte eines seiner verrücktesten Patienten zu erzählen:

    Martín Urales de Úbeda (Luis Tosar) leidet an einer paranoiden Schizophrenie – und hat eine vollkommen übersteigerte Angst vor Müllmännern. Seiner Meinung nach steckt hinter der ganzen Müllabfuhr ein riesiger staatlicher Überwachungsapparat, für den Tausende Wissenschaftler die Abfallsäcke der Bewohner feinsäuberlich analysieren. Immerhin trennt in Spanien niemand seinen Müll – denn zu einfach sollte man es dem Überwachungsstaat schließlich auch nicht machen! Ach ja, Snuff-Movies mit Kinderopfern und eine diabolische Verschwörung, die selbst den koksschniefenden, rumhurenden UN-Abgesandten im Kosovo über den Kopf steigt, spielen ebenfalls eine zentrale Rolle…

    Eine verfilmte Matroschka


    Die Geschichte des müllmannfürchtenden Martín Urales de Úbeda erinnert an russische Matroschkas, bei denen man eine Holzpuppe öffnet, um darin immer noch eine weitere, aber etwas kleinere Figur vorzufinden. Nur dass es hier eben nicht um ein physisches Holzspielzeug, sondern eine abstrakte Erzählung geht: Der Psychiater im Zug erzählt seiner Sitznachbarin, was er von der Schwester seines Patienten gehört hat. Die wiederum berichtet, was ihr Bruder ihr erzählt hat, der Teile seiner Geschichte von einer Kinderärztin (Stéphanie Magnin) gestanden bekommt, die sich wiederum auf die Warnungen eines UN-Beamten (Javier Godino) beruft. Und gerade, wenn man glaubt, das erzählerische Konstrukt durchschaut zu haben, schlägt der Film plötzlich eine ganz andere Richtung ein…

    Man mag dem Film deshalb vielleicht an manchen Stellen vorwerfen können, dass als nächstes halt „irgendetwas“ passiert. Aber zum einen ist das meiste davon auf eine verquere Art ziemlich unterhaltsam – und zum anderen sollte man auf keinen Fall den Fehler machen, das surreale Treiben einfach so über sich hinwegrauschen zu lassen. Denn dann könnte es leicht passieren, dass man vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt wird: Die Erzählung über Martin ist ja nur die erste von mehreren Episoden – und nachdem man in Kapitel 1 mit dem Snuff-Film-Kinderhändlerring schon mal einen ersten Eindruck davon bekommen hat, an was sich der Film so heranwagt, gibt es bei der Geschichte eines Kioskbesitzers, der seine Frau immer mehr zu einem Hund umerzieht, eine ganze Reihe von Momenten, die echt, echt ungemütlich sind.

    Emilio (Quim Gutiérrez) liebt Hunde - und zwar mehr, als es gesund ist...


    Die Hundeerziehung, die wie so vieles in diesem Film noch fünf Schritte weitergeht, als man es vorab für möglich (oder eines Unterhaltungsfilms angemessen) gehalten hätte, ist die klar stärkste Episode des Films. Andere Abschnitte fallen hingegen durchaus auch merklich gegenüber dem Rest ab: So etwa die Geschichte eines Mannes mit Körperbehinderung, der dank eines neuartigen Stützkorsetts doch noch das Laufen lernt und sich bei einer Reise nach Paris in eine Frau mit unterschiedlich langen Beinen verliebt – die Erzählung nimmt kurz vor dem Finale noch mal unnötig das Tempo raus und ist zudem arg auf die finale Die-Gefahren-von-Pornos-Pointe ausgerichtet. Dem herrlich bösen Vergnügen, das man mit „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ fraglos haben kann, solange man nur kein allzu zartes Gemüt hat, tut das aber keinen anhaltenden Abbruch.

    Fazit: Voll mit schwärzestem Humor, abgründig-skurrilen Einfällen und absolut nicht ausrechenbar – selbst wenn nicht alle Episoden dieselbe Qualität haben, erweist sich „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ als surrealer Kinotrip, von dem man sich im Anschluss erst einmal erholen muss. Zum Beispiel bei einer entspannten Fahrt mit der Bahn.

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    Kommentare

    • Tobias
      Hallo Christoph. Im Fazit findet sich ebenfalls noch ein Zeitreisender.
    • Christoph Petersen
      Wer weiß, wer weiß - trotzdem habe ich den Fehler mal ausgebessert...
    • OldMacMario
      Ist es jetzt nur ein Zugreisender oder, wie der erste Absatz der Kritik behauptet, auch ein Zeitreisender? :DInteressant klingt der Film jedenfalls allemal, auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass er mehr als einmal in bloße Effekthascherei kippen dürfte...
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