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    Tatort: Maleficius
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Tatort: Maleficius

    Sci-Fi-Krimi mit "Fast & Furious"-Abstecher

    Von Lars-Christian Daniels
    Stolze 13 Jahre spielte Sebastian Bezzel im „Tatort“ vom Bodensee den Hauptkommissar Kai Perlmann. 2004 vom SWR als arroganter Yuppie mit Anzug und Sonnenbrille in die Krimireihe eingeführt, entwickelte sich der Partner der Konstanzer Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) über die Jahre zu einem geerdeten und beim Publikum immer beliebteren TV-Ermittler, ehe Bezzel den „Tatort“ 2017 verließ (Krimifans aber dafür in den immens erfolgreichen Eberhofer-Kinofilmen erhalten bleibt). Nun gibt es nach seinem Abschied im „Tatort: Wofür es sich zu leben lohnt“ ein Wiedersehen in Ludwigshafen: In Tom Bohns „Tatort: Maleficius“ mimt der Schauspieler einen renommierten Mediziner, der es mit seinen Hirnforschungen übertreibt und so ins Visier der Polizei gerät. Das Ergebnis ist einer der schwächsten Sonntagskrimis der letzten Monate: Bohns Sci-Fi-„Tatort“ leidet zwar weniger unter seiner futuristischen Geschichte, die es bei vielen Stammzuschauern trotzdem schwer haben wird, als vielmehr unter der steifen Inszenierung, platten Figuren und Dialogen, die zum Einfallslosesten zählen, was man heutzutage noch in der öffentlich-rechtlichen Erfolgsreihe zu sehen bekommt.

    Die Ludwigshafener Hauptkommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) stehen vor einem Rätsel: Am Ufer des Rheins steht ein leerer Rollstuhl – sein Besitzer, der querschnittsgelähmte Lukas Pirchner (Igor Tjumenzev), ist wie vom Erdboden verschwunden. Hat sich der junge Mann das Leben genommen oder handelt es sich um ein Verbrechen? Odenthal und Stern, die bei ihren Recherchen von Rechtsmediziner Peter Becker (Peter Espeloer) unterstützt werden, recherchieren Pirchners Krankengeschichte und stoßen dabei auf eine Klinik, in der Patienten mit Hilfe von Gehirnstimulation ihre Bewegungsfähigkeit zurückgewinnen sollen. Der selbstbewusste Chefarzt Prof. Bordauer (Sebastian Bezzel), der mit seiner Hirnforschung schon für den Nobelpreis in Erwägung gezogen wurde, gibt sich allerdings ahnungslos – und auch von Pfarrer Ellig (Heinz Hoenig), der in der Klinik arbeitet und Bordauers Eingriffe kritisch sieht, erfahren Odenthal und Stern wenig Hilfreiches. Dann schwimmt plötzlich eine Leiche im Rhein: Es handelt sich um die Assistenzärztin Dr. Marie Anzell (Jana Voosen), die eng mit Bordauer zusammengearbeitet hat …

    Hirnforschung statt Leberkässemmel: Sebastian Bezzel bei seinem „Tatort“-Comeback.


    Es ist eine bezeichnende Szene: Lena Odenthal, die gerade vom Fundort der ersten Leiche zurückgekehrt ist und im Präsidium Dampf abgelassen hat, wendet sich in ihrem Büro von ihrer Partnerin Johanna Stern ab und wird nachdenklich: „Wie absurd ist das denn?“, beginnt sie ihren halbminütigen Monolog, um dann all das zusammenzufassen, was der Zuschauer in den vergangenen Minuten schon längst erzählt bekommen hat – nur eben nicht von der Kommissarin. Aus dem erzählerischen Erfolgsprinzip „Show, don’t tell“ wird im Krimi aus der Pfalz mal wieder das deutlich weniger effiziente „Show and tell“. Das mag weniger aufmerksamen Zuschauern zwar als Gedankenstütze dienen, wirkt beim Blick auf andere „Tatort“-Städte, in denen deutlich moderner und variabler erzählt wird, aber wie aus der Zeit gefallen. Für die Dialoge gilt über weite Strecken dasselbe: Odenthal, Stern & Co. fahren in den ersten zwei Dritteln des Krimis wie auf Autopilot – da muss man schon fast dankbar dafür sein, dass die SWR-Redaktion inzwischen zumindest das nervtötende Tablet-Gefuchtel der alleinerziehenden Stern und das Dauergezicke der weiblichen Alphatiere im Präsidium aus den Drehbüchern hat verbannen lassen.

    "Tatort" macht auf "Fast & Furious"


    Auch die steife Inszenierung, das statische Spiel der Komparsen und die mit aufgesetzten Onelinern gestraften Kleindarsteller machen den 1102. „Tatort“ zu einer sehr unnatürlichen Angelegenheit – hinzu kommen klischeebeladene Figuren, die stets genau das tun, was man von ihnen erwarten würde. Während Sebastian Bezzel als Cola-trinkender Hirnforscher im Schlabberlook zumindest optisch den Gegenentwurf zum eitlen Vorzeigemediziner verkörpert, ist Oberstaatsanwalt Fritz Marquardt (Max Tidof) der Prototyp des arroganten Juristen, den es in der Krimireihe schon viel zu oft zu sehen gab. Und dann sind da noch die schweren Jungs, die in der Werkstatt des (natürlich schmierigen) Autohändlers Ali Kaymaz (Gregor Bloéb) und seines hünenhaften Handlangers „Wolfi“ (Tim Ricke) schicke Sportwagen restaurieren und illegale Autorennen veranstalten: Dieser halbgare Ausflug in die „Fast & Furious“-Welt ist für die Kerngeschichte zwar ziemlich nebensächlich, bekommt aber dermaßen viel Platz im Drehbuch eingeräumt, dass man fast meinen könnte, zu Themen wie Transhumanismus, Hirnforschung und Künstlicher Intelligenz sei den Filmemachern für 90 Krimiminuten nicht genug eingefallen.

    Man muss lange suchen, um dem „Tatort: Maleficius“ überhaupt etwas Positives abzugewinnen: Die Auflösung ist vorhersehbarer als ein Busfahrplan und in der Hotellobby, in dem bereits der Showdown der letzten Folge aus Ludwigshafen gedreht wurde, hat der SWR das Set für diesen „Tatort“ einfach ein weiteres Mal aufgebaut (und zwar für den Kongress, auf dem Bordauer einen Vortrag hält). Doch Odenthals unbefugtes Eindringen in die sterilen Einrichtungen seiner Hirnforschungsabteilung ist zumindest spannend arrangiert – schon wenige Minuten später wird dieser Lichtblick aber durch ein hanebüchenes Manöver ruiniert, bei dem sich Stern spontan mit muskelbepackten Kfz-Mechatronikern verbrüdert, statt mal das SEK herbeizuzitieren. Auch das ethisch heikle Zukunftsszenario, das Bohn entwirft und das womöglich irgendwann Realität werden könnte, regt zum Nachdenken an – bei der Ummünzung in einen überzeugenden Sonntagskrimi hapert es aber erheblich. So gilt dann leider wieder das, was in den letzten Jahren schon so häufig für die Beiträge aus Ludwigshafen galt: Gut gemeint, aber weit weniger gut gemacht.

    Fazit: Ein schwacher Sci-Fi-Krimi, dessen im Kern mutige Geschichte unter einfallslosen Dialogen, vielen Stereotypen und der statischen Inszenierung zunehmend verschüttgeht.
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