Mein FILMSTARTS
    The Dead Don't Die
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Dead Don't Die

    Der Countrysong unter den Zombie-Komödien

    Von Christoph Petersen
    Bereits der Trailer zu „The Dead Don’t Die“ versetzt einen ins Staunen. Ins Staunen, weil ausgerechnet Jim Jarmusch, der Regisseur von „Permanent Vacation“, „Stranger Than Paradise“ und „Down By Law“, eine Zombie-Komödie inszeniert. Ins Staunen, weil er dafür einen solch unfassbar namhaften Cast voller alter Weggefährten wie Bill Murray und Chloë Sevigny (beide „Broken Flowers“), Tilda Swinton („Only Lovers Left Alive“), Adam Driver („Paterson“), Steve Buscemi („Mystery Train“) und Tom Waits (ist bei Jarmusch eigentlich immer dabei) zusammengesammelt hat. Dazu kommt Ex-Disney-Star Selena Gomez („Spring Breakers“) als neue junge Komplizin.

    Und trotzdem reißt einen der Trailer nicht gerade vom Hocker. Der Humor wirkt gedämpft, fast wie unter einer Glocke. Die Pointen scheinen zum Greifen nah, schlagen dann aber doch nicht ein. Im fertigen Film ist das gar nicht mal großartig anders. Aber im Gegensatz zum Trailer spürt man hier Jarmusch‘ bewussten Nicht-Rhythmus, seine vollkommende Gleichgültigkeit gegenüber der klassischen Idee von Aufbau und Payoff. „The Dead Don’t Die“ ist ein Film wie ein atonales Jazzstück: Trotz der Besetzung und des Genres ganz sicher kein Crowdpleaser, aber Fans von Jarmusch‘ gechillter Lässigkeit, die übrigens absolut gar nichts mit Kiffer-Filmen wie „Friday“ & Co. zu tun hat, kommen dennoch auf ihre Kosten.

    Drei völlig überforderte Kleinstadt-Cops.


    Als Folge von Fracking an den Polen gerät die Erdachse aus den Fugen. Plötzlich bleibt es viel länger hell und der Mond wabert merkwürdig lila. Während die Politiker die offensichtlich reale Katastrophe als „Fake News“ abtun und weiterhin so tun, als wäre alles in bester Ordnung, wird die kleine 738-Seelen-Gemeinde Centerville Schauplatz einer Zombie-Epidemie. Während die Cops Chief Cliff Robertson (Bill Murray), Ronnie Peterson (Adam Driver) und Mindy Morrison (Chloë Sevigny) nicht so recht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen, scheint die Samurai-Schwert-schwingende, mit einem schweren schottischen Akzent sprechende Beerdigungsunternehmerin Zelda Winston (Tilda Swinton) inmitten der Horden von Untoten voll in ihrem Element zu sein. Wobei sie vielen der Zombies gar nichts tut, sondern mit ihrem von Ronnie ausgeborgten Smart einfach nur langsam um sie herumfährt…

    Die meisten Zombiefilme haben einen Rock-Song oder eine Metal-Hymne als Titelthema. Passt ja auch am besten. Aber „The Dead Don’t Die“ von Sturgill Simpson ist ein traditioneller Countrysong – und zwar ein Countrysong, der von Jim Jarmusch ohne einen Hauch von Ironie präsentiert wird und von dem Cop Ronnie sofort weiß, dass es sich um den Titelsong des Films handelt, als er und Cliff ihn bei einer Streifenfahrt zufällig im Radio hören. Sowieso ist die Ironie in diesem Film allein den durchreisenden Hipstern aus der Großstadt (u. a. Selena Gomez) vorbehalten – und selbst die halten sich damit erstaunlich zurück. Den seltsamen Vorkommnissen begegnen die Bewohner von Centerville allgemein mit einer überraschenden Lethargie. Sie nehmen die schleichende Invasion durchaus zur Kenntnis, aber sie tun längst nicht so viel dagegen, wie man eigentlich erwarten würde - von einer in dieser Situation zu erwartenden Panik ganz zu schweigen: Crowd Control bedeutet in „The Dead Don’t Die“ das Wegschicken von drei harmlos herumstehenden Passanten. Als wären hier alle ein Stück weit mit Beruhigungsmitteln vollgestopft. Und das gilt auch für Jim Jarmusch und seinen zutiefst lakonischen Film selbst.

    Auf den Spuren von George A. Romero


    Aber vermutlich ist das einfach so, wenn man täglich mit Untergangsszenarien von Fox News & Co. bombardiert wird – hier ja zu Beginn auch wieder in Form der verschobenen Erdachse. Wenn eh jeden Tag das Abendland unterzugehen droht, dann nimmt man das eben irgendwann tatsächlich als etwas Alltägliches zur Kenntnis. So wie der schwarze Heimwerkerladenverkäufer Hank (Danny Glover) zur Kenntnis nimmt, dass der Farmer Miller (Steve Buscemi) bei einem Plausch im örtlichen Diner ganz selbstverständlich eine rote Baseballmütze mit dem Aufdruck „Keep America White Again“ trägt. Das ist allerdings nur eine von vielen möglichen Interpretationen. Denn auch wenn „The Dead Don’t Die“ – in der direkten Tradition von George A. Romero – seine Kapitalismuskritik ganz offen auf der Zunge trägt, wenn die Zombies etwa neben Menschenblut auch nach WiFi lechzen, wird Jarmusch doch nie viel deutlicher. Aber mit dem zu Ende bringen einmal angefangener Dinge hat er es diesmal sowieso nicht so.

    Das gilt nicht nur für die schon angesprochenen Meta-Elemente, wenn Driver und Murray plötzlich die vierte Wand durchbrechen, um sich über den Titelsong oder gar ihre Beziehung zum Regisseur zu unterhalten, sondern mitunter auch für ganze Handlungsstränge. Ein – zumindest was die Screentime angeht – ganz zentraler Handlungsstrang spielt in einer Erziehungsanstalt für Jugendliche, wo ein Junge und zwei Mädchen in einer nie wirklich enthüllten, aber potenziell faszinierenden Beziehung zueinander stehen. Jarmusch kehrt zwar immer wieder zu dem Trio zurück, aber der ganze Strang führt absolut nirgendwo hin. Es gibt hier genauso wenig einen Payoff wie bei Selena Gomez, die als Hipster-Klischee im Kult-Oldtimer entgegen den ungeschriebenen Genreregeln supersympathisch und gar nicht karikaturartig gezeichnet wird – so hat das Publikum nur später gar keinen Grund zum Jubeln, wenn sie das Zeitliche segnet. Selbst der große Showdown bietet keine klassische Belohnung, obwohl hier Zombieschädel mit einer Pumpgun und einer Machete bearbeitet werden. Denn auch hier gibt es statt eines knackigen Rocksongs ein von Tom Waits mit alkohol- und rauchgestählter Stimme vorgetragenes, antikapitalistisches Pamphlet.

    Nur die Bestatterin Zelda weiß, wie man die Zombies in ihre Schranken weisen kann.


    Wer Jim Jarmusch nicht kennt, wird bei „The Dead Don’t Die“ wahrscheinlich die ganze Zeit denken, dass es jetzt gleich aber wirklich losgehen wird. Tut es aber nicht. Stattdessen zieht er sein lässiges Understatement (und nicht einmal das wird herausgestellt) radikal durch. Nur Bill Murray und Adam Driver dürfen wirklich scheinen, während Tilda Swinton sowieso völlig freidreht und Iggy Pop (das Sujet aus Jarmusch‘ Dokumentarfilm „Gimme Danger“) in seinen zwei Kurzauftritten als kaffeesüchtiger Zombie begeistert (aber dass das die Rolle seines Lebens ist, haben wir eh schon lange geahnt). Viele andere Rollen und Schauspieler werden hingegen gar nicht bis längst nicht genug genutzt – neben der eigentlich stark spielenden Selena Gomez etwa auch Steve Buscemi als Arschloch-Republikaner. Jim Jarmusch macht in „The Dead Don’t Die“ eine ganze Menge Sachen nur halb. Aber das mit aller Konsequenz. Kann man richtig doof finden. Man kann sich aber auch auf die völlige Abwesenheit eines klassischen Rhythmus einlassen – und dann eine wirklich lohnende Kinoerfahrung haben.

    Fazit: Eine Zombie-Komödie von Jim Jarmusch. Und damit ist eigentlich auch schon alles gesagt.

    Wir haben „The Dead Don’t Die“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er als Eröffnungsfilm und Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
    • Die besten Filme aller Zeiten: Usermeinung
    • Die besten Filme aller Zeiten: Pressemeinung

    Kommentare

    • Deliah C. Darhk
      Mein Lieblings-Jarmusch ist Night on Earth.
    • Deliah C. Darhk
      Nein, die Summe von 5 ist 5. ;P
    • Defence
      Kommt selten vor, das ich einfach unsicher bin, was mein Interesse an einem Film betrifft.Von Jarmusch kenne ich eigenlich nur C&C und natürlich Ghost Dog, beide auch in meiner Filmsammlung, fällt mir trotzdem schwer, seinen Stil zu bewerten.Der Film hier reizt mich schon allein wegen dem Cast, der Wahrscheinlichkeit für skurrile Figuren und auch weil ich ein Faible für die Zombiethematik habe.Gleichzeitig klingt es in der Kritik auch so, als ob der Film einfach vor sich hinplätschern würde.Denke, werde dem ganzen trotzdem mal eine Chance geben.Würde mich interessieren, ob wir in D. überhaupt mit einer Kinoauswertung rechnen können? gibt es dazu schon Infos?
    • Simon Missbach
      Ich schon. Seit Dead Man gibt es wohl keinen Jarmusch, den ich lieber sehen wollte. :)
    • Bobby L.
      Danke für den Tipp ;)Bei Filmstarts bekommt ein netter Film, den man sich mal angucken kann, aber nicht muss doch meist seine 3 Sterne.Man kann fragen, was ohne Jim Jarmush von dem Film noch bleibt. Ein toller Cast macht noch keinen passablen Film.Vl wärs sonst doch deutlich schlechter, ok. Muss aber auch nicht heißen, dass die Aufwertung auf 3,5 ungerechtfertigt ist.Vl wird mich der Film auch enttäuschen, mal sehen, glaube aber nicht daran.p.s.: warte mal, ist der durchschnitt von 5 nicht 5?
    • Jimmy v
      Ich meinte nicht dich, ich meinte einfach, dass Jarmushs Film halt satirisch ist, ohne gleich zu sehr übers Ziel hinauszuschießen. Das könnte ich mir einfach als nützlich vorstellen. Ob es das ist, weiß ich genauso wenig wie du, da wir den Film ja nicht gesehen haben. Ich lese die Kritik einfach anders als du. Für mich wirkt es so, als wäre gerade dieser Jarmush-Stil - so man ihn denn mag - erfrischend.
    • Deliah C. Darhk
      Ich bin mir nach dieser Kritik noch nicht sicher, ob ich den Film wirklich sehen will.
    • Deliah C. Darhk
      Der Durchschnitt von 5 ist 2,5 und nicht 3.
    • Bobby L.
      Halbfertigkeit wird nicht als Jarmusch's Stil verkauft. Sein bewusster Nicht-Rhythmus, seine vollkommende Gleichgültigkeit gegenüber der klassischen Idee von Aufbau und Payoffund seine gechillte Lässigkeit werden in der Kritik hervorgehoben.Und genau das hebt den Film eben über eine durchschnittliche Wertung.Mit 3,5 liegt man auch nur nen halben Punkt über der durchschnittlichen 3,0. Wer mit dem Stil nichts anfangen kann wertet vl sogar auch 2,5 oder Schlimmeres ab. Da hast du ganz recht, Kritik kann auch etwas subjektiv sein.So reicht es nicht für den großen Film, aber wie Jimmy v schon schrieb, zu ner kleinen Satire mit Kapitalismuskritik, die mit typischem Erzähl-Stil bricht und mit eigenem Stil glänzt.Vl würde ein No Name nur ne 3,0 bekommen, wenn er eine x-beliebige Satire dreht, die man sofort wieder vergisst. Aber falls The Dead Don't Die 0,5 mehr bekommen hat, dann nicht weil Jim Jarmush drauf steht, sondern weil Jim Jarmush drinsteckt.
    • Harley Quinn
      Wen meinst du? Mich sicherlich nicht, denn ich wüßte nicht wo ich das Maß oder die Mitte verloren hätte, oder unentspannt sei! Auch hab ich nichts von halbwertig geschrieben, sondern halbfertig und genau das prangert doch diese Kritik selber an, vielles angeschnitten, aber nicht zu Ende gedacht/gemacht. Bei einem Jim Jarmusch verkauft man das als Stilmittel, weil er es immer so macht. Ist es dadurch gleich ein guter Film, eine sehenswerte Satire oder erfrischende Kapitalismuskritik? Hmm, darüber wird sich streiten lassen. Aber hier werden Kritikpunkte genannt die bei anderen Rezensionen zu einer deutlicheren Abwertung führen würde. Und ich bin der Meinung, nur der Name Jim Jarmusch verhindert hier, dass man härter mit dem Film ins Gericht geht. Die Filmkritik ist subjektiv, genau wie mein Kommentar.
    • Jimmy v
      Aber das ist hier doch nicht halbwertig. Die Kritik hat das doch gar nicht so beschrieben. Eher scheint der Film einfach eine kleine (!) Satire auf den Zombiefilm zu sein und eine kleine (!) Kapitalismuskritik usw. usf. Ich finde so etwas ehrlich gesagt erfrischend. Mehr Maß und Mitte und etwas mehr Entspannung.
    • Harley Quinn
      Das war keine Schlussfolgerung, sondern eine Anklage. Hätte man einem unbekannteren Regisseur halbfertige Sachen durchgehen lassen und nur 1,5 Punkte von der Bestwertung abgezogen? Ich glaub nicht.
    • Jimmy v
      Das ist deine Schlussfolgerung? Man könnte das alles auch als kleine Kritik am ewig gleichen Zombiefilm verstehen. Das wäre auch ohne Jarmush-Unterschrift eine interessante Sache.
    • Kein_Gast
      Liest sich furchtbar
    • Phil
      Selbst wenn es nur 1 Stern gegeben hätte, werde ich mir das auf jeden Fall ankucken.
    • Bruce Wayne
      Jim Jarmusch liefert konsistent Qualität ab. Fand bisher noch keinen seiner Filme schlecht. Alle solide, bis hin zu sehr gut. Wird hier nicht anders sein, denke ich.
    • Harley Quinn
      Also mit anderen Worten, wäre es kein Jim Jarmusch, müsste der Streifen ne Gurkenbewertung bekommen.
    • HappyTiger
      Hmmm.... Eher skeptisch, ob mich Jarmusch damit mal wieder begeistern wird...
    Kommentare anzeigen
    Back to Top