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Wintermärchen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Wintermärchen

Rechter Terror als ultimative Triebabfuhr

Von Michael Meyns
Eine dreiköpfige Terrorzelle, bestehend aus zwei Männern und einer Frau, die in und um Köln wahllos Ausländer ermordet. Bei diesem Plot muss man natürlich unweigerlich an den NSU denken, doch Jan Bonny geht es in seinem außerordentlichen und außerordentlich radikalen Film „Wintermärchen“ um etwas anderes als eine Rekonstruktion der Realität. Mit schonungslosem, oft drastischem und schwer zu ertragendem Blick beschreibt er die zwischen Sadismus und Masochismus changierenden Strukturen des triebgesteuerten Trios, dessen fickenden, saufenden und mordenden Mitglieder sicher nicht dem Klischee eines Neo-Nazis entsprechen und gerade deshalb so erschreckend realistische Abbilder eines Teils der deutschen Gegenwartsgesellschaft sind.

Eine Frau, zwei Männer, eine Terrorzelle. Tommi (Thomas Schubert) und Becky (Ricarda Seifried) leben im Untergrund in einer viel zu engen Kölner Wohnung und träumen vom Kampf gegen Ausländer. Aber weder klappen die Anschläge noch der Sex zwischen dem vermeintlichen Paar, das es kaum noch zusammen aushält. Als Maik (Jean-Luc Bubert) dazustößt, ändert sich die Dynamik der Gruppe. Tommi wird zunehmend in die Rolle des Beobachters gedrängt, der hinter Maiks Selbstbewusstsein und seiner Virilität zurücksteht. Nach Mordanschlägen auf willkürlich ausgewählte Ausländer feiert das Trio exzessiv und steigert sich dabei zunehmend in einen rabiaten Rausch aus Selbstüberschätzung und Egomanie…


Man könnte sagen, dass Jan Bonny gerne dorthin geht, wo es richtig, richtig weh tut. Schon in seinem Kinodebüt „Gegenüber“ war es die Beziehung zwischen einem Polizisten und seiner ihn verprügelnden Frau, die mit allen Abgründen und Momenten der gegenseitigen Zerfleischung geschildert wurde. Nun nimmt er sich mit derselben Schonungslosigkeit, mit der er nicht nur seine Protagonisten, sondern auch sein Publikum behandelt, ein Trio von rechtsradikalen Möchtegernterroristen vor. Schon in seinem letztjährigen Polizeiruf „Das Gespenst der Freiheit“ hat Bonny damit begonnen, das unheilvolle Zusammenspiel zwischen Sex, Gewalt und rechtem Terror auszuloten, damals freilich noch im engen Korsett eines 20.15-Uhr-Krimis. In „Wintermärchen“ gibt es nun keine Konventionen mehr, keine Muster oder Schmerzgrenzen, an denen sich Bonny und sein Co-Drehbuchautor Jan Eichberg orientieren müssten. Stattdessen provozieren sie von Anfang an eine unausweichliche Eskalationsspirale, bei der Sex, Mord und Saufen immer mehr zu einer Melange des puren Ekelhaften verschmelzen.

Zu Beginn wird nicht ganz klar, ob Tommi und Becky überhaupt schon einmal eine Aktion durchgeführt haben. Wenn sie mit ihrem Auto und gezückter Knarre an Vielleicht-Ausländern vorbeifahren, agieren sie vollkommen amateurhaft, reden vor allem über den Drang, etwas gegen „die Ausländer“ zu tun, was stets wie eine Ersatz-Triebabfuhr anmutet. Erst mit der Ankunft des mit seiner Potenz protzenden Maik brechen sich die Triebe Bahn und es geschehen vollkommen willkürliche Morde, auf die stets exzessive Feierlichkeiten folgen (oft mit viel Sekt, einer der Bezüge zum realen NSU-Trio, schließlich hatte Beate Zschäpe tatsächlich eine Vorliebe für dieses Getränk). Aber es gibt nicht nur Parallelen zu dieser „modernen“ Form des rechtsnationalen Terrors in Deutschland, zugleich erinnern die Strukturen innerhalb der Terrorzelle, der Drang nach Liebe, die sadomasochistischen Beziehungen und die Machtspielen auch an das, was man über die RAF weiß. Die Versuche Andreas Baaders etwa, mit Sex und Zuwendung Kontrolle und Macht über die anderen Gruppenmitglieder auszuüben (wobei die Exzesse in „Wintermärchen“ maximal triebgesteuert und deshalb nie wie ein mit Bedacht eingesetztes Lenkungsmittel wirken).

Bonny treibt diese Versuchsanordnung bis zum Äußersten und für nicht wenige Zuschauer wird er das Maß des überhaupt noch Erträglichen dabei wahrscheinlich sogar überschreiten: Er dekliniert die verschiedenen Beziehungsstrukturen des Trios durch, in der mal Maik und Becky den unterwürfigen Tommi beherrschen oder später Tommi und Maik sich bei den Anschlägen (Becky bleibt im Auto) so näherkommen, dass es schließlich auch zum Sex zwischen den Männern kommt - eine nur noch viel perversere Version von Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“, in dem der Philosoph die unweigerlichen Machtverschiebungen in einem Trio als die eigentliche Hölle entlarvt. Unerbittlich hält die Kamera von Benjamin Loeb dabei drauf, zeigt das Geschehen in oft langen Einstellungen, die den Darstellern alles abverlangen. Mit größter Offenheit, die manchmal hart an die Grenze des Exhibitionismus kratzt, füllt das Hauptdarstellertrio seine Rollen bis an die Schmerzgrenze und manchmal auch darüber hinaus aus.

Immer wieder arten die Diskussionen in hysterisches, unverständliches Geschreie aus, was den Zuschauer nur noch zusätzlich mit dem Umstand konfrontiert, dass er mit diesen Menschen eigentlich nicht eine einzige Sekunde verbringen will. Angenehm anzusehen ist „Wintermärchen“ in keinem Moment, zumal Bonny sich jeder oberflächlichen Wertung entzieht. Selten hat man sich im Kino – ohne jede ironische Igittigitt-Distanz – dermaßen vor etwas geekelt. Jede Sekunde, die man nicht aufsteht und geht, ist eine Überwindung – „Wintermärchen“ ist sicherlich einer der provokantesten und herausforderndsten, auf jeden Fall aber der unbequemste Film, der 2019 in den deutschen Kinos zu sehen sein wird.

Fazit: Jan Bonny wirft in seinem wuchtigen „Wintermärchen“ einen schmerzhaft schonungslosen Blick in eine Terrorzelle, die wahllos mordet, vögelt und sich selbst zerfleischt.
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