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    Tatort: Die harte Kern
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Tatort: Die harte Kern

    Überraschend ernster "Tatort" aus Weimar

    Von Lars-Christian Daniels
    In den vergangenen Jahren musste sich so mancher „Tatort“-Kommissar nach einem vermeintlichen Fehltritt bohrende Fragen von internen Ermittlern gefallen lassen: Im tollen Münchner „Tatort: Der traurige König“ beispielsweise glaubte man dem altgedienten Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) lange Zeit nicht, dass der einen tödlichen Schuss auch wirklich in Notwehr abgegeben hatte. Seinem Dortmunder Kollegen Peter Faber (Jörg Hartmann), der im sehenswerten „Tatort: Zahltag“ von dem internen Ermittler Johannes Pröll (Milan Peschel) unter Druck gesetzt wurde, erging es kaum besser – und auch der Bundespolizist Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), der den Spieß am Ende einfach umdrehte, sah sich im „Tatort: Alles was Sie sagen“ schweren Vorwürfen ausgesetzt. Nun erwischt es ein paar Monate später auch die Kollegen aus Weimar: In Helena HufnagelsTatort: Die harte Kern“ macht die interne Ermittlung Hauptkommissar Lessing zu schaffen – was dazu führt, dass in der Krimikomödie aus Thüringen deutlich ernstere Töne angeschlagen werden, als es in den vergangenen Jahren der Fall war. Ein stimmiges Gesamtbild ergibt sich dabei allerdings nicht.

    Der Weimarer Hauptkommissar Lessing (Christian Ulmen) staunt nicht schlecht, als das Gericht den Schrottplatzbesitzer Harald Knopp (Heiko Pinkowski) vom Vorwurf des Mordes an einer Kunstsammlerin freispricht: Lessing hatte Knopp mithilfe von DNA-Spuren überführt, doch dessen Rechtsanwalt Willi Wollnitz (Bernd Hölscher) präsentiert mit Rainer Falk (Jan Messutat) vor Gericht einen Entlastungszeugen – den Neffen der Ermordeten. Doch es kommt noch dicker für den Kommissar: Als Knopp ihn nach dem Freispruch anruft und um ein Gespräch unter vier Augen bittet, findet Lessing am vereinbarten Treffpunkt nur noch dessen Leiche. Weil die Kugel im Kopf des Toten aus der Waffe des Kommissars stammt, schlägt die Sonderermittlerin Eva Kern (Nina Proll) bei Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) auf: Lessing landet in einer Zelle und auch seine Partnerin Kira Dorn (Nora Tschirner) wird wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen. Gemeinsam mit dem frisch verliebten Schutzpolizisten „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) setzt sie dennoch alles daran, ihren Mann zu entlasten und fühlt Knopps Bruder Georg (Marc Hosemann) und dessen Frau Hannah (Katharina Marie Schubert) auf den Zahn, die beide im selben Theater arbeiten…

    Zweisamkeit im Knast.


    Sieh’s positiv: Wenn du lange genug im Bau sitzt, dann musst du nach dem Kindergeburtstag nicht mitaufräumen“, witzelt Dorn bei einer Stippvisite in der Zelle ihres Gatten und wird von Lessing prompt abgebügelt: „Kira, wirklich – jetzt nicht!“ Schon dieser Dialog zeigt exemplarisch, dass sich die Stimmungslage im sonst so humorvollen „Tatort“ aus Weimar verändert hat: Nach einem turbulenten Kirmesbesuch im „Tatort: Der irre Iwan“, einem schrägen Abstecher in eine Kloßfabrik im „Tatort: Die robuste Roswita“ oder einem wilden Western-Abenteuer im „Tatort: Der höllische Heinz“ schlagen die Filmemacher diesmal weniger alberne Töne an. An einem klassischen Sonntagskrimi ist die 1103. Ausgabe der öffentlich-rechtlichen Erfolgsreiche damit näher dran als je zuvor. Das liegt auch daran, dass die privat liierten Kommissare, deren Kind der Zuschauer bei ihrem neunten Einsatz – ein folgenübergreifender Running Gag – weiterhin nicht zu Gesicht bekommt, über weite Strecken getrennte Wege gehen: Leben die Folgen aus Weimar sonst auch von den bissig-ironischen Wortgefechten des schlagfertigen Ermittlerduos, muss Dorn diesmal mit dem einfältigen „Lupo“ als Sparringspartner vorlieb nehmen, was kein Duell auf Augenhöhe ist.

    Dass die Drehbuchautoren Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr, die den Stammautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger die Dialoge überlassen haben, den Humor etwas zurückschrauben, offenbart sich auch an Kripochef Stich, der bisher als reine Polizistenkarikatur daherkam und diesmal viel geerdeter wirkt. Regisseurin Helena Hufnagel („Einmal bitte alles“), die ebenfalls ihr „Tatort“-Debüt feiert, setzt außerdem auf eine überraschend düstere Inszenierung – förmlich zugkleistert werden ihre Bilder allerdings mit einem kitschigen Soundtrack, bei dem von Celine Dion über Cigarettes After Sex und David Bowie so gut wie alles dabei ist, was die Musikwelt in den letzten Jahrzehnten an stimmungsvollen Pop-Nummern hervorgebracht hat. Nach einer guten Stunde und ein paar Krokodilstränen der Kommissarin verlassen die Filmemacher diesen Pfad dann plötzlich: Im Zuge einer hanebüchenen Wendung, bei der Nebendarstellerin Katharina Marie Schubert (brillierte zuletzt im Stuttgarter „Tatort: Anne und der Tod“ und im Frankfurter „Tatort: Falscher Hase“) bereits zum dritten Mal binnen vier Monaten die Schlüsselrolle in einem Sonntagskrimi zukommt, ist plötzlich wieder alles beim Alten – und in der letzten halben Stunde des Films wird noch all der Klamauk nachgeholt, ohne den die Krimikomödie bis dato ganz gut ausgekommen ist.

    Zwischen allen Stühlen


    Ein solch abrupter Wechsel des Erzähltons kann kaum funktionieren, und so stellt sich am Ende vor allem die Frage, welcher Teil der Zuschauer beim „Tatort: Die harte Kern“ auf seine Kosten kommen soll: Für eine spritzige und über 90 Minuten unterhaltsame Komödie ist die Gagdichte lange Zeit nicht hoch genug, für einen kniffligen Whodunit zum Miträtseln mangelt es an einer glaubwürdigen und originellen Geschichte und für ein mitreißendes Krimidrama sind die Charaktere viel zu überzeichnet. Auch die titelgebende Sonderermittlerin Kern, die Lessing in die Mangel nimmt und kein Erbarmen mit ihrem Kollegen kennt, ist letztlich nur eine ebenso unsympathische wie einfallslose Figur aus dem Standardrepertoire der Krimireihe, die wir in den eingangs genannten und vielen weiteren Folgen schon dutzende Male zu Gesicht bekommen haben. Dass hier mehr drin gewesen wäre, zeigt ein köstliches Wortduell mit Lessing, bei dem der Kommissar auf einen Anwalt verzichtet und sein Gegenüber mit ironischen Überspitzungen abblitzen lässt – es ist einer der wenigen Höhepunkte in einem Genremix, dem die klare erzählerische Linie fehlt und in dem am Ende trotz guter Ansätze vieles Stückwerk bleibt.

    Fazit: So ernst war der „Tatort“ aus Weimar noch nie – aber er war schon deutlich besser.
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    Kommentare

    • TresChic
      Mal unabhängig vom sehr durchschnittlichen Tatort mit einem immer nervenden Lupo, hat mich am meisten die Synthwave Musik in fast jeder Szene gestört.
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