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    The Gift - Die dunkle Gabe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Gift - Die dunkle Gabe
    Von Björn Helbig
    Bevor Sam Raimi mit seiner Spider-Man-Reihe einen Volltreffer landete, brachte er im Jahre 2000 noch einen Film in die Kinos, der genau wie Schneller als der Tod, Ein einfacher Plan und „Aus Liebe zum Spiel“ im Schatten seiner grellen Frühwerke stand und der trotz seiner Qualität weder die Fans der Tanz der Teufel-Filme, noch das Mainstream-Publikum so richtig für sich einnehmen konnte. Doch obwohl Raimi auch mit „The Gift“ wieder ein wenig zwischen den Stühlen saß, ist ihm ein spannender, sehr gut inszenierter und starbesetzter Genre-Mix gelungen, der Elemente des Mystery- und Gespensterfilms mit solchen des Krimis und Kleinstadtdramas verbindet.

    Annie Wilson (Cate Blanchett ) ist Hellseherin. Nach dem Tod ihres Mannes, den sie voraussah und für den sie sich deswegen verantwortlich fühlt, muss sie alleine für ihre drei kleinen Söhne Mike, Miller und Ben (Lynnsee Provence, Hunter McGilvray, David Brannen) sorgen. Ihre Brötchen verdient sich die Witwe damit, dass sie in der Kleinstadt Brixton für Menschen die Karten legt. Viele schätzen ihre Hilfe sehr, z.B. der von Wahnvorstellungen geplagte Buddy Cole (Giovanni Ribisi), für den Annie die einzige Bezugsperson ist; oder auch Valerie Barksdale (Hilary Swank), die sich von Annie immer wieder Lebensratschläge holt. Doch nicht alle sind mit der Arbeit der Wahrsagerin einverstanden. Wie Valerie Barksdales gewalttätiger Mann Donnie (Keanu Reeves), der Annie beschuldigt, seiner Frau den Floh ins Ohr gesetzt zu haben, ihn verlassen zu wollen. Doch dann werden die ohnehin schon ersten Kleinstadtquerelen noch einmal überschattet: Jessica King (Katie Holmes), die Freundin von Mikes Lehrer Wayne Collins (Greg Kinnear), ist verschwunden. Die Polizei sucht vergeblich. Nur widerwillig bittet Sheriff Pearl Johnson (J. K. Simmons) Annie um Hilfe.

    Der Eröffnungszug, den Raimi bei „The Gift“ macht und die daraus entstandene Figurenkonstellation, bei der wirklich jede Figur in einer gewissen Beziehung zu den anderen steht, sind beachtlich. Schnell entwickelt der Film einen Sog, der in die Geschichte zieht. Denn während bei vielen anderen Filmen Raimis zunächst die eigenwillig-großartige Inszenierung ins Auge fällt, wird der Blick bei „The Gift“ natürlich vom großartigen Cast angezogen: Cate Blanchett, Keanu Reeves, Katie Holmes, Giovanni Ribisi, Greg Kinnear, Hilary Swank – mit dieser Besetzungsliste könnte man eigentlich mehr als einen Film bestreiten. Wichtiger als große Namen und Einzelleistungen ist natürlich die Chemie zwischen den Darstellern – und die stimmt! Cate Blanchett (Babel, Tagebuch eines Skandals) als Annie meistert ihre Aufgabe als Hauptrolle des Films und Zentrum der Geschichte mehr als souverän. Zu jeder der Figuren pflegt sie als schüchtern-verletzlicher aber trotzdem entschlossen-eigensinniger Mittelpunkt eine ganz besondere Beziehung. Doch die Vielfältigkeit der Ausrichtungen gilt auch für die anderen Personen. Was sind die dunklen Seiten von Greg Kinnears Figur Wayne Collins? Ist Ribisis Buddy Cole ein bemitleidenswerter Irrer oder ein gefährlicher Psychopath? Und Reeves’ Donnie Barksdale? Handwerklich spielen alle ihre janusköpfigen Figuren, die bis in die Nebenrollen Freude machen, mit sichtlichem Spaß. So sieht man J. K. Simmons, der in Spider-Man, Spider-Man 2 und Spider-Man 3 den Misanthropen J. Jonah Jameson zum Brüllen komisch darbietet, hier als muffeligen Cop. Lediglich Keanu Reeves (zuletzt zu sehen in Das Haus am See und demnächst in The Night Watchman), der mit Engagement gegen sein Image anspielt, hat Probleme mit seiner Figur, die nicht die nötige Zeit zur Entfaltung bekommt. Trotzdem ist es sehr interessant ihn, genau wie – pssst – Greg Kinnear (Little Miss Sunshine, Fast Food Nation), mal gegen die Erwartungshaltung besetzt zu sehen.

    Wenn man Sam Raimis Schaffen in drei Phasen teilt – die Horror- und Comicphase, welcher der herrlich absurde Film Die Killer-Akademie, seine „Tanz der Teufel“-Reihe und die düstere Superhelden-Persiflage Darkman zuzuordnen sind, die Phase, in der sich Raimi im Mainstream versuchte und diejenige, in welcher die beiden vorigen Schaffensperioden perfekt verschmelzen und in seinen „Spider-Man“-Filmen kulminieren –, dann scheint „The Gift“ den Übergang von Phase zwei in Phase drei zu kennzeichnen. Raimi-typische Inszenierungsmerkmale sind durchaus vorhanden, trotzdem verschrecken keine zu grellen Ideen das Massenpublikum. Der Schwerpunkt des Films liegt auf einer austradierten Geschichte. Trotzdem ist „The Gift“ kommerziell kein großer Erfolg geworden. Irgendwas hat die Zuschauer abgeschreckt. War manchen die Geschichte aus der Feder des als Schauspieler sehr erfolgreichen Billy Bob Thornton (Bad Santa) in ihrer Quintessenz doch zu einfach? War der letzte Schritt ins Übernatürliche einer zu weit? Vielleicht war es auch einfach das typische Zielgruppenproblem von Filmen, die Genres mixen (wie Raimi schon bei Schneller als der Tod erfahren musste). Den Grusel- und Horror-Zugeneigten ist der Film wohl nicht hart genug, wer Krimis mag, dem driftet alles am Ende vielleicht zu sehr ins Mystische ab, und manchem Raimi-Fan enthält der Film möglicherweise zu wenig Raimi. Doch wenn der Film auch nicht die Herzen der Massen erobert hat: für alle treuen Anhänger des Regisseurs und diejenigen, die Thriller der besonderen Art schätzen, ein Muss.
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